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    Im Sinne einer respektvollen Forenkultur, werden die Moderatoren künftig noch stärker darauf achten, dass ein freundlicher Umgangston untereinander eingehalten wird. Unpassende Off-Topic Beiträge, Verunglimpfungen oder subtile bzw. direkte Provokationen und Unterstellungen oder abwertende Aussagen gegenüber Nutzern haben hier keinen Platz und werden nicht toleriert.

Männer und Verletzlichkeit

Dieser Thread ist für alle Jungen, Männer und für alle Menschen, die sich als eher männlich empfinden, gedacht, die hier schreiben wollen, wie sie sich vor allem in der Kindheit und Jugend, aber auch später als Erwachsene gefühlt haben, wenn sie ausgelacht, kritisiert, verhöhnt, körperlich attackiert wurden, weil sie sich in bestimmten Situationen verletzlich gezeigt haben. Weiteres dazu am Ende dieses Posts.

Meiner Ansicht nach gibt es auf diesem Planeten kaum etwas, das für die Gesellschaften langfristig zerstörerischer ist als die Unterdrückung von Trauer, Angst und Unsicherheit bei Jungen und Männern. Die Mehrheit der Männer darf sich immer noch nicht verletzlich zeigen. In sehr vielen Familien müssen Jungen und Männer immer noch „echte Kerle“ sein, wenn sie von anderen Menschen respektiert werden wollen. Es geht dabei um Oben und Unten, um Macht- und Prestigehierarchien. „Männlich“ oder „stark“ sein heißt wahlweise „auf keinen Fall weiblich sein“, „immer die Kontrolle über die eigenen Gefühle und das eigene Leben behalten“, „alles können“, „mächtiger oder besser als andere sein“, oft auch „Kontrolle über Frauen und Kinder haben“. Trauer, Tränen, Sehnsucht nach Nähe zu den Vätern, Sehnsucht nach Trost, Angst, Unsicherheit, Verzweiflung, Einsamkeit, Schmerz, Misserfolge und psychische Krankheiten oder Behinderungen etc. dürfen nicht sein, dürfen nicht gezeigt werden. Jungen und Männer werden gemaßregelt, kritisiert, gemobbt, gedemütigt, ausgeschlossen, körperlich attackiert, wenn sie ganz normale Gefühle zeigen oder Misserfolge haben – was etwas völlig Natürliches ist. Oft werden auch Interessen oder Verhaltensweisen der Jungen, die als „weiblich“ gelten, kritisiert und unterdrückt. Sehr viele Jungen entscheiden sich aufgrund dessen, Machos, Mobber, autoritäre Väter und autoritäre Vorgesetzte zu werden, d. h. bauen eine imposante, mehr oder weniger aggressive Fassade auf, die mit dem eigentlichen Menschen dahinter nur noch wenig zu tun hat. Sie werden zum Machtmenschen und Täter, missachten oder unterdrücken selber mehr oder weniger stark alles „Weibliche“ und „Schwache“ – Mädchen, Frauen, Homosexuelle, queere Personen und Jungs und Männer, die Verletzlichkeit zeigen und viele andere Personen, die sie als schwach oder anders empfinden. D. h. sie projizieren ihre Schwäche auf andere Menschen. Oder sie werden infolge der Unterdrückung und Lieblosigkeit psychisch sehr krank bzw. flüchten in Süchte, oft aufgrund der Kälte ihrer Macho-Väter oder narzisstischen Mütter. Meiner Ansicht nach haben patriarchale Strukturen viel mit Narzissmus zu tun, aber das ist ein anderes Thema und würde hier zu weit führen. Selbstverständlich gibt es auch kalte, herrschsüchtige Frauen, Mädchen und vermutlich auch queere Personen, die die Gefühle von Jungen und Männern unterdrücken. Diese Menschen sind ebenfalls Teil der patriarchalen Strukturen, aus der unsere Gesellschaft ursprünglich stammt.

