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Gerichtstermin - die Uhren stehen still

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Ich hatte heute wieder einen Termin bei meiner Therapeutin, der guten Fee. Auf dem Weg dort hin laufe ich durch ein ziemlich abgerocktes Viertel. Im Prinzip ein gutes Übungsfeld für mich, um mich abzugrenzen.

Auch heute wurde ich von zwei fremden Männern angesprochen und dabei fiel mir auf, dass ich enorme Schwierigkeiten habe ein "Nein" auch wirklich zu äußern. Nun ist es so, dass das Medikament, das ich nehme, verhindert in eine Dissoziation zu rutschen. Dadurch nehme ich aber eine deutliche "Spaltung" von Körper und Geist wahr. Spricht mich jemand an, fährt in mir drin - geistig - wie ein Fahrstuhl runter. Das Gefühl ist ganz schwer zu beschreiben, es ist wie ein innerliches "Zumachen". Gleichzeitig aber fährt mein Körper hoch, ich fange an zu schwitzen und nervös zu werden. Diese Trennung nehme ich deutlich wahr. Anstatt aber mich aufzurichten, dem Gegenüber in die Augen zu sehen und ein deutliches Nein zu äußern, schüttel ich den Kopf und gehe einfach weg. Sicherheit strahlt das sicherlich nicht aus...

In der Therapie haben wir dann darüber gesprochen, warum mir dieses explizite NEIN sagen so schwer fällt, meine Therapeutin fragte dies konkret nach. Daraufhin geriet ich erstmal ins Stocken, konnte ihr aber dann doch zum ersten Mal genau von dem Abend vor dem Übergriff erzählen. Auch wie schwer es mir fällt, meine Gefühle darüber jetzt wieder zu ordnen. Als ich ihr dann zum ersten Mal sehr genau erzählte, was der Grund war, warum ich überhaupt mitgegangen bin, dass er behauptete so sehr krank zu sein und jeder ihn deshalb meiden würde etc, wurde sie richtig sauer. Nicht auf mich, sondern auf die Art und Weise wie der Täter mich manipulierte.

Wie bereits erwähnt nahm meine Anwältin Akteneinsicht. Inzwischen ist klar, dass der Täter nicht krank ist, ich die PEP völlig umsonst über mich habe ergehen lassen und das alles nur ein ziemlich mieser Plan war, auf den ich leider reinfiel. Als ich dies erfuhr, kamen viele Gefühle in mir auf. Wut, Trauer, aber auch viel gegen mich gerichtete Vorwürfe. Das alles verwirrte mich und versetzte mich wieder mal in die Situation von damals.

Mit der Hilfe meiner Therapeutin konnte ich diese aufkommenden Gefühle heute gut für mich sortieren. Ich war sauer auf mich, weil ich das nicht besser vorhergesehen hatte. Aber genau dies war mir scheinbar gar nicht möglich, weil es bis dato gar nicht für mich möglich erschien, dass sich jemand so eine perfide Geschichte einfach nur ausdenkt, um mich in eine Falle zu locken. Es war also gar nicht in meinem Weltbild verankert und so musste ich mehr oder weniger darauf reinfallen. Ganz ähnlich wie DrakeSF es sagte. Hinterher ist man immer klüger.

Was heute demnach noch übrig ist, ist nicht der Vorwurf "ich hätte es besser vorhersehen müssen", denn das konnte ich nicht. Sondern der bloße Wunsch, dass ich dies hätte können. Das ist ein Unterschied, er spricht mich - zumindest was diesen Teil betrifft - frei von Schuld.

Was mir sehr geholfen hat, war zu sehen, dass meine Therapeutin richtig sauer wurde auf den Typen. In diesem Moment habe ich irgendwie verstanden, dass auch ich das Recht und alle Gründe habe, auf ihn sauer zu sein. Ich habe, so glaube ich, zum ersten Mal erkannt, wo ich meine Gefühle richtig verorte. Die Trauer darf bei mir bleiben, die Wut, das Sauersein, gehört aber nicht zu mir sondern zu ihm. Ich hoffe, dies wird mir helfen, den Prozess emotional zu überstehen.

Bleibt die Frage, dürfen oder sollten Therapeuten überhaupt Emotionen zeigen?

Dass ich wieder lernen muss, dass ein einfaches "Nein" nicht gleich mein Leben bedroht, ist nicht leicht. Ich weiß nicht, was mir da helfen könnte? Es vielleicht vor dem Spiegel üben? Die Körpersprache hat da sicher auch ihren Anteil.
 
