Hallo Tabea!
Ich (19) habe mit 17 meine Ausbildung als Verkäufer angefangen und bin jetzt im dritten Lehrjahr (EHK). Ich merkte schnell das es zuviel wurde, jeden Tag 8 Stunden. 5:30 Uhr aufstehen 6:35 Uhr kommt der Zug 7 Uhr anfangen zu arbeiten 16:00 Uhr schluss und dann dank des Zuges 18:45 Uhr Zuhause. Meistens gehe ich dann direkt um 20:30 Uhr schlafen. In solch jungen Jahren ist das nicht witzig, keine Zeit für Familie, Freunde und Haushalt (eigene Wohnung).
Seit meinem 1'en Jahr leide ich unter Migräne. Nachdem diese vorbei waren kamen Depressionen.
Öfters sprach ich mit Leuten darüber wie toll es doch jetzt wäre Teilzeit zu arbeiten oder naja eher gar nicht zu arbeiten. Aber man wird sofort als faul abgestempelt. Ich war auch bei einer Psychologin, kein Erfolg, sie riet mir nur die Ausbildung fertig zu machen und danach Teilzeit zu arbeiten. Ob ich es bis dahin noch schaffe, ungewiss.
Ich vernachlässige meine eigene Familie! An Wochenenden bin ich meistens nur am schlafen.
Mein größter Wunsch? Eine Perspektive trotz meiner Probleme!
Hi Tabea,
der Text könnte von mir sein, mir geht es ganz genau genauso. Und das Problem ist eben, dass man das nirgendwo ansprechen darf, vor allem wenn man keine Kinder hat. Denn Menschen mit Kindern haben keine Zeit und alles Recht zu jammern aber Alleinstehende haben ja trotz Vollzeit Job alle Zeit der Welt.
Ich schreibe vielleicht noch ausführlicher die nächsten Tage.
LG
Isa
Man muss sich doch einfach mal fragen, wie sieht denn ein Leben aus, wenn auf einmal alle keine Lust mehr haben zu arbeiten?
Keiner backt mehr Brot in der Bäckerei, im Supermarkt sind alle Regale leer, weil es keinen mehr gibt, der sie auffüllt. Klamotten gibt es keine mehr in den Geschäften, weil diese keiner mehr aus dritte Welt Ländern zu uns rüber schifft, mal eben ins Kino gehen oder ins Schwimmbad, weil man ja jetzt soviel Freizeit hat, geht auch nicht, weil es keine Kinobetreiber und Bademeister mehr geben würde.
Arbeit zu haben ist eins der wichtigsten sozialen Komponenten unserer Zeit, und es wird immer wichtiger mMn. Für 35-40 Stunden (dürfte die Arbeitszeit der allermeisten Beschäftigten abdecken) die Woche (die 168 Stunden hat), bekommen wir am Monatsende einen Lohn, der uns dazu berechtigt, 24h am Tag am Leben teilzunehmen bzw. ein Teil der Gesellschaft zu sein. Und das gerade mal für etwa ein Viertel der Zeit (40 Stunden von 168 in der Woche). Ich finde, dass das eigentlich ziemlich fair klingt.
Man muss sich einfach mal vor Augen halten, was man hat, wenn man hier regelmäßig arbeiten geht. Ein Dach überm Kopf, nahezu unbegrenzten Strom, man muss nicht frieren, man hat genug zu essen und zu trinken und von dem was über ist, kann man verjubeln, in Luxus leben, was auch immer.
Alles, was wir dazu tun müssen ist, etwas zu erlernen, was wir anderen in Form einer Dienstleistung zur Verfügung stellen dürfen/müssen. Aber das müssen wir alle in der Gesellschaft. Ich muss mir zum Glück keine Gedanken machen, wo ich die nächste Nacht verbringe, ob ich frieren werde, ob ich Hunger leiden muss oder wo ich denn den Strom für meine Lieblingsaktivitäten herbekomme. Das alles zahle ich mit meinem Geld und dafür gehe ich arbeiten.
Arbeit ist (leider) eine Notwendigkeit. Durch jahrelange Arbeit schützen wir uns auch davor, in Not zu geraten, wenn wir altersbedingt mal nicht mehr arbeiten können (Rente). Unser Sozialsystem fängt auch Leute auf, die aufgrund (un-)vorhergesehener Gründe arbeitslos werden. Dass es natürlich auch Leute gibt, die das Sozialsystem bewusst ausnutzen, ja, dessen bin ich mir bewusst, aber ein schönes Leben kann das nicht sein.
Natürlich kann man sich immer fragen, ob die geleistete Tätigkeit im Vergleich fair vergütet wird, oder warum der eine nen supertollen Chef hat und der andere nicht. Oder warum der eine 3 Stunden zur Arbeit fährt und der andere nur ne Viertelstunde. Dass es nicht überall 100% gerecht ist, dass ist mir klar, aber das zu diskutieren, sprengt den Rahmen. Mir geht es jetzt nur darum aufzuzeigen, warum wir alle arbeiten gehen (müssen).
Natürlich wüsste ich, wie ich nen Tag ohne Arbeit rumkriegen würde. Auch für den Rest meines Lebens. Freizeit zu haben ist geil. Aber so einfach ist es leider nicht. Aber ich finde, der Kompromiss ist ok. Ich gehe arbeiten, aber dafür bekomme ich auch eine Gegenleistung in Form von Lohn und kann davon mein Leben leben.