[FONT="]Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinder... im Unterricht [/FONT]
„Kinder gerecht zu behandeln heißt, sie ungleich behandeln.“
Nicht jedes hyperaktive Kind muß laufend zappeln, aber alle Kinder fallen aus dem Rahmen sowohl in der Schule, als auch im häuslichen Umfeld.
Das Arbeitsverhalten unterliegt starken Schwankungen. Einmal liefert das Kind eine brauchbare Arbeit und versagt bei einer vergleichbaren Aufgabenstellung beim nächsten Mal. Diese Beobachtungen könnten zu dem falschen Schluß verleiten:“ Er/sie kann doch, wenn er/sie will.“ Besonders schwerwiegend sind Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche, insbesondere wenn sie kombiniert auftreten. Eine Stärke dieser Kinder ist oftmals ihre Kreativität und die Fähigkeit, originelle Lösungen zu produzieren. Dies wird aber von Lehrern/Lehrerinnen und Klassenkameraden nicht immer geschätzt, weil sie oft deren Erwartungen und Vorstellungen nicht entsprechen, denn bei diesen Kindern muß immer alles anders, extravagant sein.
Die Spannbreite der Begabungen entspricht der von Kindern ohne Aufmerksamkeitsstörungen. Meistens können sie jedoch wegen der Beeinträchtigungen ihr Leistungspotiential nicht ausschöpfen.
Durch Clownverhalten und fehlender Anpassung werden sie meistens schnell zu Außenseiter. Wenn dann Ablehnung durch Lehrer hinzukommen, finden sie in der Klassengemeinschaft keinen Rückhalt und werden isoliert.
Diese Kinder und Jugendliche sind extrem abhängig von persönlichen Beziehungen und erscheinen dadurch besonders anspruchsvoll und binden viel Aufmerksamkeit und Zeit der Lehrkräfte. Bei Zuneigung und gutem Verhältnis suchen sie immer wieder Nähe, Extragespräche und Zuwendung. Bei Abneigung provozieren und fordern sie ständig heraus, oft gar nicht absichtlich. Die Beziehung ist sowohl im positiven wie auch negativen Sinn immer sehr intensiv und höchst emotional.
Die Ursachen für diese Störungen liegen nicht in der Folge von falscher Erziehung, sondern es handelt sich um eine angeborene, selten erworbene, meist genetisch bedingte Störung der Selbstkontrolle. Es ist keine moderne Zivilisationskrankheit, es ist ein weltweites Problem. 3-10% aller Kinder sind davon betroffen, es gibt kaum eine Schulklasse ohne ein betroffenes Kind.
Hyperaktive Kinder erscheinen durch ihr impulsives Verhalten häufig aggressiv. Oft haben sie Schwierigkeiten Mimik und Gesten von anderen Personen richtig zu interpretieren, sie fühlen sich schnell bedroht und schießen mit ihrer Reaktion über das Ziel hinaus. Aggressive Verhaltensweisen entstehen möglicherweise auch aus den ständigen Frustrationen heraus, die die Kinder in allen möglichen Bereichen erleben.
Nach sorgfältiger Diagnose und genauer Aufklärung ist die medikamentöse Therapie zuverlässig, sicher, sehr wirksam und ungefährlich. Die Nebenwirkungen sind gering und bei der Schwere der Störung zu vernachlässigen. Langzeitnebenwirkungen oder Abhängigkeit sind nicht bekannt. In der Regel ist die therapeutische Behandlung eines Kindes kein öffentliches Thema. Lehrkräfte unterliegen hier der Schweigepflicht und dürfen die Kinder nicht vor anderen bloßstellen.
