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Nein! Das Treffen vor Ort viel ins Wasser. Ohne jetzt in eine Tradition politischer Schreiber zu verfallen und einen Tag zuvor noch undenkbare Ereignisse am nächsten Tag rational begründen zu wollen: Eine verspätete Ankunft von Emo und gewisse andere Planungen von Schnubbel und Tioni (die beiden bekamen noch anderen Besuch), verhinderten diesmal ein Treffen.
Zurück im winterlichen Hessen folgte nach dem Austausch diverser Reiseberichte und Photos eine Überraschung: Auf einem der Photos küsste Schnubbel Tioni. Bei Emo löst das ein unbehagliches Gefühl aus: wusste er etwas nicht? Sie war ihm zwar keine Rechtfertigung schuldig, aber seit wann küssen sich beste Freunde? Anderseits warum hatte sie ihm das Bild geschickt? Vielleicht sollte er sich einfach bei der nächsten Unterhaltung erkundigen.
Tioni brach am Telefon in Lachen aus und erklärt, dass es nur ihr bester Freund sei, nicht ihr Typ, aber für sie da. Der Kuss? Ein Kusskontest, Silverster eben, viel getrunken, was macht man da nicht alles für Unsinn. Sie erzählte Emo noch einiges über ihr Verhältnis zu Schnubbel, dass er für sie da war, als ihr Ex sich von ihr getrennt hat, sie häufig an seine Tür gefahren hat, im Auto gewartet hat, bis sie es weinend aufgegeben hat, um Einlass zu flehen. Dieser Dramatik am Telefon konnte Emo sich nicht entziehen und versprach sich die nächsten Tag wieder zu melden. Halbwegs beruhigt und doch noch verunsichert legte er sich schlafen.
Emo: "Ich hätte mir gewünscht, dass ich da gewesen wäre und bin doch froh, dass ich es nicht war. So wie man sich manchmal den Frühling wünscht, die Realität aber Winter verordnet. Genauso wie es manche Briefe gibt, von denen man sich am nächsten Morgen wünscht, sie niemals abgeschickt zu haben... (das wird keiner solche, ansonsten würdest du das niemals lesen)!
Darf ich dich zu einem Gedankenexperiment einladen?
Stell dir vor, du teilst deine Zeit zwei Bereichen zu:
1. Pflichten
2. Freude
Welche Präferenzordnung könnte sich ergeben? Nun zum einen gibt es
das Sprichtwort: "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", zum anderen
bietet ein Leben, das nur aus Pflicht besteht, wenig Anreize. Mir scheint der
Zusammenhang zwischen den beiden Bereichen sehr individuell: Einige leben nur im Vergnügen, andere wirken pflichtbesessen, wieder andere versuchen ihr Vergnügen durch exzessive Arbeit zu 'rechtfertigen'.
Alle diese Einstellungen scheinen von großem inneren Druck zu zeugen. Kommt es dir nicht als Herausforderung vor Verantwortung (in Maßen) annehmen zu können und doch dabei das Leben genießen zu können? Wie lenkst du dich ab, wenn es du unter Druck stehst? Durch Arbeit? Durch Ruhe?
Wäre für dich folgende Situation vorstellbar: Du findest ein Erlebnis derart
angenehm, dass du es garnicht mit negativem in Verbindung bringen kannst(?).
Vielleicht ist es konkret leicht für dich zu verstehen: Tioni, die charmante,
beruflich engagierte und erfolgreiche Frau, die gut aussieht, sich nach außen selten Schwächen erlaubt... ich könnte das jetzt noch etwig fortsetzen... - wird als Folge dieses Eindrucks eben auch als perfekt, leistungsfähig erlebt, d.h. es wird mehr von ihr verlangt, es wird auch gefordert und vielleicht rutscht es da für einige Leute in weite Ferne, dass sie sich überfordert fühlen kann, es ihr schlecht geht, sie der Situation nicht gewachsen ist. Und dann taucht meistens die Frage auf: Warum denken alle, dass ich alleine klar komme? Warum hilft mir niemand? Was ist die Ursache dafür?
In deinem Fall habe ich mir erlaubt, zu spekulieren: Gott weiß, was im Gehirn einer Frau alles schiefgehen kann...
Aber zurück zu unserem Gedankenexperiment: Stell dir vor, wir würden einen romantischen Abend zusammen verbringen? Was würde in dem Moment in dir vorgehen? Wohin würden deine Gedanken gehen?
Könntest du dir das gönnen oder erst nachdem dem du mit Schnubbel zusammengezogen bist?"
Tioni: "Hi Süßer! Ein längeres Treffen wir leider vor dem Umzug nichts mehr. Wir könnten uns am Mittwoch in eine Café treffen, wenn du das willst?
Und du könntest uns am Wochenende beim Umzug helfen, wenn du das willst: Freitag kommt meine Mutter mit ihrem Lebensgefährten und es ist ein nettes Beisamensitzen geplant. Samstag abend veranstalten wir noch eine kleine Party für die Helfer.
Was die anderen Fragen betrifft: Manchmal, wenn ich sehr traurig bin, ist Leidensdruck meine Motivation. Manchmal Träume ich vom Frühling; wenn ich Glücklich bin, dann trägt mich meine Euphorie."
Emo: "Hey mit dem Café, von meiner gerne, ich werde es mir einrichten. Und bezüglich des Umzugs: Inwiefern hast du mich eingeplant? Bin ich eingespannt, ausgeschlossen, willkommen, gefordert??"
Hast du dich schonmal gefragt, was das Schicksal für dich vorgesehen hat?