Zuletzt bearbeitet:
Liebe Bumblebee,

ich möchte nur auf einen Aspekt deines vorherigen Beitrags eingehen. Du schreibst, dass es dir sehr schwer fällt, angemessen Nein zu sagen, wenn du draußen angesprochen wirst.

Das kannst du, denke ich, zu Hause üben. Zunächst solltest du auf einen aufrechten Gang achten. Hast du schon einmal im Fernsehen gesehen, wie afrikanische Frauen z.T. schwere Gegenstände auf dem Kopf transportieren? Das gelingt ihnen nur, weil sie absolut aufrecht gehen. So ungefähr solltest du gehen und dabei auch den Blick geradeaus richten, also Rücken gerade, Kopf hoch und Augen nach vorne.

So kannst du in deiner Wohnung hin und her gehen und dazu stellst du dir vor, dass dich jemand anspricht und etwas von dir will was du nicht willst. Nun stell dir vor, wie du diesen Jemand anschaust und mit fester Stimme Nein sagst.

Magst du das einmal versuchen?
 
Ich mache das auch so (inzwischen automatisch), dass ich mich in Situationen, wo mich potentiell jemand blöd anquatschen könnte innerlich ganz bewusst aufrichte, dadurch äußerlich gleich mit. Kopf so hoch, dass es einem schon fast übertrieben vorkommt, nicht auf den Boden schauen. Ich weiß zwar nicht ob deshalb, aber in den allermeisten Fällen werde ich gar nicht erst angesprochen.
 
Liebe Bumblebee,

ich möchte nur auf einen Aspekt deines vorherigen Beitrags eingehen. Du schreibst, dass es dir sehr schwer fällt, angemessen Nein zu sagen, wenn du draußen angesprochen wirst.

Das kannst du, denke ich, zu Hause üben. Zunächst solltest du auf einen aufrechten Gang achten. Hast du schon einmal im Fernsehen gesehen, wie afrikanische Frauen z.T. schwere Gegenstände auf dem Kopf transportieren? Das gelingt ihnen nur, weil sie absolut aufrecht gehen. So ungefähr solltest du gehen und dabei auch den Blick geradeaus richten, also Rücken gerade, Kopf hoch und Augen nach vorne.

So kannst du in deiner Wohnung hin und her gehen und dazu stellst du dir vor, dass dich jemand anspricht und etwas von dir will was du nicht willst. Nun stell dir vor, wie du diesen Jemand anschaust und mit fester Stimme Nein sagst.

Magst du das einmal versuchen?

Das vor dem Spiegel üben habe ich bereits hin und wieder in der Vergangenheit geübt. Wenn ich ehrlich bin, komme ich mir dabei ziemlich albern vor, finde das sogar recht unangenehm. In der konkreten Situation funktioniert das dann auch nicht, eben genau aufgrund dieser Angst, dass es dann doch schief geht. Diese Angst bekomme ich irgendwie nicht aufgelöst, schon gar nicht, wenn ich nur alleine vor dem Spiegel übe.
Wegzugehen ist ja schonmal besser, als angewurzelt stehenzubleiben. Das ist nämlich sonst passiert.
Als ich noch zum Training ging, habe ich mich mal darin versucht, zu schreien. Aber auch dabei kam ich mir komisch vor.
 
Sobald du es häufig machst ist es nicht mehr ungewohnt.
und dann fühlt es dich völlig normal an .
als Nächstes.
 
Mir geht es nicht gut.
Und bevor ich vom Dach springe, schreibe ich lieber hier. Einfach um nicht innerlich zu platzen.

Mich plagen enorme Schuld- und Schamgefühle. Sie fressen mich gewissermaßen auf. Dabei sind es mir sehr vertraute Gefühle, ich kenne sie bereits mein Lebenlang.

Mein jüngster Bruder starb, weil ich ein Kopfkissen vor den Halogenstrahler in unserem Kinderzimmer klemmte. Ich wollte es schön für uns machen. Die Gefahr habe ich als kleines Kind nicht erkannt, ich wusste nicht, dass Kissen Feuer fangen.
Meine Mutter hat nie ein Geheimnis darum gemacht, dass es meine Schuld war. Im Gegenteil, sie hat es mich immer spüren lassen. Ich war von da an nie mehr richtig, egal wie sehr ich versucht habe, alles wieder gut zu machen.

