Der erste Satz des Tao Te Ching lautet:
„Das Tao, das sich sagen lässt, ist nicht das wirkliche Tao.“ Das ist das Allererste, was er auf dem Herzen hat: „Alles, was sich sagen lässt, kann nicht wahr sein.“ Das schickt er dem Buch voraus. Um dich zu warnen: „Jetzt folgen Worte – fall ja nicht auf sie rein! Vergiss nicht das Wortlose. Vergiss nicht das, was sich durch Sprache, durch Worte nicht kommunizieren lässt. Das Tao lässt sich zwar kommunizieren, aber nur von einem Dasein zum anderen: In der Präsenz eines Meisters lässt es sich kommunizieren; setze dich einfach nur zum Meister, ohne etwas zu tun oder zu praktizieren. Sei einfach nur bei ihm, und es kann kommuniziert werden.“
Warum lässt sich die Wahrheit nicht sagen? Wo liegt das Problem? Die Wahrheit lässt sich aus manchen Gründen nicht sagen. Der erste und wichtigste Grund ist, dass die Wahrheit immer nur in der Stille erkannt wird. Erst wenn dein inneres Geschwätz aufgehört hat, wird sie erkannt. Und wie ließe sich etwas, das du in der Stille erkannt hast, durch Geräusche ausdrücken? Sie ist eine Erfahrung und kein Gedanke. Wäre sie ein Gedanke, ließe der sich auch problemlos ausdrücken. So kompliziert oder komplex ein Gedanke auch sein mag – es gäbe einen Weg ihn auszudrücken. (…)
Aber die Wahrheit lässt sich deshalb nicht ausdrücken, weil man einzig und allein durch Stille, also geräusch- und gedankenlos hinlangt. Man gelangt durchs Nichtdenken zu ihr – dadurch, dass die Gedanken stillstehen.Und wie könnte man dafür ein Medium benutzen, auf das man unbedingt verzichten muss, um zu ihr zu gelangen? Der Verstand kann sie nicht verstehen, der Verstand kann sie nicht erkennen, wie sollte der Verstand sie da ausdrücken können? Merk dir die Regel: Was der Verstand fassen kann, das kann er auch ausdrücken; was der Verstand nicht fassen kann, das kann der Verstand auch nicht ausdrücken. Sprache greift einfach nicht. Die Wahrheit lässt sich nicht ausdrücken.
Was sollen dann aber all die heiligen Schriften? Was soll dann Laotse, was sollen die Upanischaden? Sie alle weisen auf etwas hin, das sich nicht sagen lässt – in der Hoffnung, dass in dir das Verlangen danach erwacht es zu wissen. Die Wahrheit lässt sich zwar nicht sagen, aber schon ihr Versuch sie zu sagen kann den Wunsch in dir wecken, das zu erkennen, was sich nicht sagen lässt. (…)
Ein Meister wie Laotse weiß sehr wohl, dass sich die Wahrheit nicht sagen lässt; aber das bloße Bemühen sie zu sagen wird etwas in dir provozieren, wird den unterdrückten Durst wachrufen.
Und sobald sich der Durst gemeldet hat, beginnt eine Suche, ein Wissenwollen.
Und schon hat er dich in Bewegung gesetzt …
Osho