[Darum geht's: Emo und Tioni fahren an die Ostsee, Tioni läd zu einem Spieleabend mit Schnubbel und Freundin: Dürfen sie sich küssen vor den anderen?]
Fährt man nach vier Wochen schon zusammen in Urlaub? Vielleicht an die Ostsee. Außerdem ist "zusammen" ja relativ, denn für Schnubble, war Tioni alleine unterwegs (dieser wunderte sich zwar, dass ihr Auto noch da stand, aber Tioni begründete diese Tatsache mit der Mitfahrzentrale...).
Wie auch immer Emo freute sich riesig auf den Urlaub: Auch wenn es nur ein paar Tage waren, sie waren dort ungestört, kaum Urlauber, und ein ganzes Appartement für sich!
Nach einer langen Autofahrt, die letztendlich etwas dramatisch wurde, da es darum ging, die letzte Fähre zu bekommen, nisteten sich die beiden in ihrem Zimmer in der Pension ein.
Man kennt sich über Jahre und dann steckt man plötzlich in einer alltagsähnlichen Situation: Schlafgewohnheiten, Eigenarten des anderen, Einkaufen, Autofahren... - es war ein spannender Kurzurlaub. Für Emo war es etwas gewöhnungsbedürftig jeden abend zwischen 11 und 12 ins Bettzugehen, allerdings blieben die befürchteten Einschlafprobleme aus und so genoß er es, am kommenden Tag fit und ausgeschlafen zu sein. Auch was die Essgewohnheiten betraf, richtete er sich nach Tioni: Morgens Müsli, mittags Obst, Nussmischungen oder Riegel und abends meistens Vollkornbrot mit Salat. Ok, vielleicht ist es aufwendig in der Vorbereitung, aber es ist nicht das schlechteste und es ist gesund und da er selbst ein Allesesser war, fiel es ihm nicht schwer, sich anzupassen.
Tioni hatte übrigens inzwischen ihrer besten Freundin von der Beziehung erzählt (diese lebte allerdings weit weg): "Bitte mach dir keine Sorgen, hab ihr nichts schlimmes erzählt, genaugenommen nur die Wahrheit. Sie kennt mich sehr gut und hat mich selten so erlebt. Momentan erscheine ich ihr wohl wie ein aufgescheuchtes Hühnchen, das wild mit den Flügeln flattert und leicht verunsichert in eine neue Lebenssituation steuert."
Emo: "Danke, das ist ein Lichtblick für mich, trotzdem belastet mich die Situation. Wann wirst du mich deiner Familie, deinen anderen Freunden vorstellen?"
Tioni: "Schatz, ich habe versucht so ehrlich zu sein wie möglich. Ich hab dich lieb und ich will zu dir stehen. Der Preis sind meine Freunde. Das wusste ich und es ist ok. Aber bitte stelle mir nicht mehr solche Fragen, das tut weh".
Was konnte Emo darauf antworten? Er hätte sich bisher nie vorstellen können, seine Beziehung zu verleugnen und jetzt war es soweit. Das verstieß gegen seine innersten Prinzipien. Aber was geschieht in einem Prinzipienkonflikt?
Welche Möglichkeiten gibt es dann, die Beziehung zu retten? Ihm fallen folgende ein:
1. Man verleugnet die Verltung der Prinzipien. Fängt an, den Partner zu entschuldigen, belügt sich selbst. Flüchtet sich in eine Phantasiewelt.
2. Man verändert seine Ansprüche... - leider nicht ohne Weiteres möglich.
3. Man versucht den Rahmen der Prinzipien durch verstärke Einfühlung in seinen Partner zu erweitern.
Wie kann man es schaffen, (in einer wirklich bedrohlichen Situation für eine Beziehung) nicht zu verurteilen, sondern zu verzeihen?
Emo war der Ansicht, dass egal was ein Mensch verbricht, er in einem Fall eine Chance verdient hat: Nämlich dann, wenn ein inneres Band des Vertrauens zu dem anderen Menschen besteht. Wenn man selbst der Überzeugung ist, dass er einen guten Willen hat und ehrlich ist und das Vertrauen, dass er ienen niemals verletzten würde, weil er böse ist, sondern nur, weil er vielleicht nicht anders konnte.
Aus Fehlern kann man lernen, Menschen können sich entwicklen. Was könnte eine Entwicklung besser Begleiten als Wohlwollen, Mitgefühl und Liebe?
