Heute mal ein Telefonat, welches ich verhältnismäßig kurz (aber sicher nicht immer noch zu lang) gehalten habe.
Obwohl es derzeit abgekühlt ist und meine Mutter nur 24 Grad in der Wohnung hat, hatte sie nichts anderes im Kopf als ihre Meerschweinchen, die Zitat "ab 26 Grad sterben" würden.
24 Stunden am Tag würde sie Kühlpacks in den Käfigen austauschen. Die Pflege der 2 Meerschweinchen nimmt sie angeblich vollständig in Anspruch. Vor lauter Sorge könne sie nicht mehr schlafen. Auch beim Tierarzt sei sie gewesen, der sie aber nicht ernst nehmen würde (vermutlich hat der Tierart sie ausgelacht).
Wenn man weiß wie meine Mutter tickt, ist sie sehr berechenbar. Wenn sie Aufmerksam will, dramatisiert sie Dinge immer weiter hoch. Aus einem Kratzer, wird eine Wunde, aus einer Wunde eine Blutvergiftung, aus einer Blutvergiftung ihr Tod.
Für Außenstehende wirkt ihre Sorge um z.B. ihre Tier erstmal nachvollziehbar. Wo ist das Problem wenn sie mal ihre Sorge äußert? Das Problem ist, dass sie ihre Sorge in einer halbe Stunde Telefonat 5 mal von neuem äußert und über Wochen über nichts anderes mehr spricht. Das Ziel ist immer das gleiche: Mitleid, Anerkennung, Opferrolle, etc.
Die gleiche Show zieht sie auch vor Fremden ab. Sie klagte sogar dem Bankberater(!) ihr Leid! Über ihre Arbeit, ihre Aufopferung für die Tiere, Ihre Schmerzen, ihre gemeine Familie. Eine Stunde lang versucht der Bankberater ihr ein Produkt zu erklären und sie fällt ihm immer wieder ins Wort "Wissen wie wie viel Arbeit Meerschweinchen sind?" Augenrollend wendete sich der Bankberater mir zu und ich versuchte ich immer wieder einzufangen. Nach dem Banktermin hatte sie kaum was vom Bankberater verstanden und meinte im Auto nur zu mir "So ein unfreundlicher Mensch, hat der eigentlich kapiert wie schwer ich es habe?"
Solche Themen wie die Meerschweinchen sind Stellvertreterkriege für andere unterbewusste Ängste, Einsamkeit, Kontrollverlust und Versagensgefühle meiner Mutter. In den Gesprächen geht es meiner Mutter nicht um die Tiere sondern um emotionale Resonanz, um Anerkennung, die sie im Leben sonst nicht erhalten hat. Die Themen wechseln sich dabei durch. Neulich war es Gießwasser, welches von einem Balkon über ihr hinabtropft. Wochenlang immer wieder das Gießwasser... Lösungen will sie nicht, sie will nur Mitleid.
Teilweise kann ich meiner Mutter noch was aus meinem Leben erzählen, aber selbst harmlose Gespräche sind schwierig wenn sie mich alle paar Minuten mit "Meerschweinchen" unterbricht, weil sie eigentlich nur hören will: "Du hast es ja soooo schwer im Leben, alle sind gemein zu dir. Du bist an nichts schuld, der Tierarzt ist gemein zu dir und auch die 20(!) Orthopäden, die dich nicht gesund gezaubert haben."
Ein Orthopäde hatte sogar die Unverschämtheit, ihr Krankengymnastik zu empfehlen! Bewegen! meine Mutter! Das geht nicht! Sie muss sich ja 24 Stunden um die Meerschweinchen kümmern!
Zwischendurch muss ich mir manchmal ein Lachen verkneifen, weil es zu absurd wird. Oder ich gerate in einen Sarkasmus: "Ja stimmt, die Meerschweinchen brauchen dich 24 Stunden am Tag, bewundernswert, dass du noch die 5 Minuten zum benachbarten Aldi einkaufen gehen kannst." Der Witz ist: Sie versteht diesen Sarkasmus nicht mal....