Es ist ja auch ganz normal, dass man von der elterlichen Erziehung nicht unbeeinflusst bleibt - im Gegenteil. Allerdings beginnt man i. d. R. spätestens mit der Pubertät, die elterlichen Erwartungen und Konzepte kritisch zu hinterfragen. Nicht wenige brechen zu dieser Zeit aus - häufig kommt es sogar zum Knall, weil sehr kontroverse Haltungen aufeinanderprallen. Das ist eine schwierige Zeit, da es Eltern oftmals "nur gut meinen" auf eine Art, die aber weder zur aktuellen Zeit und auch nicht zum Wesen des Kindes passen.
Meine Eltern z. B. und insbesondere meine Mutter hatten als Kinder noch den Krieg erlebt. Für sie war also wichtig, dass ich einen möglichst sicheren und gut bezahlten Job habe, so dass mein Kühlschrank stets gut gefüllt ist und ich nie Hunger zu leiden brauche. Banken und Versicherungen als Arbeitgeber waren damals die beste Wahl. Allerdings passte weder das eine noch das andere zu mir- weder zu meinem Wesen, noch zu meinen Interessen. Letztlich kam mein Arbeitgeber dann aus einer ganz anderen Branche, der Rest passte aber.. zu den Vorstellungen meiner Mutter. 🙄 Ich hatte nur halbherzige Alternativen, war damals gerade frische 17 - zwar das Abi in der Tasche, aber völlig ohne Ahnung vom Arbeitsleben. Und ja, wirtschaftlich stehe ich heute sehr gut da; Freude bereitet hat mein Job mir aber nicht ansatzweise. Und so habe ich 20 Jahre elternkonform durchgehalten, mich dann aber noch einmal komplett anders orientiert und studiert. Das würde ich heute def anders machen. Gerade bei meinem Kind versuche ich such, es besser zu machen als meine Eltern, indem ich mich stark zurücknehme und ihr klar mache, dass es ihr Leben ist und der Job nicht nur zu ihr passen, sondern sie auch erfüllen können sollte.
Du steckst auch noch in dieser Elternmühle fest. Die gute Nachricht ist aber, dass das so nicht sein muss umd dass einzig du derjenige bist, der das ändern kann. Klar würde es nicht ganz einfach, wenn der fügsame Sohn plötzlich aufmuckt. Dennoch ist es an der Zeit und könnte sich lohnen. Deine Eltern wären vermutlich enttäuscht; das müsstest du dann mal aushalten. Ganz sicher würden sie dich aber nicht verstoßen. Frag sie doch mal, was ihnen wichtiger ist: Dass du tust, was sie wollen und kreuzunglücklich bist oder dass du zufrieden bist. Nur solltest du dir natürlich schon klar sein, was dich zufrieden machen würde. Machst du einen betriebswirtschaftlichen Abschluss? Damit bist du ja eigentlich flexibel einsetzbar und könntest dich später nach deinen Neigungen weiterentwickeln.
Nur würde ich da endlich mal in mich selber hineinhorchen und dir nicht erneut Anleitung durch Fremde suchen. Das wäre zwar einfacher und reibungsärmer, würde aber erneut deine persönlichen Interessen vernachläsdigen und dein Dilemma nur weiter verfestigen.
Ich denke, es wäre jetzt an der Zeit, dich einmal mit deinen urpersönlichen Interessen zu befassen und dann endlich mal eine komplett eigene Entscheidung zu treffen.