na ja, ich muss es eh so hinnehmen wie es kommt.
Das ist eine sehr interessante Aussage, über die ich einige Minuten nachdenken musste, da sie etwas auf den Punkt bringt. Was mir aufällt, ist, dass du dich in diesem ganzen Prozess irgendwie als völlig passiv beschreibst. Es gibt zwar ein "Ich", welches hier Beiträge schreibt und den Wegfall von Beziehungen bedauert. Aber irgendwie scheint dieses Ich keinerlei Einfluss auf das Geschehen zu haben. Wenn ich dich richtig verstehe, betrachtest du dein momentanes Ich als irgendwie nicht real, weil du seine Entstehung ursächlich den Missbrauchserfahrungen zuschreibst. Das impliziert, dass es zusammenstürzen würde, wenn die Erfahrungen "verschwunden" (aufgearbeitet) wären. Was bleibt wäre quasi ein reboot auf den Zustand vor dem Missbrauch. Du müsstest dann wieder sieben Jahre alt werden und alles erneut lernen. So erkläre ich mir deine Aussagen, dass du dein Inneres Kind werden wirst und dass du alles so hinnehmen musst, wie es kommt. Verstehe ich das ansatzweise richtig? Jedenfalls würde es die Passivität erklären, die mir beim Lesen ins Auge gefallen ist.
Nun kann man ja sagen, dass dein aktuelles Ich ja überhaupt nicht mehr gelöscht werden kann. Daran hängen mittlerweile schließlich jahrzehnte biographischer Erfahrungen. Wie soll das alles verschwinden können? Alleine die Tatsache, dass du hier Beiträge schreibst, in denen du den Konflikt mit deinem inneren Kind schilderst, zeigt ja, dass dein heutiges Ich ebenfalls eine starke Persönlichkeit geworden ist. Und diese Persönlichkeit ergibt sich ja nicht nur aus einer einzelnen Erfahrung, sonderen aus Jahrzehnten des seitdem gelebten Lebens.
Mir geht es auf keinen Fall darum, die Auswirkungen des Missbrauchs in irgend einer Form zu verharmlosen! Eine Aufarbeitung dieser Erfahrungen halte ich in jedem Fall für erforderlich. Wichtig wäre aber, diese Erfahrungen nicht so existenziell auszulegen, dass sich das gesamte Leben darauf reduzieren lässt. Deine Beziehungen zum Besipiel waren doch nicht
nichts anderes als Abhängigkeit. Es mag sein, dass Abhängigkeiten oder unbewusste Suchkriterien die Partnerwahl beeinflusst haben. Aber irgendwann trägt sich doch so etwas aus sich selbst heraus. Mein Haus stürzt ja auch nicht in sich zusammen, wenn die Baufirma pleite geht...
Eine Aufarbeitung der Erfahrungen wird sicherlich bestimmte negative Strukturen lösen. Aber letzten Endes kannst du doch nur von deinem heutigen Ich aus weitermachen. Du kannst
entscheiden, welche Aspekte du von deinem inneren Kind und was du aus deinem heutigen Ich übernehmen willst. Eine solche Krise ist immer ein Wendepunkt im Leben und eine Chance, zu
gestalten. Du solltest das ganze nicht als automatisch ablaufenden Prozess betrachten, auf den du keinen Einfluss hast, sondern als Entwurfsvorgang. Wer möchtest du denn sein? Was sind die positiven Aspekte deines inneren Kindes und deines heutigen Ichs? Wie
soll dein zukünfitiges Ich sein?