nOCHMAL:
wIE kommt man aus seiner Opferrolle raus?
Das ist ein langer, schmerzhafter und alles andere als einfacher Weg.
Zuerst mal muß man sich überhaupt bewußt machen, daß man ein Opfer ist.
Das verlangt das Ablegen der Brille, die alles weit weg schiebt oder verharmlost, den Täter und die Tat beschönigt. Keine Ausflüchte mehr, man ist Opfer (eine sehr harte Erkenntnis, die dem Selbstwertgefühl massiv Schaden zufügt, sofern davon überhaupt noch was übrig ist),
und, ganz wichtig, ohne Schuld am Geschehenen:
der zweite Teil: keine Übernahme der Schuld mehr.
Sich als Opfer zu erkennen erlaubt nicht nur, sondern verlangt sogar, mit dem Finger auf den Täter zu zeigen, ihn anzuzeigen, seine Taten öffentlich zu machen.
Hilfe dafür zu suchen, daß alles bekannt gemacht wird, und vielleicht auch Unterstützung von weiteren Opfern, wenn es welche gibt, denn in der Gruppe ist man stärker.
Das erfordert sehr viel Mut, schließlich hat das Opfer Angst vor dem Täter, ist manchmal sogar co-abhängig, wenn etwa Gewalt und Mißbrauch höhnisch als "Liebe" ausgegeben werden.
Der dritte Schritt nach dem Erkennen, daß man schuldlos ist, besteht darin,
daß man die Selbstbestrafung für die angebliche "Schuld" bleiben läßt,
all die selbstzerstörerischen Handlungen, die man bei Opfern findet, von Ritzen über Drogenmißbrauch über eigene Gewalthandlungen (als stumme Hilfeschreie, endlich aus der Umgebung des Täters entfernt zu werden - nach dem Motto lieber Gefängnis als noch länger zuhause mit dem Täter...) bis zu Selbstmordversuchen, die von subtil (wieder Drogen, chronisch leichtsinniges/selbstmörderisches Verhalten...) bis eindeutig (Pulsadern aufschneiden etc.) reichen können.
Von gezieltem Zerstören des eigenen Lebens/der eigenen Zukunftschancen als (vergebliche) Methode, den Täter mit der Nase auf seine Untaten zu stoßen (sieh her, du bist schuld daran... ), etwa durch Schuleschwänzen, Lernverweigerungen etc. ganz zu schweigen.
Sowas juckt den Täter doch gar nicht! Ist also überflüssig wie ein Kropf, wer aus der Opferrolle heraus will soll sich im Gegenteil den Spruch zu Herzen nehmen, daß er für sich selber lernt und leistet, nicht für das Täterschwein.
Strebe nach einem guten, erfüllten Leben - dem Täter zum Trotz.
Viertens nochmal den Hinweis, niemals den Täter "schützen" zu wollen, durch Worte oder Taten oder auch durch Verschweigen. Damit schießt sich das Opfer nur selber ins Knie, mit dem Risiko, selber unglaubwürdig zu werden. Wahrheit braucht kein Verschweigen, sie darf und soll ruhig ans Licht kommen, egal wie ekelhaft und brutal sie sein mag, das Opfer ist ja schließlich nicht schuld daran. Alle Zeigefinger sollen und müssen sich auf den Täter richten.
Auch wenn Familienmitglieder (Mittäter oder zumindest Mitwisser?) von so Dingen wie Loyalität, Familienzusammenhalt und man dürfe doch nicht eigene Angehörige in die Pfanne hauen blabla faseln - egal, das alles kann und soll das Opfer getrost links liegen lassen. Denn Mitwisser und Mittäter verdienen das gleiche Schicksal wie der Täter selber, niemand soll das Opfer bedrängen dürfen, um seine eigene Mitschuld kleinreden zu können.
Fünftens, wenn die ersten vier Dinge abgehakt sind, kann eine seelische Großreinigung nicht schaden, indem man alle Gespenster, die nach der Befreiung noch übriggeblieben sind, nacheinander abarbeitet und ebenso in die Mülltonne packt, alle schlechten Angewohnheiten, die man sich in Opferzeiten angewöhnt hat (z. B. Rauchen = Selbstzerstörung!)
einmal daraufhin zu überprüfen, ob man sie überhaupt noch "braucht". Denn wer frei ist, körperlich wie geistig, kann einen totalen Neuanfang versuchen. Beginnen bei Null, sich so rein fühlen wie ein Neugeborenes, vielleicht im Rahmen einer selbstgebastelten Zeremonie (egal wie dämlich sie für andere aussehen mag, mit Räucherstäbchen und Klimbim wenn man mag, aber Rituale können erstaunlich befreiend sein, einfach ausprobieren!) und von da an kann es nur noch aufwärts gehen, auch wenn der Weg nach oben grundsätzlich schwerer zu gehen ist als einfach am Boden liegenzubleiben. Man muß sich einfach immer sagen, man tut es für sich selber. Der freundliche Psychologe hilft dabei gerne, als kleine Unterstützung und nur als solche, denn den Weg muß man selber gehen und kann auch, wenn das Schlimmste schon hinter einem liegt.
Dann ist es wichtig, das zerstörte Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, indem man sich selbst an die Kandare nimmt und stur nur noch vorwärts schaut und schreitet, aber nach Möglichkeit nie zurück, denn das reißt einen runter, "Ausflüge" in die Vergangenheit soll man aufs nötigste beschränken und darauf achten, daß die Vergangenheit einen nie wieder einholen kann.