Im Alter von 17 Jahren verstarb mein Vater. Er war einer von vielen Männern meiner Mutter und auch nicht mein leiblicher Vater. Aber er war, neben meinem älteren Bruder und meiner Oma, der einzige Mensch, der mir nicht immer das Gefühl gab, falsch zu sein - und Schuld. Als er starb, das war sehr schlimm für mich. Aber natürlich auch für meine Mutter und ich fühlte mich umso schuldiger. Ich habe alles getan, damit meine Mama wenigstens ab und zu mal wieder lachen möge, aber stattdessen wurden ihre Depressionen und ihr Hass nur immer schlimmer.

Nach dem Abitur habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich zog weit weg, um endlich für mich Frieden zu finden. Ich fand gute Freunde, beendete mein Studium, fand einen Partner und auch einen tollen Job.

Eigentlich schien ich doch nochmal die Kurve bekommen zu haben aber dann kam 2018 der Übergriff und meine Welt steht seither Kopf.
Ich bin mit diesem Typen mitgegangen, weil er mir leid tat. Weil ich wieder ein dummes Schuldgefühl in mir hatte, dass mir nicht erlaubte, diesen mir eigentlich unsympathischen Typen abzuweisen. Was dort passierte kann ich kaum in Worte fassen und gehört hier auch nicht hin. Es war schlimm und oft habe ich mir gewünscht, er hätte mich besser umgebracht.
Vor meinen Füßen liegt seitdem mein mühsam aufgebautes Leben in Trümmern und ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll es aufzuräumen.

Meine Therapeutin bekommt immer nur einen kleinen Ausschnitt, ein winziges Fenster dessen mit, was in mir vor geht. Ich kann es einfach nicht nach außen bringen. Und ich selbst verstehe davon auch nur die Hälfte. Es ist so viel, das ich nun "nacharbeiten" muss.

Mir ist es nach dem Übergriff trotz allem mit sehr viel Kraft gelungen, wieder ein kleines Stück Vertrauen zu Menschen zu fassen. Mein ehemals bester Freund war einer dieser wenigen, die ich wieder in mein Leben lassen konnte. Aber weil ich nicht ausreichend Vertrauen konnte, zerbrach diese und mein Vertrauen in das Gute im Menschen nahm erneut Schaden. Ich schäme mich, dass ich es zugelassen habe, ihn so nah an mich rangelassen zu haben. Ich schäme mich, weil ich wieder nicht gut genug auf mich aufgepasst habe. Und ich fühle mich schuldig, weil ich nicht so ehrlich sein konnte, wie ich es gerne wollte.

Nach dem Übergriff und der Tatsache, dass der Typ mir noch lange drohte, brach ich alle sozialen Kontakte ab. Ich wollte nicht wieder Schuld sein, wenn meinetwegen anderen etwas passiert. Ich musste sie schützen.

Aber nicht nur mein soziales Umfeld brach weg, auch mein Job. Ich bin einfach zu lange krank gewesen. Auch dafür fühle ich mich schuldig. Ich bin zu langsam, mir hätte es schneller besser gehen müssen. Es ist nicht so, dass ich dies nicht versucht habe, aber die Therapie, die ich bis heute mache, destabilisiert mich, krempelt mein komplettes Leben um. Ich kam bis zu diesem Übergriff gut mit mir zurecht, hatte meine Vergangenheit emotional verdaut, ganze Teile sogar völlig vergessen. Heute weiß ich nicht einmal, wer ich bin.

Jetzt bricht alles über mich herein. Ich bin bestimmt kein schlechter Mensch, wollte immer nur das Beste für meine Mitmenschen. Habe immer viel gearbeitet, weil ich Sorge hatte, man könnte mir vorwerfen nicht gut genug zu sein - so, wie es mir meine Mutter schon immer vorwarf. Ich habe immer versucht eine gute Partnerin zu sein, habe viel heruntergeschluckt, mir viel gefallen lassen. Ich gab mir immer Mühe eine gute Freundin für meine Freunde zu sein - aber am Ende hat es einfach nicht gereicht.

Vor der Therapie habe ich all das nicht hinterfragt, ich war einfach so und ich war nicht schlecht so. Mein Leben funktionierte - irgendwie.

Jetzt aber fühle ich mich unendlich schlecht. Ich fühle mich als Mensch wertlos. Ich habe keinen Job, kein Zuhause, keinen Selbstwert, keine Identität und keine sozialen Kontakte mehr. Ich bin kein guter Umgang, das ist das, was ich denke. Und wieder fühle ich mich schuldig. Schuldig, mein Leben nicht besser gemacht zu haben, Menschen enttäuscht zu haben, Dinge nicht besser gewusst zu haben.