Mit anderen Worten: Die Welt ist voll aufgeblähter Männer, die in hierarchischen Familien oder sogar hierarchischen Gesellschaften aufgewachsen sind und keinen Kontakt mehr zu ihren Gefühlen von Schwäche und Hilflosigkeit haben. Die bösartigsten werden Mörder und Massenmörder. Einer von ihnen (samt Gleichgesinnten und Entourage) sitzt gerade im Kreml, betreibt einen Männlichkeits- und Personenkult, denkt politisch und militärisch nur in Kategorien von Sieg oder Niederlage, lässt Zigtausende unschuldiger Menschen abschlachten und stürzt die ganze Welt in eine extrem gefährliche Krise.

Was diese toxischen Männer und Frauen nicht sehen oder nicht sehen wollen: Niemand ist immer schwach. Und wer nur die vermeintlich „starken“ Alpha-Männchen respektiert und schätzt, der hat narzisstische Züge und ist nicht wirklich gesund. Psychische Gesundheit bedeutet unter anderem: Sich selbst zu lieben, so, wie man ist. Die eigenen charakterlichen Schwächen zu sehen, zu analysieren und versuchen, sie zu beheben – was nie zu 100 Prozent gelingt. Die eigenen Gefühle wahrnehmen und angemessen ausleben zu können. Sich selbst trösten zu können. Sich anderen nahen Menschen öffnen zu können. Um Hilfe bitten können. Die Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Langfristige echte Freundschaften und enge Liebesbeziehungen eingehen zu können. Kompromisse schließen zu können. Gut arbeiten zu können. Die eigenen Kinder so zu erziehen, dass sie eine sog. sichere Bindung an die Eltern entwickeln (siehe Bindungsforschung).

Zurück zu euch, wenn ihr hier schreiben wollt: Wer hat euch attackiert? Welches war der Grund? Wie wurdet ihr beschimpft oder auf andere Weise niedergemacht? Was wurde euch wie lange / wie oft angedroht? Wie habt ihr euch dabei gefühlt? Was hättet ihr euch damals gewünscht? Was wünscht ihr euch heute? Habt ihr euch aufgrund dieser Erlebnisse verändert?

Natürlich waren viele von euch auch wütend oder hasserfüllt wegen der Unterdrückungssituation; Wut und Hass auf den Aggressor sind oft wichtig, um die persönliche Integrität wiederherzustellen. Aber um diese „starken“ Gefühle soll es hier nur am Rand gehen, denn den meisten Männern fällt es leicht, Wut zu spüren.

Die Gefühle der Verletzlichkeit, die bei Jungen und Männern so unendlich oft unterdrückt werden, sollen hier im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht um allgemeines Jammern, sondern um konkrete eigene Erlebnisse. Diskussionen will ich hier nicht haben, denn dann verschwindet Mann wieder in den Kopf. Wer diskutieren will, soll einen anderen Thread aufmachen. Der Thread soll auch offen einsehbar bleiben, damit möglichst viele Männer auf das Thema aufmerksam werden.

Und: Ich hoffe, ihr kommt damit klar, dass eine Frau diesen Thread eröffnet.

Respekt vor jedem, der hier schreibt. 🙂

Die jungen (Hetero) Männer machen das, was auf dem Partnermarkt erwartet wird..........
 
Hier ist ein Link zu einem interessanten Podcast, in dem ein mittlerweile selbstbewusster junger Mann von seinen Depressionen berichtet und ein Männertherapeut (arbeitet seit 25 Jahren nur mit Männern) über seine Erfahrungen mit toxischer Männlichkeit.

Was mir nicht richtig klar war: Viele Männer haben ihre Gefühle so sehr von ihrem Bewusstsein abgespaltet, dass sie gar nicht wissen, was sie fühlen. Sie fühlen auf der Oberfläche nichts.

 
Zurück zu euch, wenn ihr hier schreiben wollt: Wer hat euch attackiert? Welches war der Grund? Wie wurdet ihr beschimpft oder auf andere Weise niedergemacht? Was wurde euch wie lange / wie oft angedroht? Wie habt ihr euch dabei gefühlt? Was hättet ihr euch damals gewünscht? Was wünscht ihr euch heute? Habt ihr euch aufgrund dieser Erlebnisse verändert?

