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Haltlos und einsam...

G

Gastpod

Gast
Sehr geehrte Gemeinschaft,

Ich hatte bis zu einem gewissen Alter ein schönes Leben. Klar gab es da auch Tiefs, aber die Hochs haben stets überwogen. Ich habe zwar bemerkt, dass sich meine Eltern gegenseitig hin und wieder an die Gurgel gehen, aber so bin ich nunmal aufgewachsen. Das ist für mich normal. Erwachsene machen das eben. Gestorben ist dabei niemand, also kann es auch nicht so schlimm gewesen sein. Es gibt ja den Notarzt und das Krankenhaus.

Irgendwann jedoch beschlossen meine Eltern sich scheiden zu lassen. Mir doch egal. Dann sind sie eben nicht mehr verheiratet. Das ist doch sowieso alles nur eine formelle Sache. Trotzdem ist mein Vater dann abgehauen und irgendwoanders hingezogen. Ich fand das total dämlich. Ich mochte ihn sehr, auch wenn er öfters mal Prügel verteilte. Das mochte ich nicht ganz so gern, aber tut ja nur für kurze Zeit weh. Ich habe ihn anfangs schon sehr vermisst. (Auch seine Prügel, das gehörte einfach zu ihm.)

Meine Mutter hat uns dann aber nach und nach davon abgebracht ihn zu mögen. Sie hat gesagt er würde mit anderen Frauen rummachen. Was auch immer das zu bedeuten hat, dachte ich mir damals und er würde all sein Geld für andere ausgeben und nichts für uns. Also ist Papa wohl ein schlechter Mensch fragte ich mich. Naja, er ist immerhin abgehauen ohne mir was zu sagen! Das werde ich ihm nie verzeihen. Von daher war er unten durch bei mir. Egal was meine Mama auch noch so alles sagte. Ich habs eh nicht verstanden.

Sie haben sich dann noch so 1-2 Jahre übelst genervt. Andauernd angerufen und wieder aufgelegt. Sich gegenseitig angezeigt woraufhin mein Papa fast ins Gefängnis gehen musste. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich in der Zeit richtig gehasst haben. Was ich nicht so recht verstehen konnte. Sie haben sich sonst auch nur andauernd angeschrien und geschlagen. Was war jetzt anders? Sich scheiden heist also, man darf sich nicht mehr anschreien? Komische Sache.

Jedes mal wenn ich meinen Papa sehen wollte musste ich nun 2 Wochen warten. Und dann auch nur am Wochenende. Totaler Mist. Ich will meinen Papa abends vorm zu Bett gehen sehen und morgens beim aufwachen. Und manchmal würde ich am Wochenende gerne Fußballspielen als zu meinem Papa. Aber nein, dann MUSS ich dahin. Gott, war das nervig.

Irgendwann später bat mich meine Mama eine Entscheidung zu treffen bei der ich zwischen Cholera und Pest wählen sollte. Sie wollte auch wegziehen. Das heißt ich hab dann überhaupt niemanden mehr. Meine Freunde und meine Schule wird sicherlich nicht mit mir mit umziehen. Die Alternative wäre gewesen eine kleinere Wohnung in der Gegend (10km) zu nehmen. 10 km am Land sind Welten! Da kann ich nicht mehr zu meinem Nachbarn rüber gehen und spielen. So oder so ich musste umziehen. Einzig die Schule wäre mir noch geblieben. Allerdings hat mir meine Mama auch mitgeteilt, dass sie es hier nicht aushält und sich hier noch umbringt. Und genau für diese Entscheidung war meine Mama für mich nun auch gestorben. Man kann sich also auf niemanden mehr verlassen. Scheiss Welt! Scheiss Leben!

Ich dachte mir dann, wenn mir meine Mama so ein Ultimatum aufdrängt, dann zieh ich zu meinem Papa. Das war für mir das geringere Übel. Sie konnte wegziehen und muss sich nicht umbringen und ich bin zumindest noch an der gleichen Schule. Auch wenn ich meinen besten Freund deshalb nie wieder gesehen habe.

Bei meinem Papa habe ich dann die restliche Schulzeit verbracht. Wobei mir seit dem ich von daheim wegziehen musste nichts mehr wichtig war. Ein Wunder, dass ich das Abitur bekommen habe. Es ist mir seitdem alles vollkommen egal. Ich bin in einem dauerhaften Zustand der Lethargie. Wozu? Wozu sich für irgendwas aufraffen? Es ist doch sowieso alles zum scheitern verurteilt. Von daher beschloss ich in meiner Welt zu leben. In der virtuellen. Da gibt es noch Zusammenhalt und Freundschaft. Da hilft man sich noch gegenseitig. Da unterstützt man sich. Klar gibts da auch Idioten. Aber die kann man sehr einfach ausblenden und ignorieren. Oder noch besser, töten. :)

Irgendwann wars mir bei meinem Papa zu nervig. Deshalb beschloss ich auszuziehen. Ich war sowieso nur seine Hilfskraft, die alles erledigen musste worauf er keine Lust hatte. Ich fühlte mich seit dem er damals einfach abgehauen war ohne was zu sagen nie wieder als sein Sohn. Mich gibts halt. Mist.

Nun denn. Mit Abitur in der Tasche kann man ja studieren. Etwas Recherche et voila. Studienplatz + Wohnung möglichst weit weg. Da bin ich nun. Mein zweites angefangenes Studium fährt dieses Semester ebenfalls gegen die Wand. Ich mache nichts. Wozu auch? Wozu sollte man irgend etwas auf dieser Welt machen? Für wen?