Und jetzt sitze ich hier, seit Wochen zurückgezogen in meinem Zimmer und rede mit mir selber oder mit meinen inneren Stimmen oder im Geiste mit dem Täter - und sie reden mit mir, bestätigen mich in meinem Denken und fühlen. Ich mache ins Bett, trage Handschuhe, weil ich mich eklig finde, schaffe es kaum zu trinken, weil ich denke, dass ich ertrinke und esse unmengen Gurken, damit ich meinen Nieren nicht noch mehr schade.

Vor mir liegt der Prozess, ein Kraftakt, dessen Ausgang mir mein Leben nicht wieder bringt und auch den Trümmerhaufen, der vor mir liegt, nicht kleiner macht. Es fühlt sich so sinnlos an, weil es mich nicht heilen wird und all das, was nun durch die Therapie ausgegraben wurde, nicht wieder weg macht.

Das Gefühl, an allem Schuld zu sein, auch wenn es faktisch nicht so ist, macht mich extrem mutlos und klein. Ich bin bestimmt kein schlechter Mensch, aber ich hätte unter anderen Umständen ein anderer sein können - und wahrscheinlich auch ein besserer.

Wie werde ich meine Schuldgefühle los und auch die Scham darüber, mich immer wieder in Situationen oder zwischenmenschliche Beziehungen begeben zu haben, die mich verletzen?

Jetzt steht Ostern vor der Tür - viele Stunden in denen ich viel zu viel Zeit habe über alles nachzudenken und mit mir selbst zu reden. Ich halte das nicht aus.

Tut mir leid für den chaotischen Text, ich wusste nicht wohin. Und jetzt am Ende angekommen, denke ich darüber nach ihn wieder zu löschen, weil ich mich für mein gejammer auch irgendwie schäme.
 
Zuletzt bearbeitet:
Es ist ein sehr offener und ehrlicher Text .
niemand lässt Kinder mit solch Feuer gefährlichen Dingen spielen.
du bist was diesen Teil angeht absolut nicht Schuld.
null nada gar nicht .
 
Ach liebe @Bumblebee* , ich drücke dich jetzt einfach erstmal ganz fest 💕... es ist einmal mehr, dass ich denke, dass das Leben die Päckchen manchmal einfach so unfair verteilt.

Ich gehe davon aus, dass ich nichts sagen kann, was du nicht schon oft gehört hast und dir daher nicht wirklich helfen kann im Moment, aber da es auch nicht schadet (und ganz abgesehen davon auch der Wahrheit entspricht), tue ich es trotzdem: du bist an nichts von dem, was du geschildert hast, Schuld!

Was mit deinem Bruder passiert ist, tut mir unglaublich leid, ich kann es mir kaum vorstellen. Ich habe als Kind das gleiche gemacht, nur mit Seidenpapier statt Kissen, weil ich Diskolicht fabrizieren wollte. Ist ebenfalls schief gegangen, und es war reines Glück, dass nichts wirklich Schlimmes passiert ist.

Meine Tochter hat vor einigen Jahren ihr Kuscheltier auf ihre Lampe gelegt, weil es ihr zu hell war. Ich hab es nicht gemerkt. Ebenfalls schief gegangen. Ebenfalls reines Glück, dass nichts wirklich Schlimmes passiert ist.

Das Glück hattest du leider nicht, aber Schuld bist du auch nicht; es hätte jedem passieren können. Am Ende tragen auch immer die Erwachsenen die Verantwortung.

Hast du noch Kontakt zu deiner Mutter? Wenn ja, tut er dir gut?

Was deine Therapeutin betrifft, hat sie von alldem, was du schreibst, bereits Kenntnis? Willst du ihr den Post sonst vielleicht beim nächsten Mal zeigen?

Dass Ostern wahrscheinlich wie ein Berg vor dir liegt, weil es plötzlich soviel Zeit herumzubringen gilt, kann ich mir gut vorstellen; ich kenne das Gefühl, wenn die Zeit dein Feind ist. Mach es dir so schön du kannst. Und melde dich sehr gerne, wenn dir danach ist. Mein Ohr ist da, wenn du möchtest.