Puh. Da stelle ich mir eher die Frage, wer hat das nicht gemacht? Leider fällt mir da niemand ein. Höchstens noch meine Mutter, die hat es zumindest nicht absichtlich gemacht. Aber ich fang mal vorne an.

Meine Großmutter ist die wohl krankhafteste Narzisstin, die man sich nur vorstellen kann. Nein, die es geben kann. Vorstellen kann sich das niemand, der sie nicht kennt. Sie hat meine komplette Familie (mütterlicherseits) bis heute fest im Griff, alle bis auf mich in die Co-Abhängigkeit manipuliert. Ihr Mann – mein Großvater – hat natürlich nichts zu sagen und ist kurz gesagt nichts weiter, als eine willige Marionette meiner Großmutter. Meine Mutter war von Anfang an unerwünscht und wurde nur gezeugt, weil sich das eben „damals so gehört hat“. Dementsprechend hat sie auch nie sowas wie elterliche Zuneigung oder gar ein intaktes Familienkonstrukt erlebt und wurde von Kindesbeinen an gedemütigt und gequält. Das hat in der Konsequenz dazu geführt, dass sie ein komplett gestörtes Selbstbild und Verhältnis zu Beziehungen entwickelte und sich als Vater für mich einen gewalttätigen, kriminellen Alkoholiker ausgesucht hat, weil er der erste Mensch überhaupt war, der ihr Beachtung geschenkt hat. Nachdem die Ehe meiner Eltern wie nicht anders zu erwarten unschön zu Ende gegangen war, kam dann später noch meine kleine (Halb-)Schwester von einem Vater, der mich von Anfang an nicht ausstehen konnte, dazu. Bis zu meiner Volljährigkeit haben wir alle zusammen in einem Mehrgenerationenhaus auf dem Land gelebt.

Wie meine Kindheit aussah kann man sich dieser Konstellation entsprechend wahrscheinlich ganz gut vorstellen.
An der einen Front meine Großeltern mit ihrem narzisstischen Missbrauch. Wie sich der geäußert hat, darüber könnte ich eine ganze Buchreihe verfassen, aber das Spektrum reichte von physischer Gewalt durch meinen Großvater als Erfüllungsgehilfen über Demütigung, endlose Vorwürfe und Kritik, ständigen Vergleich mit anderen („Guck mal, die Familie hat es ja so gut, die haben ein Enkelkind, auf das sie stolz sein können.“, „Ach wenn du doch bloß ein ordentlicher Junge geworden wärst.“, „Friss nicht so viel, sonst wirst du auch noch fett, du bist schon hässlich genug.“ usw. etc. pp. – das könnte ich ewig fortführen), die Verweigerung jeglicher Privatsphäre, drakonische Strafdienste bei kleinsten „Fehlern“ und vieles, vieles mehr, bis hin zur Nahrungsverweigerung und dem Verbrennen meiner Lieblingsspielzeuge/Plüschtiere.

An der anderen Front meine Eltern. Meine Mutter hat zusätzlich zum Terror ihrer Eltern noch physische und psychische Gewalt durch meinen Vater erlebt und ich musste dabei zuschauen. Ich kann mich heute noch sehr bildhaft an einen Abend erinnern, als er besoffen mit einer Waffe herumgefuchtelt und unter anderem meiner Mutter in den Fuß geschossen hat. Oder an die unzähligen Male, als Geschirr und Möbel durch die Wohnung flogen. Oder daran, wie er mich in der Nacht vor meiner Schuleinführung besoffen und heulend geweckt hat, um mir mitzuteilen, dass er sich jetzt umbringt und ich ihn nie wiedersehe. Meine Mutter wollte es zwanghaft besser machen, als ihre Eltern und ist zu einer richtig extremen Helikoptermutter mutiert, die mich vor allem beschützen wollte und mir alles verboten hat, was Kinder normalerweise so machen – ich hätte mich ja verletzen können.