Vielleicht nicht besser, aber dennoch nicht unwichtig waren für Emo Offenheit und Ehrlichkeit. So war es eine große Herausforderung für ihn, als Tioni ihn einlud, ihre Freunde kennenzulernen. Bei einem Spieleabend mit heiteren Getränken bei ihr zuhause in der Wohnung.
Tja, wo war der Haken doch gleich?
Schnubbel hatte den Abend als Überraschung für Tioni geplant.
Emo verwundert: "Und was wäre, wenn du am Samstag garnicht könntest? Wie sind dein Gefühle bezüglich des Abends?"
Tioni: "Wir haben einen Planer, in den wir gemeinsame Unternehmungen rechtzeitig eintragen, außerdem er hat den Abend doch extra für mich veranstaltet und schon gemeinsame Freunde eingeladen. Ich habe Angst, dass ich Schnubbel unrecht tue, trotzdem habe ich mich überrumpelt gefühlt."
Emo: "Wie hat er denn die "Überraschung" formuliert?
Tioni: "...da du Samstag bisher ja noch nichts vor hattest, dachte ich mir, ich mach dir eine kleine Freude und hab einen Spieleabend am samstag organisiert. Ist das ab 20.30 uhr einplanbar für dich?
Ich werde die üblichen Besorgungen erledigen, wenn du noch Wünsche hast, setz es bitte auf die Liste."
Emo: "Diese Einladung hat er wirklich lieb formuliert. Die
Vorstellung mit dir einen Spieleabend zu verbringen verlockt mich ungemein. Selbst unter der Prämisse, dass ich sehr viel um die Ohren habe, sehr gestresst bin und vielleicht nicht genug Schauspielerisches Engagement mitbringe, ist es unheimlich reizvoll für mich den Samstag abend mit dir zu verbringen. Grade wenn ich etwas wirklich in betracht gezogen habe, werde ich kritisch: Wie hättest du dir das vorgestellt?
Auch wenn wir uns nicht vor den anderen küssen, so merkt jeder, an dem wie wir uns behandelt was los ist. Und grade die Neidischen, die selbst deine Zuneigung haben wollen, bemerken es noch mehr als wir. Alleine, wenn wir lieb zueinander sind, uns gegenseitig Blicke zu werfen...
Einzige Möglichkeit, die ich sehen würde, das zu vermeiden, wäre, dass wir uns extra kühl und reserviert verhielten. Aber wie würde es uns dabei gehen? Ich weiß nicht wielange ich das aushalten würde...
Und der anschließende Abschied? Wann würden wir uns wiedersehen? Wann wieder in den Arm nehmen können? Uns küssen?
Tut mir leid, dass ich derjenige war, der gestern die kritischen Fragen gestellt hat. Auch wenn ich die Fragen aus meiner Sicht berechtigt empfinde, so weiß ich doch auch, was dir an dem Abend liegt. Und vielleicht auch an der Vorstellung mich gemeinsam mit deinen Freunden "genießen" zu können. Das Gefühl von deinem Freundeskreis mit dem Freund, der zu dir gehört, akzeptiert zu werden.
Nichts würde ich mir mehr wünschen für dich. Auch ich wünsche es mir sehr. Aber nicht um den Preis einer Illusion, eine Illusion die wahrscheinlich nur unter Schmerzen für die jeweiligen Betroffenen aufrecht erhalten werden könnte. Deshalb möchte ich nicht am Samstag nicht kommen."
Als Emo das gesagt hatte, beendete Tioni das Gespräch. Ups, was war jetzt los, dachte er? Er hatte sie wohl sehr entäuscht. Das tat ihm leid, gleichzeitig musste es doch eine Möglichkeit geben, seine Zweifel bezüglich des Spieleabends zu äußern? Zugegebener Weise hatte er die letzten Worte sehr hart gesagt, härter als er sich sicher war, dass er wirklich nicht kommen wollte.
Ziemlich überraschend meldete sich Tioni am nächsten Tag: "Zunächst möchte ich mich für mein Verhalten gestern entschuldigen. Es war
absolut kindisch von mir einfach das Gespräch zu beenden und es tut mir leid. Bitte entschuldige.