Du wirst sehen, irgendwann blickst du auf all das zurück und merkst, wie sehr du daran gewachsen bist. Glaub an dich, du bist stärker, als es sich im Moment anfühlt 💫
 
Mir geht es nicht gut.
Und bevor ich vom Dach springe, schreibe ich lieber hier. Einfach um nicht innerlich zu platzen.

Mich plagen enorme Schuld- und Schamgefühle. Sie fressen mich gewissermaßen auf. Dabei sind es mir sehr vertraute Gefühle, ich kenne sie bereits mein Lebenlang.

Mein jüngster Bruder starb, weil ich ein Kopfkissen vor den Halogenstrahler in unserem Kinderzimmer klemmte. Ich wollte es schön für uns machen. Die Gefahr habe ich als kleines Kind nicht erkannt, ich wusste nicht, dass Kissen Feuer fangen.
Meine Mutter hat nie ein Geheimnis darum gemacht, dass es meine Schuld war. Im Gegenteil, sie hat es mich immer spüren lassen. Ich war von da an nie mehr richtig, egal wie sehr ich versucht habe, alles wieder gut zu machen.

Im Alter von 17 Jahren verstarb mein Vater. Er war einer von vielen Männern meiner Mutter und auch nicht mein leiblicher Vater. Aber er war, neben meinem älteren Bruder und meiner Oma, der einzige Mensch, der mir nicht immer das Gefühl gab, falsch zu sein - und Schuld. Als er starb, das war sehr schlimm für mich. Aber natürlich auch für meine Mutter und ich fühlte mich umso schuldiger. Ich habe alles getan, damit meine Mama wenigstens ab und zu mal wieder lachen möge, aber stattdessen wurden ihre Depressionen und ihr Hass nur immer schlimmer.

Nach dem Abitur habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich zog weit weg, um endlich für mich Frieden zu finden. Ich fand gute Freunde, beendete mein Studium, fand einen Partner und auch einen tollen Job.

Eigentlich schien ich doch nochmal die Kurve bekommen zu haben aber dann kam 2018 der Übergriff und meine Welt steht seither Kopf.
Ich bin mit diesem Typen mitgegangen, weil er mir leid tat. Weil ich wieder ein dummes Schuldgefühl in mir hatte, dass mir nicht erlaubte, diesen mir eigentlich unsympathischen Typen abzuweisen. Was dort passierte kann ich kaum in Worte fassen und gehört hier auch nicht hin. Es war schlimm und oft habe ich mir gewünscht, er hätte mich besser umgebracht.
Vor meinen Füßen liegt seitdem mein mühsam aufgebautes Leben in Trümmern und ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll es aufzuräumen.

Meine Therapeutin bekommt immer nur einen kleinen Ausschnitt, ein winziges Fenster dessen mit, was in mir vor geht. Ich kann es einfach nicht nach außen bringen. Und ich selbst verstehe davon auch nur die Hälfte. Es ist so viel, das ich nun "nacharbeiten" muss.

Mir ist es nach dem Übergriff trotz allem mit sehr viel Kraft gelungen, wieder ein kleines Stück Vertrauen zu Menschen zu fassen. Mein ehemals bester Freund war einer dieser wenigen, die ich wieder in mein Leben lassen konnte. Aber weil ich nicht ausreichend Vertrauen konnte, zerbrach diese und mein Vertrauen in das Gute im Menschen nahm erneut Schaden. Ich schäme mich, dass ich es zugelassen habe, ihn so nah an mich rangelassen zu haben. Ich schäme mich, weil ich wieder nicht gut genug auf mich aufgepasst habe. Und ich fühle mich schuldig, weil ich nicht so ehrlich sein konnte, wie ich es gerne wollte.

Nach dem Übergriff und der Tatsache, dass der Typ mir noch lange drohte, brach ich alle sozialen Kontakte ab. Ich wollte nicht wieder Schuld sein, wenn meinetwegen anderen etwas passiert. Ich musste sie schützen.

Aber nicht nur mein soziales Umfeld brach weg, auch mein Job. Ich bin einfach zu lange krank gewesen. Auch dafür fühle ich mich schuldig. Ich bin zu langsam, mir hätte es schneller besser gehen müssen. Es ist nicht so, dass ich dies nicht versucht habe, aber die Therapie, die ich bis heute mache, destabilisiert mich, krempelt mein komplettes Leben um. Ich kam bis zu diesem Übergriff gut mit mir zurecht, hatte meine Vergangenheit emotional verdaut, ganze Teile sogar völlig vergessen. Heute weiß ich nicht einmal, wer ich bin.

