Keiner lässt sich gern sagen, dass seine Bildung für etwas nicht ausreiche. Aber eventuell muss man es ihm sagen, wenn er sich auf eine Position bewirbt, bei der ein Studium vorausgesetzt wird.
Ja, da sind viele sehr empfindlich, wollen nicht wahrhaben, dass Studiengänge in aller Regel anspruchsvoller sind als Berufsausbildungen, und hören dann mehr heraus, als ihnen gesagt worden ist. Sprich: Fühlen sich persönlich abgewertet, auch wenn es darum gar nicht geht und auch nicht so gemeint war.
Ich kenne aus meiner Verwandtschaft auch die Versuche, berufliche Werdegänge einander gleichzusetzen, die nun mal nicht gleichwertig sind, oder einzelne Aspekte herauszugreifen, um so zu tun als ob. Indirekt soll dadurch der akademische Werdegang herabgesetzt werden, um eigene Neid- und Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Da wird ein Wirtschaftsjurist FH plötzlich einem Volljuristen gleich-, wenn nicht sogar höhergesetzt, in einem Kindergarten ist das Burnout-Risiko angeblich am höchsten, so dass die Erzieherin (seit einem Jahr Teilzeit mit 30 Wochenstunden, vorher jahrelang nur 25 Wochenstunden, Arbeitsplatz im Heimatort fünf Fahrradminuten von der Haustür entfernt, hat nie woanders gearbeitet und wohnt bis heute im Elternhaus) überzeugt ist, den anspruchsvollsten Job zu haben, den es gibt. Da darf man nicht einmal erwähnen, dass man in diesem Jahr noch Mitarbeitergespräche führen muss, ohne sich die Antwort (mit spitzem Unterton) einzufangen: "Mitarbeitergespräche werden bei
uns auch geführt" (unausgesprochenes Motto:"Du brauchst dir gar nicht einzubilden, du wärst etwas Besseres"). Bestellt man einen "Café au lait", weil es so auf der Karte steht und weil man dies, da man in der Schule Französisch hatte, auch richtig aussprechen kann, wird gleich hinterfragt, was das eigentlich bedeuten solle: "
Ich sag' immer Milchkaffee."
🙄
Stolz darauf zu sein, einen Akademiker in der Verwandtschaft zu haben, kenne ich aus meiner Familie nicht (damit meine ich nicht meine leider bereits verstorbenen Eltern, sondern die entferntere Verwandtschaft - Tanten, Onkel, Cousinen etc.). Jeder ist nur auf seine Kleinfamilie fixiert, vergleicht diese mit den anderen und will dabei am besten abschneiden. Und von den wenigen Akademikern in der Verwandtschaft wird nur Tiefstapelei erwartet, am besten noch, dass sie sich demütig dafür entschuldigen, studiert zu haben und immer betonen, wie bewusst es ihnen ist, dass sie dadurch nichts Besseres sind. Das ist die Kehrseite der hier vom TE beschriebenen Medaille. Einfach ätzend.