Dann kam irgendwann die Scheidung (nach dem Ereignis zu meiner Schuleinführung hat sich meine Mutter in Therapie begeben, um die Kraft dafür aufzubringen) mit dem obligatorischen Rosenkrieg, bei dem ich mehrmals vor Gericht gegen meinen Vater aussagen musste. Gleichzeitig war ich in der Schule natürlich ziemlich schnell der blöde Streber und das sozial isolierte Mobbingopfer. Das wäre auch eine lange Geschichte für sich, aber das spare ich mir jetzt, das kann sich denke ich jeder vorstellen.

Ich hab‘ dann einen „Freund“ gefunden (wobei das eher eine Zweckgemeinschaft war, weil er auch ein Außenseiter war) und wir haben uns für die nächsten Jahre täglich nach der Schule bei ihm zu Hause verkrochen. Er hatte echt nette Eltern, die ihm alles geschenkt haben, was er wollte. Dementsprechend haben wir unsere Zeit mit zocken an der SNES oder dem PC (Monkey Island, yay!), diversen Brettspielen und seiner riesigen Lego-Sammlung verbracht. Das sind gleichzeitig die positivsten Erinnerungen, die ich an meine Kindheit und Jugend habe.

Als ich 8 war ist dann meine Schwester geboren und ich durfte mich mit ihrem Vater, der mich von Anfang an gehasst hat (seine Leiblings-Kosenamen für mich waren „Schweinchen Schlau“ und „das andere Kind“) herumärgern. Gleichzeitig habe ich aber auch instinktiv versucht, meine Schwester (und meine Mutter) vor meiner Großmutter zu schützen, was mir sogar gelungen ist, indem ich von da an absichtlich den Sündenbock gespielt habe, statt dem aus dem Weg zu gehen. Schwäche zeigen war sowieso nie eine Option, ist das mal passiert, war man ein "willenloses, faules Schwein" und musste bestraft werden.

Nach der Jugendweihe ist mir schließlich der besagte „Freund“ in den Rücken gefallen. Weil er sein Jugendweihegeld verjubelt hat und Angst vor der Reaktion seiner Eltern hatte, hat er behauptet, ich hätte es geklaut. Seine Mutter stand natürlich direkt bei uns vor der Tür und hat mich vor meiner Großmutter beschuldigt, die mich daraufhin auf offener Straße aufs übelste angebrüllt hat. Ein paar Wochen später hat sich die Mutter kleinlaut und mit Blumenstrauß bei mir entschuldigt, aber der „Freund“ war für mich gestorben.

Ganz ähnliche Geschichten haben sich seitdem noch etliche Male wiederholt, jedes Mal, wenn ich dachte, einen „Freund“ gefunden zu haben. Die zähle ich jetzt nicht alle auf, der Text ist ohnehin schon viel zu lang.

So hab‘ ich irgendwie die Realschule, das Gymnasium und das Studium als Einzelgänger, aber mit Bestnoten – etwas anderes kam in meiner Familie nie in Frage – überstanden, wobei ich während des Studiums nach einem Suizidversuch zum ersten Mal in teilstationärer Therapie war. Ich war in den Jahren vorher schon oft kurz davor, hab es aber nie jemandem verraten und immer meiner Schwester und meiner Mutter zuliebe weitergemacht. Da bekam ich dann die Diagnosen Asperger, PTBS, Depression und Essstörung und mir wurde nach dem entsprechenden Test eröffnet, dass ich einen abnorm hohen IQ von um die 170 bis 180 hätte.

Nach dem Studium war ich noch mehrere Male teilstationär in Therapie und habe es dann irgendwann endlich geschafft, mich aus dem Klammergriff meiner Großmutter zu befreien. Da ich durch meine Forschungsarbeit im Studium mehrere Patente anmelden konnte, hatte ich dann auch ein kleines Einkommen, einen Job fand ich jedoch nicht, weil ich bei den Bewerbungsgesprächen kein Wort herausbekommen habe.

Bei einer weiteren psychosomatischen Reha lernte ich dann eine Steuerberaterin kennen, die mich ermutigt hat, mich selbstständig zu machen. Das lief auch sehr gut und ich konnte 2019 den Bauvertrag für ein eigenes Häuschen unterschreiben, welches im Frühling 2021 fertig wurde und in dem ich mittlerweile endlich zur Ruhe kommen kann. Mit Beginn der Pandemie habe ich mich dann im öffentlichen Dienst anstellen lassen, wo ich dank meiner zwischenzeitlich genehmigten Schwerbehinderung beim Bewerbungsgespräch unterstützt wurde.