Jetzt bricht alles über mich herein. Ich bin bestimmt kein schlechter Mensch, wollte immer nur das Beste für meine Mitmenschen. Habe immer viel gearbeitet, weil ich Sorge hatte, man könnte mir vorwerfen nicht gut genug zu sein - so, wie es mir meine Mutter schon immer vorwarf. Ich habe immer versucht eine gute Partnerin zu sein, habe viel heruntergeschluckt, mir viel gefallen lassen. Ich gab mir immer Mühe eine gute Freundin für meine Freunde zu sein - aber am Ende hat es einfach nicht gereicht.

Vor der Therapie habe ich all das nicht hinterfragt, ich war einfach so und ich war nicht schlecht so. Mein Leben funktionierte - irgendwie.

Jetzt aber fühle ich mich unendlich schlecht. Ich fühle mich als Mensch wertlos. Ich habe keinen Job, kein Zuhause, keinen Selbstwert, keine Identität und keine sozialen Kontakte mehr. Ich bin kein guter Umgang, das ist das, was ich denke. Und wieder fühle ich mich schuldig. Schuldig, mein Leben nicht besser gemacht zu haben, Menschen enttäuscht zu haben, Dinge nicht besser gewusst zu haben.

Und jetzt sitze ich hier, seit Wochen zurückgezogen in meinem Zimmer und rede mit mir selber oder mit meinen inneren Stimmen oder im Geiste mit dem Täter - und sie reden mit mir, bestätigen mich in meinem Denken und fühlen. Ich mache ins Bett, trage Handschuhe, weil ich mich eklig finde, schaffe es kaum zu trinken, weil ich denke, dass ich ertrinke und esse unmengen Gurken, damit ich meinen Nieren nicht noch mehr schade.

Vor mir liegt der Prozess, ein Kraftakt, dessen Ausgang mir mein Leben nicht wieder bringt und auch den Trümmerhaufen, der vor mir liegt, nicht kleiner macht. Es fühlt sich so sinnlos an, weil es mich nicht heilen wird und all das, was nun durch die Therapie ausgegraben wurde, nicht wieder weg macht.

Das Gefühl, an allem Schuld zu sein, auch wenn es faktisch nicht so ist, macht mich extrem mutlos und klein. Ich bin bestimmt kein schlechter Mensch, aber ich hätte unter anderen Umständen ein anderer sein können - und wahrscheinlich auch ein besserer.

Wie werde ich meine Schuldgefühle los und auch die Scham darüber, mich immer wieder in Situationen oder zwischenmenschliche Beziehungen begeben zu haben, die mich verletzen?

Jetzt steht Ostern vor der Tür - viele Stunden in denen ich viel zu viel Zeit habe über alles nachzudenken und mit mir selbst zu reden. Ich halte das nicht aus.

Tut mir leid für den chaotischen Text, ich wusste nicht wohin. Und jetzt am Ende angekommen, denke ich darüber nach ihn wieder zu löschen, weil ich mich für mein gejammer auch irgendwie schäme.

Liebe Bumblebee,

es tut mir leid, dass es dir so schlecht geht gerade. Nach dem was du schilderst wird es aber sehr verständlich.

Tu dir bitte den Gefallen, kopiere den Text in eine Mail und schick ihn deiner Therapeutin.

Wenn du oft nicht über vieles reden kannst könnte das der Weg sein.

Ich drück dich, wenn du magst und wünsche dir alles alles Gute.
 
Meine Therapeutin von der Opferhilfe weiß das alles. Meiner neuen habe ich es nur grob geschildert - es überfordert mich, deshalb klammern wir das Thema aus, damit ich stabil für den Prozess bin. Es ist mir einerseits ganz recht, ich würde das alles am liebsten einfach wieder vergessen, andererseits merke ich erst jetzt, wieviel Einfluss meine Kindheit auf mein Heute hat und möchte das endlich auch loslassen können. Gerade diese Schuldgefühle, die sich durch mein komplettes Leben ziehen.
Jetzt mit dem Prozess Druck kommt das alles hoch.
Ich bin auch nicht mehr die jüngste. Jetzt zu merken, dass mein Leben hätte anders verlaufen können, es jetzt aber schon fast sinnlos ist, nochmal quasi von vorne anzufangen, macht es irgendwie nicht besser. Rational ist mir klar, dass ich nicht für alles Schuld habe, aber meine Gefühle sprechen da eine andere Sprache. Ich würde es einfach gerne wieder vergessen oder verdrängen.
 
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