Natürlich ist es sehr anmaßend von mir, dich in dieser Konstellation und
ungeklärten Situation zu mir zum Spieleabend einzuladen und zu erwarten, nein, besser zu hoffen, dass du kommst. Mir war durchaus bewußt in welche Situation ich dich damit bringe.auch an meine freunde habe ich gedacht,aber ich hatte das gefühl, die situation soweit geklärt zu haben, dass ich das riskieren könnte.
Natürlich war es unverschämt von mir zu denken, dass man einen gemeinsamen Abend verbringen könnte, einen Abend an dem wir unsere Gefühle zumindest nicht offen allen vorführen.
Als ich gestern Abend den Hörer aufgelegt habe, hatte das nicht den Grund, weil ich böse auf dich war,oder mich verletzt gefühlt habe. Ich habe mich einfach nur allein gefühlt. Es war wie eine welle die über mich geschwappt ist und mir meinen Atem genommen hat genauso wie die Fähigkeit weiter zu sprechen, diesen hörer zu halten, deinen Argumenten weiter zuzuhören.
Diese Situtionen wird es immer wieder geben, ich weiß nicht, und ehrlich
gesagt glaube ich auch nicht daran, ob man das ändern kann,ob mir jemand so ein starkes Gefühl geben kann, dass mich das nicht einholt."
Emo: "Das bezieht sich dann wohl auf mich? Warum reicht das, was wir haben nicht dazu aus, solche Überreaktionen zu schlichten? Ich will dir nicht weh tun, aber ich möchte dich auch kritisieren dürfen. Ich möchte keine Angst haben, dass wenn ich nicht grade die passenden Worte finde, es zum Kontaktabbruch kommt.
Abgesehen davon habe ich sicherlich auch meine Teil dazu beigetragen. Vielleicht ist mir dadurch auch bewusst geworden, wie wichtig der Spieleabend für dich ist, sprich: ich habe mich entschlossen das Wagnis einzugehen."
Tioni: "Ich werde die Stunden bis dahin zählen, wird meine liebste Tagesbeschäftigung. Du fehlst mir schrecklich. Liebe ist wie eine Krankheit mit Nebenwirkungen. Momentan bin ich auf Entzug: Mein Kopf kann nicht richtig arbeiten, ich habe unendlich großen Hunger, aber doch keinen Appetit, ich bin müde und doch total aufgekratzt, dass ich keinen Schlaf finde."
Als Emo bei Tioni eintraf, musste er sich als erstes einen längeren Zungenkuss zugunsten eines kurzen in den Armnehmens mit kleinem Lippenbekenntnis ersparen. Schorsch und Gunhild, ein befreundetes Pärchen, waren bereits vorort. Es wurde Tabu gespielt... Emo musste des öfteren schmunzeln, insbesondere als Schnubbel den Begriff "der bewegte Mann erklären musste" und mit Assiziationen wir "der Liebhaber im Schrank" aufwartete. Wenn er es nicht bewusst ansprach, so vermutete Emo ab diesem Moment, dass Schnubbel vielleicht schlauer war, als es Tioni einzuschätzen vermochte.
Derweil berührten sich Emos Beine, mit Tionis Beinen unter dem Tisch. Fast unmerklich glitten ihre Hände zueinander und ganz unäuffällig begann ein Händchenhalten unter dem Tisch.
Plötzlich stand Emo auf, ging in die Küche und bemerkte, wie Tioni ihm durch die halbgeöffnete Tür folgte. Die Gelegenheit für einen intensiven und brickelnden Kuss. Was wäre, wenn sie jemand sehen würde? Diese Frage war für Tioni bestimmt ungleich spannender als für Emo...
Bald nach dieser kleinen Pointe löste sich die Gesellschaft auf und Emo fuhr nachhause (nachdem er noch einen Bekannten von Tioni nachhause gefahren hatte). Ein leicht beklemmendes Gefühl blieb zurück. Ein Gefühl, dass ihn traurig werden ließ. Er hätte so gerne seine Gefühle gezeigt, er hätte sich so gerne an Tioni geschmiegt, wäre bei ihr geblieben. Stattdessen musste er auf Fragen wie: "Woher kennt ihr euch?" Antworten geben, wie "wir sind uns von der Uni bekannt". Gefühle nicht ausleben ist eine Sache, aber seine Beziehung vor anderen verleugnen zu müssen, eine andere. Er versuchte den Abend unter "neue Erfahrung" abzulegen.
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