Welche angeborenen Eigenschaften und Talente zu Anerkennung und Erfolg in unserer Welt führen, können wir sehr oft beobachten. Aber wie erlangen wir die Achtung unseres Herzens? Vertrauen, Sicherheit unabhängig von der Situation, in der wir uns befinden?
Jetzt sag mir bitte nicht, dass das System 'Mama' unerreichbar ist. Eigentlich weiß ich es selbst. Und eigentlich mag ich das Wörtchen 'eigentlich' nicht, in ihm verbirgt sich fast immer ein 'aber'. Nun vielleicht können wir uns darauf einigen, dass unerreichbare Ideale auch Leitziele sein können?
Gedanken über Gedanken - was mache ich nur mit ihnen? Soviele. Was müsste ich eigentlich tun, um bei dir unten durch zu sein? Würde es dir reichen, wenn ich mich in weniger gutes Licht rücken würde oder sollte ich eine Aufzählung meiner negativen Eigenschaften folgen lassen?
Könnte passieren, dass uns dabei der Flirtfaktor verloren geht und wir auf den nüchternen Boden der Tatsachen gezogen werden. Oder anders ausgedrück: Dass ich dadurch bei dir an Attraktivität einbüße.
Vielleicht stellt sich die Angelegenheit auch ganz anders dar und in deiner Gegenwart stellt sich jeder Mann als etwas Besonderes dar. Und vielleicht wäre jemand für dich viel wertvoller, der sich nicht besonders hervorheben würde..."
Tioni:"Hey Darling. Mach dir keine Sorgen, auch nicht wegen meine Mitbewohner, wenn es das ist: Ich bin nicht mit ihm zusammen! Ich habe einfach sehr lange alleine gewohnt und ich war einsam, jetzt können wir uns eine größere Wohnung nehmen und sparen sogar noch Miete. Außerdem bin ich sehr froh, wenn abend jemand da ist, wenn ich nachhause komme.
Wegen des Umzugs: Du bist jederzeit willkommen, Freitag, Samstag, zum Helfen, zum Feiern, wie du möchtest!"
Emo entschied sich für Freitag Nachmittag. Erst noch schnell einen Nebenjob absolvieren und dann so schnell wie möglich beim Umzug helfen. Als er gegen Spätnachmittag an Tionis neuer Wohnung eintraf (in Arbeitskleidung), war er sehr überrascht: Fast alle Möbel standen schon, kaum noch Kartons und etwa ein knappes Dutzend Leute saßen im Wohnzimmer bei Kaffee und Kuchen versammelt.
Nachdem er seinen Schock überwunden hatte, stellte er sich recht schnell auf die neuen Bedingungen ein und führte sich etwas zu Leibe. Ihm fielen jedoch recht einige Merkwürdigkeiten auf: außer Tionis Mutter, was fast ausschließlich Männer anwesend (weniger Merkwürdig, wenn man an einen Umzug denkt, aber wiederum etwas merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass Tioni gleichzeitig ihren Geburtstag feierte). Außerdem merkte er, dass sie fast die ganze Zeit im Mittelpunkt stand, fast wie ein strahlender Engel. Emo verlagerte sich an diesem Abend mehr auf das Beobachten. Was er sah, machte ihn nachdenklich: Tioni dominierte die gesamte Gesellschaft. Ihr Mitbewohner, Schnubbel, bekam nicht selten eine Spitze von ihr ab. Einmal sagte sie, er würde Bücher nur als Deko verwenden an anderer Stelle, war es nur ihr Tonfall. Und wie reagierte er? Mit unterwürfigem Blick, wie ein Hund, der sich nicht zu rühren traut.
Die nächste Merkwürdigkeit erlebte Emo bei der Bescherung. Er selbst hatte sein Geschenk noch im Auto, weil er sich auf körperliche Arbeit eingestellt hatte. Er behielt es bis zu letzt als Überraschung. Aber unter den anderen Geschenken gab es: Ein gemeinsames Frühstück für Tioni und Schnubbel, Konzertkarten für beide und Tionis Mutter schien die beiden als Paar zu behandeln. Nur (körperliche) Zärtlichkeiten fehlten.
Dann gab es noch ein Bett aufzubauen, ein Doppelbett. Emo verstand garnichts mehr, er bemühte sich auch nicht mehr. Soviele rätselhafte Beobachtungen, vielleicht hatte er auch nur einen schlechten Tag, er würde darüber nachdenken, aber nicht jetzt.
Emo nahm einen großen Schluck Wein. Es war schon sein dritte Glas, er hatte nicht geplant, zu übernachten.
Plötzlich begannen die ersten müde zu werden und kurz nach Mitternacht machte die Gastgeberin Anstalten die Party aufzulösen.
Emo bat darum, sich noch ein paar Stunden in der Wohnung hinlegen zu dürfen, um nicht betrunken fahren zu müssen. Tioni reagierte wenig begeistert. Sie meinte, es würden sechs Leute übernachten und es sei sehr wenig Platz. Schlussendlich ließ sie sich umstimmen und Emo durfte auf der Couch neben ihrem Bruder schlafen.
Ungefähr eine Stunde war vergangen, um ihn herum war ein leichtes aber gleichmäßges Geschnarche zu vernehmen. Emo fand keine Ruhe, die Gedanken durchkreisten seinen Kopf. Worein war er hier geraten?
Plötzlich vernahm er Geräusche. Er wurde hellwach. Ein Reiben, dumpfe Töne, dann ein Stöhnen. Emo wollte Schreien, alle aufwecken, was war das?? Woher kam das Geräusch?? Er wusste es nicht, er nahm einfach nur seine Sachen in die Hand und rannte raus. Dann überkamen ihn die Tränen, bis er an seinem Auto ankam, war sein ganzes Gesicht feucht, er konnte kaum sehen. Heimfahren konnte er so nicht.
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