Keine Ahnung, wie in deinen Vorstellungen Freundschaften entstehen sollen. Nicht jeder hat Schulfreunde, würde sogar behaupten, die allerwenigsten, denn die meisten sind mindestens mal umgezogen, beruflich oder privat wegen Partner oder Anderem. Allein deswegen muss man Freundschaften neu aufbauen (können). Deiner Theorie nach würde ja jeder ohne Freunde leben, der über 40 ist und keine Schulfreunde for ever hat
Schulfreunde forever haben meist nur diejenigen Leute, die nie aus ihrem Heimatort weggezogen sind und deren Schulfreunde auch dort wohnen geblieben sind. Diese Leute haben sich aber oftmals persönlich und beruflich nicht in demselben Maße weiterentwickelt wie andere. In vielen Fällen sind sie noch nicht mal aus ihrem Elternhaus weggezogen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Leute etwa, die zwischendurch auch mal woanders gewohnt haben, z.B. zum Studium, und dann nach einigen Jahren in ihren Heimatort/ihre Heimatgegend zurückgezogen sind, haben diese Weiterentwicklung normalerweise durchaus vollzogen.
Ich habe auch noch einen losen Kontakt zu drei, vier Frauen in meinem Heimatort, die ich aus der Schulzeit kenne. Das würde ich aber nicht als richtige Freundschaft bezeichnen. Man schreibt sich oder telefoniert zu Weihnachten, zum Geburtstag, aus dem Urlaub oder zu besonderen Anlässen. Zum Tode meines Partners haben alle zumindest per E-Mail oder Telefonat Anteil genommen und kondoliert. Persönliche Treffen kommen aber nur mit einer dieser Frauen zustande, und das höchstens einmal im Jahr, obwohl ich nur 75 km vom Heimatort entfernt wohne. Nach dem Tod meines Partners haben wir uns im Sommer erstmals nach drei Jahren coronabedingter Pause wieder getroffen. In den drei Jahren bestand nur per WhatsApp oder Kartengruß Kontakt. Dennoch ist es besser als nichts, und ich möchte auf diese Kontakte auch nicht verzichten.
Die Erfahrung, dass Kontakte schnell auseinanderbrechen, wenn der Lebensabschnitt, in dem man sich kennengelernt hatte, zu Ende ist, habe ich auch gemacht. Gerade wenn man um die 30 ist. Die einen sind neidisch auf diejenigen, die schneller einen Job finden oder einen besseren Job finden. Rückzug. Die anderen heiraten und bekommen Kinder. Die Entfremdung zwischen Singles/Kinderlosen und Ehepaaren/Familien ist damit vorprogrammiert. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen, kaum noch Gemeinsamkeiten, oftmals wird sogar gestichelt. Rückzug.
Entweder du findest selber im üblichen Alter einen Partner fürs Leben und erfüllst dir mit ihm einen etwa bestehenden Kinderwunsch, oder dir steht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Leben bevor, in dem es nur wenige intensive und wirklich freundschaftliche Kontakte gibt. Pech gehabt. Je älter man wird, desto schwieriger wird es für alleinstehende Menschen auch, wirklich befriedigende freundschaftliche Kontakte zu anderen Menschen zu finden, die ebenfalls alleinstehend sind. Noch seltener gibt es gute Kontakte zwischen Alleinstehenden und Paaren oder gar Familien. Es ist zwar nicht so, dass es so etwas überhaupt nicht gäbe. Aber es ist höchst selten, und als alleinstehende Person würde ich nicht darauf bauen, dass mir dieses Glück zuteil wird.
Auch mit dem Wiederbeleben eingeschlafener Freundschaften, das in oberschlauen Lebenshilferatgebern so oft empfohlen wird, habe ich persönlich schlechte Erfahrungen gemacht. Das zieht sich gequält dahin, wenn die Lebensumstände nicht zueinander passen und die Leute andere Vorstellungen haben. Eine ehemalige Schulfreundin (verheiratet, kinderlos) wohnt, wie der Zufall es will, nur 25 km von mir entfernt und arbeitet sogar in derselben Stadt wie ich. Dennoch hat sich keine Freundschaft wiederbeleben lassen. Treffen kamen innerhalb eines Zeitraums von mehreren Jahren nur höchst selten zustande, es gab auch keine regelmäßigen Anrufe oder dergleichen. Auch keine Urlaubsgrüße. Auf einem Abijubiläumstreffen tat sie schon vor 15 Jahren vor den anderen so, als ob wir uns kaum noch kennen würden, obwohl ich ein halbes Jahr vorher noch bei ihr und ihrem Mann an einem Samstagabend eingeladen gewesen war (allerdings auch als einziger Gast) und wir uns nach meinem Empfinden gut und angeregt über Gott und die Welt unterhalten hatten. Das sind enttäuschende Erlebnisse, die ich nicht vergesse. Der Kontakt ist seit einigen Jahren wieder komplett eingeschlafen, und ich werde auch keine weiteren Wiederbelebungsversuche mehr unternehmen. Sie hatte schnell heraus, dass ich außer meinem Partner kaum private Kontakte hatte, schon gar nicht zu einflussreichen Menschen, und da war ich uninteressant, obwohl ich mich mit meinem beruflichen Werdegang - Juristin im höheren Dienst und in leitender Position bei einer nicht unbedeutenden Verwaltungsbehörde - nicht zu verstecken brauche. Meinen Partner, dem es nie gelungen ist, beruflich richtig Fuß zu fassen, und der wahrscheinlich schon lange (unerkannt) krank war (denn zum Arzt ging er ja leider nicht), wollte sie offenbar erst gar nicht kennen lernen. Er wurde nie mit eingeladen, und sie hat auch nie von sich aus nach ihm gefragt. Ich wiederum war an den Kreisen, in denen sie vorzugsweise verkehrte (u.a. Verwandte von prominenten Spitzenpolitikern, sowie "Verbindungsbrüder" aus der sehr konservativen Studentenverbindung ihres Mannes) nicht interessiert. So etwas ist keine Freundschaft.
Am besten ist es, sich ab einem gewissen Alter damit abzufinden, seine Freizeit als Alleinstehende/r weitestgehend allein zu gestalten und nicht mehr auf Freunde zu hoffen, aber dennoch dafür offen zu bleiben. Introvertierte Menschen tun sich damit leichter als extravertierte, die ständig Gesellschaft brauchen, um sich wohl zu fühlen. Aber auch als introvertierter Mensch sollte man darauf achten, wenigstens kommunikationsfähig zu bleiben und immer mal wieder etwas Smalltalk mit anderen Menschen zu machen, auch wenn es nur oberflächliche Bekanntschaften sind.
Eine andere Lösung habe ich für den TE leider nicht. Ich will damit nur sagen, dass er kein Einzelfall ist. Im Gegenteil: Diese Entwicklung scheint mir bei Menschen, die nicht spätestens in ihren Dreißigern eine Familie gegründet oder zumindest geheiratet haben, eher die Regel als die Ausnahme zu sein.