Ich habe zwischenzeitlich sogar ein paar echte Freunde gefunden, die zwar ebenfalls ihre ganz eigenen Päckchen zu tragen haben und (oft sehr anstrengende) Außenseiter sind, aber seit Jahren treu und ehrlich mir gegenüber sind. Leider wohnen die überall in Deutschland und der Schweiz verteilt, aber ein paar Mal im Jahr sehen wir uns und gehen auf Festivals oder so.

So weit, so gut und ich bin mittlerweile sogar ein bisschen stolz auf das, was ich trotz allem noch erreicht habe. Was mir allerdings noch zu schaffen macht, ist die erdrückende Einsamkeit, besonders an Tagen wie Weihnachten oder z.B. an meinem 30. Geburtstag war es ganz schlimm. Dann liege ich auch schon mal nächtelang unkontrolliert heulend wach.
 
Puh. Da stelle ich mir eher die Frage, wer hat das nicht gemacht? Leider fällt mir da niemand ein. Höchstens noch meine Mutter, die hat es zumindest nicht absichtlich gemacht. Aber ich fang mal vorne an.

Meine Großmutter ist die wohl krankhafteste Narzisstin, die man sich nur vorstellen kann. Nein, die es geben kann. Vorstellen kann sich das niemand, der sie nicht kennt. Sie hat meine komplette Familie (mütterlicherseits) bis heute fest im Griff, alle bis auf mich in die Co-Abhängigkeit manipuliert. Ihr Mann – mein Großvater – hat natürlich nichts zu sagen und ist kurz gesagt nichts weiter, als eine willige Marionette meiner Großmutter. Meine Mutter war von Anfang an unerwünscht und wurde nur gezeugt, weil sich das eben „damals so gehört hat“. Dementsprechend hat sie auch nie sowas wie elterliche Zuneigung oder gar ein intaktes Familienkonstrukt erlebt und wurde von Kindesbeinen an gedemütigt und gequält. Das hat in der Konsequenz dazu geführt, dass sie ein komplett gestörtes Selbstbild und Verhältnis zu Beziehungen entwickelte und sich als Vater für mich einen gewalttätigen, kriminellen Alkoholiker ausgesucht hat, weil er der erste Mensch überhaupt war, der ihr Beachtung geschenkt hat. Nachdem die Ehe meiner Eltern wie nicht anders zu erwarten unschön zu Ende gegangen war, kam dann später noch meine kleine (Halb-)Schwester von einem Vater, der mich von Anfang an nicht ausstehen konnte, dazu. Bis zu meiner Volljährigkeit haben wir alle zusammen in einem Mehrgenerationenhaus auf dem Land gelebt.

Wie meine Kindheit aussah kann man sich dieser Konstellation entsprechend wahrscheinlich ganz gut vorstellen.
An der einen Front meine Großeltern mit ihrem narzisstischen Missbrauch. Wie sich der geäußert hat, darüber könnte ich eine ganze Buchreihe verfassen, aber das Spektrum reichte von physischer Gewalt durch meinen Großvater als Erfüllungsgehilfen über Demütigung, endlose Vorwürfe und Kritik, ständigen Vergleich mit anderen („Guck mal, die Familie hat es ja so gut, die haben ein Enkelkind, auf das sie stolz sein können.“, „Ach wenn du doch bloß ein ordentlicher Junge geworden wärst.“, „Friss nicht so viel, sonst wirst du auch noch fett, du bist schon hässlich genug.“ usw. etc. pp. – das könnte ich ewig fortführen), die Verweigerung jeglicher Privatsphäre, drakonische Strafdienste bei kleinsten „Fehlern“ und vieles, vieles mehr, bis hin zur Nahrungsverweigerung und dem Verbrennen meiner Lieblingsspielzeuge/Plüschtiere.