Was ich jetzt mache? Ich schnorre mir dieses Semester noch Bafög und lebe gemütlich in meiner virtuellen Welt. Ich schnorre. Ja. Anders kann man es nicht nennen. Ich mache schließlich nichts. Ich mache nichts, weil ich nirgends mehr einen Sinn sehe. Alles was ich je wollte war ein bisschen Zuneigung. Die gibt es aber nicht. Die Welt ist schlecht und das beste wäre, man wäre erst gar nicht hier. So weit war ich schon. Ich wollte mein unwürdiges Dasein beenden. Nur als es so weit war, war der Überlebenstrieb stärker. Und mir wird mittlerweile auch klar, dass ich mich nie umbringen wollte. Allein die Ausführung war so miserabel. Ich wollte Aufmerksamkeit.

Sicherlich hätte ich dafür Aufmerksamkeit bekommen. Aber zu welchem Preis? Und es wäre nur von kurzer Dauer. Ausserdem ist es ja keine Aufmerksamkeit die ich möchte. Sondern Zuwendung. Echte Zuwendung. Geborgenheit. Liebe.

Die kriegt man nicht wenn man sich umbringt. Für die muss man sich öffnen. Ich bin jedoch nicht mehr bereit mich für irgendjemanden zu öffnen. Ich hab das Vertrauen in meine Mitmenschen komplett verloren. Mein Urvertrauen ist zunichte. Zerstört von meinen eigenen Eltern.

Ich befinde mich gerade in einem Konlikt. Es gibt Phasen in denen ich mir selbst wieder bewusst werde. Ich merke, dass mir die virtuelle Welt nicht das gibt wonach ich mich sehne. Darüber nachzudenken fällt mir schwer. Ich resigniere. Ich suche mir ein neues endloses Spiel. Der Kreislauf beginnt.

Ich spiele. -> Die virtuelle Welt ist meine Welt! -> Mein Gewissen plagt mich -> Ich suche mir eine neue virtuelle Welt -> Ich spiele. -> Die virtuelle Welt ist meine Welt! -> Mein Gewissen plagt mich...

Die einzige Möglichkeit aus diesem Kreislauf herauszukommen ist die, etwas völlig anderes zu tun. Etwas, dass man noch nie gemacht hat.

Ich schreibe hier. In der Hoffnung auf Antworten zu stoßen, die mir helfen mein Urvertrauen wieder herzustellen.

Ich weis, ich muss raus. Ich hatte seit 3 Monaten keinen Kontakt mehr zu Mitmenschen. (Einkaufen zähle ich nicht mit dazu. In der Großstadt ist das alles nur Fließbandarbeit.) Mein Abwehrsystem warnt mich. Es versucht mich zu schützen. Lass dich auf nichts mehr ein. Sonst wirst du nur wieder wie Dreck behandelt. Mein Herz sehnt sich nach Nähe, Verbundenheit, Geborgenheit, Spaß, Freud, Leid, Liebe, ...

Mein Verstand sagt mir, wenn ich nicht rausgehe und wenn ich mich selbst nicht ändere, dann wird sich auch nie etwas ändern. Ich habe die Wahl. Lethargische Resignation oder Kampf - Wille. Mein Wille ist stark. Und in Gemeinschaft unzerbrechlich. Alles was fehlt ist ein kleiner Anstoß.


Ergebenste Grüße
pod
 

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Nordrheiner

Sehr aktives Mitglied

Hochverehrter Herr Professor Dr. Gastpod,

Mensch, Junge, die Welt kann sehr schön sein. Aber dafür braucht es oft liebe Menschen, die Dich mal in den Arm nehmen (auch wenn Du ein Mann bist) und die Du in den Arm nehmen kannst. Ein Mann braucht Ziele, eine Mission ….. sonst vegetiert er vor sich hin ……

Wenn man dahin gelangen will, wo man noch nie war, dann muß man Wege gehen, die man noch nie gegangen ist.

Nur eines ist klar: Ohne Selbstdisziplin läuft überhaupt nichts.

Verfügst Du über Selbstdisziplin? Könntest Du Dich – wenn Du wolltest – am Riemen reissen und Dich für was auch immer einsetzen, kämpfen und das monatelang?


Dienervolle Grüße,
Nordrheiner

 

primechecker

Aktives Mitglied
Eigentlich hast du völlig Recht Gastpod.
Ich frage mich das auch immer wieder, was das noch alles für einen Sinn ergibt.

Das mit dem Onlinespielen hab ich auch selbst erlebt bei mir. Da hast du wirklich manchmal einen viel besseren Zusammenhalt. Ich kann mich noch erinnern, wo ich damals in einer guten Gilde war und das war glaube meine schönste Zeit im ganzen Leben. Wir haben zusammen Herausforderungen gemeistert und auch ein relativ gerechtes Belohnungssystem etabliert. Das Schöne ist ja meistens auch, dass dann jeder etwas abbekommt und man auch gegenseitig mehr Rücksicht nimmt, weil genug Ressourcen vorhanden sind, um die man nicht konkurrieren braucht.
Ehrlich gesagt manchmal macht es für mich mehr Sinn in einen Rollenspiel abzuhängen, als noch diesem ganzen Mist in der Realität mitzumachen. Problem ist eben das Geld und hauptsächlich der Ausgleich, z.B. in Form von körperliche Aktivität.

Das mit Disziplin ist glaube ich nicht so einfach, wie eigentlich mit vielen anderen Dingen, die für Menschen so selbstverständlich sind, weil sie bei ihnen einfach funktionieren ohne groß nachzudenken. Aber wehe dem das Ganze funktioniert dann nicht mehr, dann geht nämlich eine regelrechte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen los.

Ich kann dir leider auch keinen Rat hierzu geben. Ich kann bloß mitfühlen und nachvollziehen wie es dir ergehen könnte.
 

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