Kinder mit ADS können jede Schulart wählen, die ihrer Begabung entspricht, die Symptome treten unabhängig von der Schulart auf. Eine Schulart die weniger fordert bringt keine Erleichterung. Wichtig ist viel mehr, daß das Kind und seine Lehrkräfte geeignete Strategien erwerben, um mit der ADS so umzugehen, daß Lernen dennoch möglich wird. Für jede Schulart ist die Anwesenheit dieser Kinder allerdings eine Herausforderung, die pädagogisch bewältigt werden muß. Krowatschek spricht sogar von einer Angst der Lehrer vor dem überaktiven Kind und weist auf die ungenügenden Strategien von Lehrkräften im Umgang mit diesen Kindern hin. (1996) Grundsätzlich können sie später auch jeden Beruf ergreifen, für den sie sich interessieren und für den sie die schulischen Voraussetzungen mitbringen. Voraussetzung ist jedoch auch hier, daß die Ausbildungsstelle bereit ist Hilfen zu gewähren und Geduld und Nachsicht zu üben.
ADS ist nach heutigem Wissen nicht heilbar, das Erscheinungsbild und die Ausprägung ändern sich jedoch im Laufe der Entwicklung.
Es konnte festgestellt werden, daß es weniger Probleme im strukturierten Unterricht, bei der eigenen Lehrerin und im bekannten Klassenraum gibt. Massive Probleme treten häufig bei Fachlehrer auf, die oft nicht so straffe Regeln haben. Außerdem fällt es diesen Kindern schwer sich auf Personen einzustellen, zu denen sie keine intensive emotionale Beziehung haben.
Die Kinder mit ADS nehmen selbst sehr schmerzlich wahr, daß sie anders sind als die anderen. Sie nehmen ihr eigenes aneckendes Verhalten wahr und erleben gleichzeitig eine große Hilflosigkeit.
Das Gefühl exponiert zu sein und kaum Freunde zu haben gehört zu den Erfahrungen dieser Kinder. Als Folge davon haben sie Schuldgefühle und kommen sich als unerwünschte Störenfriede vor. Die ständigen Vorwürfe unterminieren ihr Selbstvertrauen und ihr Selbstwertgefühl. Wenn ihnen mal etwas gelingt, werden sie selten gelobt, weil dies dann Dinge sind, die von anderen Kindern ganz selbstverständlich erwartet werden. Die Kinder lernen sehr bald nur noch Mißerfolge zu erwarten. Sie trauen sich wenig zu und vermeiden zunehmend Situationen, in denen ernsthaft Leistung von ihnen erwartet wird. Angst und Mißerfolg bestimmen auch die Auswahl ihrer Freunde, häufig scheuen sie den Kontakt zu Gleichaltrigen.
Ein Merkmal dieser Kinder ist es sich selbst zu überschätzen. Sie können Möglichkeiten und Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit nicht richtig einschätzen und begeben sich dadurch in gefährliche Situationen.
Gut begabte hyperaktive Kinder sind mit ihren Worten und ihren Taten sehr schnell ( impulsiver Arbeitsstil ) und haben dadurch z.T. eine hohe Trefferquote von richtigen Ergebnissen. Manchmal handelt es sich auch um Zufallsergebnisse, besondere kreative Lösungswege mit richtigem Ergebnis, die von den Kindern aber nicht plausibel dargelegt werden können.
Die Kinder haben Probleme sich eine Vielzahl von Regeln zu merken und diese einzuhalten. Da aber Regeln erforderlich sind, sollten sie auf wenige wichtige beschränkt, diese dann aber konsequent eingehalten werden.
Obwohl sie einsehen und verstehen, helfen Ermahnungen oft nur 5 Minuten. Vereinbarungen sollten daher immer mit Nachdruck wiederholt werden, aber ohne Erregung und ohne Vorwürfe. Jeder Tag, jede Stunde sollte eine Chance zum Neubeginn sein.
Da diese Kinder sich und ihre Aktivitäten nicht genügend steuern können sind sie auf Strukturen angewiesen.
Jedes gewünschte Verhalten muß sofort verstärkt werden, auch nonverbal. Die Kinder sind nicht in der Lage ein am Ende der Stunde erteiltes Lob auf die richtige Situation zu beziehen.
