tulpe
Sehr aktives Mitglied
Ich kann Robert Enke nicht verstehen. Ich kann die Verzweiflung versteht, das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die Depression.
Aber ich finde es verantwortungslos und feige, zu gehen. Seine Frau und seine Tochter im Stich zu lassen, einem Unschuldigen auch noch das Leben zu zerstören. Das ist ein Verhalten, was ich nicht verstehen und nicht akzeptieren kann.
Es hätte Hilfe gegeben. Es gibt IMMER Hilfe.
Aber man muss eben zum einen bereit sein, diese Hilfe einzufordern. Und sie zum anderen auch annehmen.
Und es ist eben nicht so, dass die Angehörigen das sofort merken oder überhaupt merken. Ich weiß es ja von mir selber. Ich bin manchmal so ein bemerkenswerter Schauspieler meinem Mann gegenüber, dass ich vielleicht besser Hollywoodstar geworden wäre 😉
Wenn jemand nicht will, dass der andere das mitbekommt, dann geht das auch. Und wenn ich meine Lage anderen gegenüber runterspiele, dann können einem diese Menschen auch nicht helfen.
Und manchmal sind die Erwartungen in das Gegenüber auch immens hoch. Denn selbst liebende Anghörige können einem schwer Depressiven eben nur begrenzt helfen. Vor allem dann, wenn sie sich nebenbei noch um ihre weitere Familie (ein frisch adoptiertes Kind) kümmern müssen.
Ich sehe es gerade an einer guten Freundin, der es echt richtig S**** geht. Mein Einfluss ist da einfach auch nicht besonders hoch. Ich kann, so gut es geht für sie da sein, ihr zuhören, ihr Dinge abnehmen, sie ablenken, etc. Ich kann versuchen, alle Anzeichen zu beachten, wann die Situation wirklich kritisch wird und dann ggf. Hilfe von außen einschalten. ABER ich habe eben auch ein eigenes Leben und ich merke schon jetzt, wie schwierig der Balance-Akt zwischen ihr und meinem Leben ist. Irgendwann wird eine Grenze erreicht sein, in der ich schon allein aus zeitlichen Gründen meine Hilfe runterfahren muss (davon, dass das natürlich auch emotional Kraft zieht, abgesehen).
Irgendwann bleibt nur noch professionelle Hilfe und die dann vielleicht auch nur noch in einer stationären Form. Klar wünscht sich keiner, Patient in einer Psychatrie zu werden, aber unter Umständen ist das der einzige Weg. Und wer sich eben hartnäckig weigert, diesen Weg zu gehen, dem kann man dann irgendwann auch nicht mehr helfen. Wer doch schon bewusst erkennt, dass er auf der Kippe steht, aber sich dennoch weigert, Hilfe anzunehmen und dafür tausende von guten Gründen findet, was bitte soll man da machen??
Hilfe ist da. Und Robert Enke hätte sie auch bekommen. Ich bekomme sie und ich kenne bisher keinen, der um Hilfe bittet, der sie nicht bekäme. Aber man muss eben offen dafür sein und diese Wege dann auch gehen und in Anspruch nehmen.
Als ich Deinen Beitrag gelesen habe, wußte ich sofort, dass ich den Danke-Button drücken werde, denn ich bin voll Deiner Meinung, ABER: dann kam der letzte Absatz:
Hilfe ist da. Und Robert Enke hätte sie auch bekommen. Ich bekomme sie und ich kenne bisher keinen, der um Hilfe bittet, der sie nicht bekäme. Aber man muss eben offen dafür sein und diese Wege dann auch gehen und in Anspruch nehmen.
Und das stimmt leider nicht 🙁
Es ist gerade ein paar Monate her, dass bei mir burnout diagnostiziert wurde (natürlich verbunden mit starken Depressionen). Ich habe um Hilfe geschrieen, gebeten, danach gesucht....... Es gab sie aber nicht: die sofortige Hilfe! Monatelange Wartezeiten und wahnsinnige Selbstinitiative sind da hinzunehmen. Und gerade die Selbstinitiative ist bei Depressiven was extrem schweres ......
Credo in meiner Situation ist: Es hat sich noch nicht wirklich was getan! Klar, das liegt auch viel an meiner fehlenden Selbstinitiative, aber es ist schon echt schwer, sich als Depressiver selbst "in den A**** zu treten" (ich bin dabei wohl eher noch ein positives Beispiel, weil ich es doch manchmal schaffe)....
Also: Danke für Deinen Beitrag, abzüglich des letztes Absatzes.