Hey Kaleido, ich hab dein Beispiel im Supermarkt gelesen und möchte dir gern mein Gefühl beschreiben, das ich beim durchlesen bekommen habe. Ich hab mir einen jungen Mann vorgestellt, der hektisch wird, rumgruschtelt, den ich sehr sehr süß finde in all seiner sichtbaren Verlegenheit. Ich konnte nachempfinden, wie peinlich das dir grade wird, möchte dir am liebsten hinten aus der Supermarktreihe mitfühlend zuschmunzeln, wegen diesem so menschlichen Missgeschick. Dir sagen dass das jedem mal passieren kann und deine Tasche halten, solange du nach deinem Geld suchst. Dir sagen, dass du dich nicht zu stressen brauchst, hier niemand auf den Zug muss. Dich vor mich lassen, wenn du dich wieder ganz hinten einreihen willst.
Ich finde die Szene, die du da erlebt hast, zutiefst menschlich und hab darauf einen sehr liebevollen Blick. Diesen liebevollen Blick auf dich selbst, den kannst du lernen.
Vor allem Menschen, die diesen liebevollen, helfenden Blick von ihren Eltern nicht erfahren haben, sondern schnell Wut und Missachtung ausgesetzt waren, werden schnell nervös, chaotisch und hektisch. Ich kenne das auch. Von mir selbst. Mein Vater war ein Tyrann und sobald ich mich beobachtet gefühlt habe, ging alles schief. Ich war dann immer "die Schusslige", dabei hatte ich einfach Angst. Hatte zum Teil richtige Black Outs, sobald er dabei war und konnte die einfachsten Handlungen nicht durchführen. Denn die cholerischen Ausbrüche waren unerträglich.
Bis vor nicht so langer Zeit hab ich mich auch immer noch selbst runtergemacht, z. B. den Kopf gegen die Wand gehauen, mich selbst geohrfeigt, Selbstbestrafung. Das Programm meines Vater übernommen. Schuld und Scham. Seine Stimme wurde meine innere Stimme. Doch seit einer Weile (mit viel Therapie) ist es besser, viel besser. Und nun ertapp ich mich erfreulicherweise, wie mir ein Missgeschickt passiert und ich nicht denke "Du dumme Sau, zu blöde für alles" und mir eine Ohrfeige gebe, sondern verschmitzt lächle und denke, "Hupsi". Und mit der neugewonnen Gelassenheit passiert mir weniger Quatsch, weil ich mehr Ruhe habe. Ich werde das etwas schusslige nie ganz los werden, vor allem bei Stress. Aber es ist viel besser. Meinen Vater trage ich nicht mehr 24/7 mit mir herum.
Die Frau im Supermarkt war wohl dein Trigger, da sie mit dem Kommentar in die gleiche Kerbe gehauen hat, die bei dir schon sehr tief ist.
Tipps wie dich besser vorzubereiten finde ich nicht passend, denn du leidest ja schon unter Perfektionismus. Du kannst nicht jedes Missgeschick vermeiden. Das ist das Leben. Es gibt einen Satz der mich sehr berührt hat:
"Sie müssen sich als fehlbar akzeptieren, um sich und andere und das Leben überhaupt zu lieben."
Dein Vater hätte dir nach dem kleinen Chaos an der Kasse vielleicht die Cola nicht gegönnt. Weißt du was? Kauf dir nächstes Mal, um dich selbst nach dem Stress zu trösten, gleich zwei. Und noch ne Tüte Chips dazu. Haste dir verdient. Immerhin wolltest du dich sogar wieder hinten anstellen. Da kann man sich schon mal was gönnen.