An der anderen Front meine Eltern. Meine Mutter hat zusätzlich zum Terror ihrer Eltern noch physische und psychische Gewalt durch meinen Vater erlebt und ich musste dabei zuschauen. Ich kann mich heute noch sehr bildhaft an einen Abend erinnern, als er besoffen mit einer Waffe herumgefuchtelt und unter anderem meiner Mutter in den Fuß geschossen hat. Oder an die unzähligen Male, als Geschirr und Möbel durch die Wohnung flogen. Oder daran, wie er mich in der Nacht vor meiner Schuleinführung besoffen und heulend geweckt hat, um mir mitzuteilen, dass er sich jetzt umbringt und ich ihn nie wiedersehe. Meine Mutter wollte es zwanghaft besser machen, als ihre Eltern und ist zu einer richtig extremen Helikoptermutter mutiert, die mich vor allem beschützen wollte und mir alles verboten hat, was Kinder normalerweise so machen – ich hätte mich ja verletzen können.

Dann kam irgendwann die Scheidung (nach dem Ereignis zu meiner Schuleinführung hat sich meine Mutter in Therapie begeben, um die Kraft dafür aufzubringen) mit dem obligatorischen Rosenkrieg, bei dem ich mehrmals vor Gericht gegen meinen Vater aussagen musste. Gleichzeitig war ich in der Schule natürlich ziemlich schnell der blöde Streber und das sozial isolierte Mobbingopfer. Das wäre auch eine lange Geschichte für sich, aber das spare ich mir jetzt, das kann sich denke ich jeder vorstellen.

Ich hab‘ dann einen „Freund“ gefunden (wobei das eher eine Zweckgemeinschaft war, weil er auch ein Außenseiter war) und wir haben uns für die nächsten Jahre täglich nach der Schule bei ihm zu Hause verkrochen. Er hatte echt nette Eltern, die ihm alles geschenkt haben, was er wollte. Dementsprechend haben wir unsere Zeit mit zocken an der SNES oder dem PC (Monkey Island, yay!), diversen Brettspielen und seiner riesigen Lego-Sammlung verbracht. Das sind gleichzeitig die positivsten Erinnerungen, die ich an meine Kindheit und Jugend habe.

Als ich 8 war ist dann meine Schwester geboren und ich durfte mich mit ihrem Vater, der mich von Anfang an gehasst hat (seine Leiblings-Kosenamen für mich waren „Schweinchen Schlau“ und „das andere Kind“) herumärgern. Gleichzeitig habe ich aber auch instinktiv versucht, meine Schwester (und meine Mutter) vor meiner Großmutter zu schützen, was mir sogar gelungen ist, indem ich von da an absichtlich den Sündenbock gespielt habe, statt dem aus dem Weg zu gehen. Schwäche zeigen war sowieso nie eine Option, ist das mal passiert, war man ein "willenloses, faules Schwein" und musste bestraft werden.

Nach der Jugendweihe ist mir schließlich der besagte „Freund“ in den Rücken gefallen. Weil er sein Jugendweihegeld verjubelt hat und Angst vor der Reaktion seiner Eltern hatte, hat er behauptet, ich hätte es geklaut. Seine Mutter stand natürlich direkt bei uns vor der Tür und hat mich vor meiner Großmutter beschuldigt, die mich daraufhin auf offener Straße aufs übelste angebrüllt hat. Ein paar Wochen später hat sich die Mutter kleinlaut und mit Blumenstrauß bei mir entschuldigt, aber der „Freund“ war für mich gestorben.

Ganz ähnliche Geschichten haben sich seitdem noch etliche Male wiederholt, jedes Mal, wenn ich dachte, einen „Freund“ gefunden zu haben. Die zähle ich jetzt nicht alle auf, der Text ist ohnehin schon viel zu lang.