Das Kind kann oft nicht, wenn es will. Es ist nicht in der Lage seine starke intrinsische Motivation willentlich abzurufen und zu kontrollieren. Es ist für sie gerade kennzeichnend, daß ihnen eine Arbeit einmal gelingt und einmal nicht. Mit Leistungsverweigerung hat dies nichts zu tun.
ADS-Kinder brauchen Ermutigung und jemanden, der noch an sie glaubt und ihnen etwas zutraut. Einen Schüler aufzugeben wirkt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, wenn ein Schüler nicht mehr gefordert wird, wird er auch nichts mehr leisten.
Verantwortung für sich selbst können diese Kinder nicht übernehmen, aber sie übernehmen gern Verantwortung für andere und sind darin außerordentlich zuverlässig.
Durch das Niederschreiben und gelegentliche Nachlesen positiver Verhaltensweisen und Fähigkeiten besteht die Chance auch positive Gefühle für das Kind zu entwickeln. ( Eine Mutter bat um positive Rückmeldung, indem sie sich jeden Freitag im Hausaufgabenheft vermerken ließ, was in der Woche gut geklappt hatte.)
Schuldgefühle wirken sich lähmend auf die Arbeit aus und nützen keinem. Enge Zusammenarbeit ist dagegen unerläßlich.
Bei hyperaktiven Kindern spielt das Prinzip der Aufnahme über mehrere Sinneskanäle eine ganz besondere Rolle. Die gleichzeitige Übermittlung von Information auf mehreren Kanälen entspricht ihren zumeist erhöhten Bedürfnis nach Stimulation. Aber auch wegen der kürzeren Konzentrationsspanne ist eine erhöhte Intensität der Informationsvermittlung wünschenswert. Musik und der Einsatz von farbstarkem Papier, sowie Arbeitsmaterial zum Be-Greifen hat positive Auswirkungen, wie verschiedene Studien zeigten.
Verhaltensregeln sollten immer mit dem Kind gemeinsam festgelegt werden, auch Maßnahmen bei Nichteinhaltung. Das Aufstellen der Regeln sollte positiv formuliert sein, verbotsorientierte Regeln vermitteln dem Kind nicht, was von ihm jetzt erwartet wird.
Es gibt eine ganze Menge von Möglichkeiten dem Bewegungsbedürfnis der Kinder nachzukommen und dies zu kanalisieren. (Botengänge, Sitzposition frei wählen lassen...)
Aufgaben die in kleine Teilschritte unterteilt sind, sind für die Kinder überschaubarer und geben Teilerfolge über die man sich gemeinsam freuen kann. Für Kinder mit ADS ist es wichtig, daß sie möglichst unmittelbar eine Rückmeldung bekommen, sie sind schnell irritiert, wenn unmittelbares Lob ausbleibt.
Das Kind hat Schwierigkeiten seine Arbeiten kontrollierend zu wiederholen, dagegen sind gezielt Anweisungen besser. ( z.B.“ Schau mal in der ersten Zeile nach, da sehe ich einen Fehler.“) Überarbeitungen mit einer anderen Farbe kann neue Motivation bedeuten und kommt dem Stimulationsbedürfnis nach.
Strategien sind richtungsweisend wie:
Was genau ist die Aufgabe? Was brauche ich alles? Warum konnte ich nicht weiter? Was ist der nächste Schritt?
Fehler kann man ausbessern! Kleine Pause, ich kann mir Zeit lassen! Bis jetzt ist alles richtig, das habe ich gut gemacht.
Der Arbeitsberg muß für das Kind überschaubar strukturiert sein.
Quelle und weitere ausführliche Informationen:
Handreichung des Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung München (ISB)
(Zielgruppe :Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten ...)
„Aufmerksamkeitsgestörte, hyperaktive Kinder und Jugendliche im Unterricht“
Auer Verlag GmbH
ISBN: 3-403-03248-5
24,80 DM