Hallo DieSchlange,
bislang konnte ich noch nichts lesen, das Dich zu einem Monster macht und wenn alles stimmt, was Du schreibst, dann liegt es nicht an der gewählten psychotherapeutischen Richtung, dass Deine Therapeutinnen das auch so sehen. Immerhin waren sich beide darin einig und das heißt schon was.
Diese sehr in Mode gekommene Diagnose "Narzissmus" wäre wahrscheinlich Deinen Therapeutinnen aufgefallen, wenn sie bei Dir ein gesundes Maß übersteigen würde. Jeder Mensch ist ein wenig Narzisst und das hat durchaus Vorteile und ist nichts, wovor Du Dich ängstigen musst.
Inzwischen bist Du 23 Jahre alt. Da wird es langsam Zeit, dass Du eigene Entscheidungen triffst und nicht mehr alle Anforderungen Deines Elternhauses oder Umfeldes zu erfüllen versuchst. Du hast das Abi geschafft und ein Studium begonnen. Ist das nicht wenigstens ein kleiner Grund, etwas selbstbewusster zu sein? Das schaffen nicht alle Menschen, also hast Du wohl was "auf der Pfanne".
Sich gegen die verquere Erziehung der eigenen Eltern aufzulehnen wird dann schwierig, wenn die Liebe an die erreichten Erfolge geknüpft wurde und das scheint bei Dir der Fall gewesen zu sein. Sich Liebe verdienen zu müssen, ist verdammt hart. Wenn man nur akzeptiert oder gar geliebt wird, wenn man die entsprechenden Ergebnisse abliefert, dann kann das für einige ein Ansporn und für andere die Hölle sein, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt. Aber genau das ist nicht wahr. Den Druck, den Deine Eltern aufgebaut haben, kannst Du abschütteln.
Dass dies alles bei Dir Spuren hinterlassen hat, macht Dich nicht zum Monster. Wie Du siehst, haben sich eure Eltern schon bei Deinem Bruder geirrt. Und bei Dir irren sie sich ebenfalls. Auch das sollte Dir zu denken geben. Warum weiter an etwas festhalten, das sich offenbar als grober Irrtum herausgestellt hat? Deine Eltern mögen in punkto Geld erfolgreich sein, aber menschlich haben sie ganz offensichtlich einige Defizite.
Ich kann Dir nur raten, erst mal Luft zu holen. Ja, dem eigenen Selbstwert auf die Sprünge zu helfen kann etwas dauern, denn erst einmal musst Du eines der wichtigsten Worte für Dich erobern und das lautet: "Nein".
Erspüre in Dir, was alles nicht "Deins" ist. Nochmal ja, das kann dauern. Du hast so viele Jahre nicht auf Dich gehört, da wird die eigenen Stimme ziemlich leise. Also lass Dir Zeit und tu erst einmal einfach nichts. Schau Dir Deine Welt an und stell Dir immer mal wieder die Frage, ob das gerade vor Deiner Nase was mit Dir zu tun hat. Wenn nein, dann nimm Dir etwas anderes vor. Finde Schritt für Schritt heraus, was DIR etwas bedeutet. Das ist recht spannend. Und mache vor allem Fehler! Die hast Du scheinbar bisher vermieden. Nur dieses Vermeiden hat einige Ängste in Dir ausgelöst, hat Dich vor lauter Angst immer wieder "auf Kurs" gebracht. Aber es war nicht Dein Kurs. Also mache Fehler, triff Entscheidungen aus dem Bauch heraus und schau, was passiert. Und dann lächle, weil dieses Leben schon ganz schön bescheuert sein kann.
Ich wünsche Dir sehr, dass Du Dich nun endlich traust, Deine eigenen Schritte zu gehen, denn nur so lernt man Selbstvertrauen und entwickelt sein eigenen Selbstbewusstsein. Nur, wenn Du selbst die Sonne auf Deiner Haut spüren, riechen und schätzen lernst, weist Du, wann das gut ist für Dich und wann nicht. Nein, gehe nicht den Weg der "Besserung", denn das würde ja wieder bedeuten, dass es da wo Du bist nicht schon "gut" ist. Du hast diese Selbstoptimierung schon so verinnerlicht, dass Du ohne die berühmte Karotte vor Deiner Nase schon garnicht mehr sein willst. Und so treibst Du Dich selbst immer mehr voran. Und ganz "verrückt" im wahrsten Sinne wird es, dass es Dir womöglich sogar noch mehr Angst macht, nicht mehr getrieben und gepuscht zu werden, denn dann ist da vielleicht auch nicht mehr sofort jemand, der Dich lobt.
Fang an zu erforschen, in welches perfide System von Erwartungen Du Dich hast einsperren lassen und ganz sicher nicht nur, um DIR etwas Gutes zu tun. Wenn Eltern nicht mehr erkennen, was sie ihren Kindern damit antun und wie lieblos und furchtbar dieses System für eine Kinderseele ist, dann läuft da bei ihnen ganz gewaltig was schief und das ist dann nicht auf Deinem Mist gewachsen.
Du wirst Dich von einigen dieser Mechanismen, von einigen Glaubenssätzen verabschieden müssen und können und so bescheuert das klingt: obwohl Du darunter gelitten hast, wird dieses Verabschieden weh tun, denn dieses System hatte auch Vorteile (Erfolg, Bestätigung, Manipulation Deiner Eltern, etc.) und Du warst dem viele Jahre gewachsen. Aber jeder Sche...ß darf auch mal ein Ende haben.
Du hast klare Worte gefunden und scheinst ein aufrichtiger Mensch zu sein. Jetzt finde DEINE Welt. Das macht nichts einfacher, nichts besser und erst recht nichts leichter, aber es wird Schritt für Schritt DEINS sein und das wird Dir gut tun.