So hab‘ ich irgendwie die Realschule, das Gymnasium und das Studium als Einzelgänger, aber mit Bestnoten – etwas anderes kam in meiner Familie nie in Frage – überstanden, wobei ich während des Studiums nach einem Suizidversuch zum ersten Mal in teilstationärer Therapie war. Ich war in den Jahren vorher schon oft kurz davor, hab es aber nie jemandem verraten und immer meiner Schwester und meiner Mutter zuliebe weitergemacht. Da bekam ich dann die Diagnosen Asperger, PTBS, Depression und Essstörung und mir wurde nach dem entsprechenden Test eröffnet, dass ich einen abnorm hohen IQ von um die 170 bis 180 hätte.

Nach dem Studium war ich noch mehrere Male teilstationär in Therapie und habe es dann irgendwann endlich geschafft, mich aus dem Klammergriff meiner Großmutter zu befreien. Da ich durch meine Forschungsarbeit im Studium mehrere Patente anmelden konnte, hatte ich dann auch ein kleines Einkommen, einen Job fand ich jedoch nicht, weil ich bei den Bewerbungsgesprächen kein Wort herausbekommen habe.

Bei einer weiteren psychosomatischen Reha lernte ich dann eine Steuerberaterin kennen, die mich ermutigt hat, mich selbstständig zu machen. Das lief auch sehr gut und ich konnte 2019 den Bauvertrag für ein eigenes Häuschen unterschreiben, welches im Frühling 2021 fertig wurde und in dem ich mittlerweile endlich zur Ruhe kommen kann. Mit Beginn der Pandemie habe ich mich dann im öffentlichen Dienst anstellen lassen, wo ich dank meiner zwischenzeitlich genehmigten Schwerbehinderung beim Bewerbungsgespräch unterstützt wurde.

Ich habe zwischenzeitlich sogar ein paar echte Freunde gefunden, die zwar ebenfalls ihre ganz eigenen Päckchen zu tragen haben und (oft sehr anstrengende) Außenseiter sind, aber seit Jahren treu und ehrlich mir gegenüber sind. Leider wohnen die überall in Deutschland und der Schweiz verteilt, aber ein paar Mal im Jahr sehen wir uns und gehen auf Festivals oder so.

So weit, so gut und ich bin mittlerweile sogar ein bisschen stolz auf das, was ich trotz allem noch erreicht habe. Was mir allerdings noch zu schaffen macht, ist die erdrückende Einsamkeit, besonders an Tagen wie Weihnachten oder z.B. an meinem 30. Geburtstag war es ganz schlimm. Dann liege ich auch schon mal nächtelang unkontrolliert heulend wach.

Es ist unglaublich, was du mitmachen musstest. Mehrere Familienmitglieder haben regelrecht Krieg gegen dich geführt. Was für kranke, teuflische A*********!! Es tut mir sehr leid, dass du in so einer Umgebung aufwachsen musstest.

Toll, dass du Therapien gemacht hast, toll, dass du trotz der immensen psychischen Last studiert und dir eine Stelle gesucht hast!! Sehr gut, dass du weinen kannst. 🙂 Es freut mich, dass du Freunde gefunden hast. Und möglicherweise bist du irgendwann nicht mehr einsam ...

Du kannst auf jeden Fall stolz auf das sein, was du erreicht hast! 🙂
 
Toll, dass du Therapien gemacht hast, toll, dass du trotz der immensen psychischen Last studiert und dir eine Stelle gesucht hast!! Sehr gut, dass du weinen kannst. 🙂 Es freut mich, dass du Freunde gefunden hast. Und möglicherweise bist du irgendwann nicht mehr einsam ...

Schule und Studium sind mir glücklicherweise ziemlich leicht gefallen. Da hat dann wohl der hohe IQ geholfen, obwohl ich den in allen anderen Belangen oft verfluche und gern loswerden würde.
Manchmal kann ich auch nicht weinen, dann starre ich stundenlang die Raufasertapete (oder wenn ich in meinem Bett bin die Sterne) an und hinterfrage meine Existenz... aber das ist zum Glück eher selten.
Ich bin gespannt, was die Zukunft noch bringt, aber das Hoffen habe ich mir abgewöhnt. So kann ich maximal noch positiv überrascht werden, aber nicht mehr enttäuscht. 🙂

Du kannst auf jeden Fall stolz auf das sein, was du erreicht hast! 🙂

Dankeschön 😊
 

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