Den Vorschlag, dir einen Therapeuten zu suchen, finde ich gar nicht schlecht. Es geht dabei nicht darum, eine Störung zu therapieren, sondern dir einen Augenöffner aus dem realen Leben an die Seite zu holen, also einen Rückgratverstärker und ein Back-up, wenn du in deiner Entscheidung und auf deinem Weg unsicher wirst. Vor allem aber ist das jemand vom Fach, der dir noch einmal bestätigt, dass es keinen Sinn hat, an diesem Menschen festzuhalten und dass er sich auch für dich nicht ändern wird. Warum ich das sage? Weil mir selber dieser Weg damals unglaublich geholfen hat - unzählige Ratschläge von Freunden hatten nicht die Kraft wie die Worte dieser Expertin. Gerne erzähle ich ein bisschen...
Ich hatte vor Jahrzehnten mal eine sehr üble Beziehung, aus der ich lieber gestern als heute rausgewollt hätte, aus der mein Partner mich aber nicht hat gehen lassen. Er brauchte immer einen Heimathafen, in den er zurückkommen konnte - der war ich so lange bis endlich eine andere übernahm (die am Ende in derselben Falle saß wie auch noch viele nach ihr). Er hatte eine massive Persönlichkeitsstörung, war manipulativ und hat sein gesamtes Umfeld inkl. der eigenen Familie heftigst belogen (z. B. glaubte seine eigene Mutter, er studiere, dabei hatte er noch nicht einmal die Schule abgeschlossen). Er tendierte auch zur Aggression, wenn er nicht mehr weiter wusste oder wenn ich mal wieder das letzte Wort hatte. Geschlagen hat er mich zwar nicht (er war 2 m groß, ich hätte keine Chance gehabt), aber mit seinen Riesenhänden festgehalten, ich wurde beleidigt, vereinzelt geschubst oder er hat mal einen schweren Karton fallen lassen und ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Fuß wegziehen. Das war alles heftig, ich wusste unterschwellig nach kurzer Zeit, er tut mir nicht gut, ich muss weg, und doch klappte das so einfach nicht. Auch wenn unsere Geschichten unterschiedlich sind, sind sie teilweise doch ähnlich, denn weder mir noch dir taten die Beziehungen gut, in denen wir gefangen waren.
Bei uns gab es tatsächlich auch Sachverhalte, die uns noch etwas enger verbanden, wie z. B. eine Wohnung mit gemeinsam unterschriebenem Mietvertrag. Ich konnte ihn also weder rausschmeißen noch einseitig den Mietvertrag kündigen. Auch das Schloss konnte ich nicht mal eben austauschen, musste seine Anwesenheit ertragen. Er hat das ausgenutzt und mich immer wieder bequatscht - nicht überzeugt, aber überredet. Auch hatte er bei mir Schulden, hatte sich immer wieder Geld geliehen, teilweise erschlichen - es waren bestimmt 20.000 Euro, auf die ich auch nicht so ohne Weiteres verzichten konnte (und anfangs auch nicht wollte). Und doch - ich habe es am Ende getan, weil ich einfach den Cut und einen Neubeginn für mich wollte.
Ich habe mir dann tatsächlich auch einen Termin bei einer Therapeutin geholt und ein bisschen erzählt. Eigentlich wollte ich von ihr nur wissen, ob meine Einschätzung richtig war, dass er sich auch für mich nicht ändert. Sie sagte dann "Ich kann Ihnen nur noch sehr begrenzt helfen, indem ich für Sie da bin. Sie sehen das alles richtig, Ihre Analysen sind treffend. Er wird sich nicht ändern. Er ist ein notorischer Lügner und Betrüger, skrupellos und ohne jegliche Empathie." Außerdem attestierte sie ihm ein hohes Gewaltpotenzial. Ihre letzten Worte waren "Laufen Sie, so schnell Sie können. Und wenn Sie jemanden brauchen, der Ihnen vom Rand die Trinkflasche reicht, um durchzuhalten, dann kommen Sie wieder zu mir!" All das bestärkte mich in meiner Haltung und gab mir Kraft, die Trennung durchzuziehen.
Ich war 36 als ich endlich in meiner eigenen neuen kleinen Wohnung saß und alles wieder in geordneten Bahnen war. Danach habe ich erst einmal sozialen Wiederaufbau betrieben, mich mit meiner Familie versöhnt, die ihn sehr früh durchschaut und den Kontakt abgebrochen hatte. Von ihm wurde dort nur noch als Felix Krull gesprochen - ich hingegen hatte mich aus falsch verstandener Solidarität auf seine Seite gestellt. Nach und nach habe ich mir einen neuen Freundeskreis aufgebaut. Anfangs fühlte ich mich noch ein wenig einsam und die Gedanken an eine eigene kleine Familie, die ich wohl niemals mehr haben würde, kamen auch mir. Dann aber habe ich wieder begonnen die schönen Dinge zu sehen, rauszugehen, neue Kontakte zu knüpfen. Die Zeit heilt tatsächlich viele Wunden...
Was soll ich sagen. Ich hab mich dann ein bisschen ausgetobt 😁, habe auch wieder nette und doofe Männer kennengelernt und am Ende (und das war gar nicht so viel später) tatsächlich auch den Mann, mit dem ich bis heute zusammen bin. Das alles passierte, nachdem ich entkrampfte und dachte, okay, dann eben ohne Familie. Wir hatten uns über ein Datingportal kennengelernt und zunächst ellenlang geschrieben. Dann kam das erste Treffen und seitdem haben wir uns eigentlich nicht mehr groß getrennt, auch wenn jeder seine Freiräume haben darf. Wir sind jetzt über 20 Jahre zusammen und haben ein gemeinsames tolles Kind. Er war mein persönlicher 6er im Lotto und mein Lebensglück.
Es heißt immer, jede Erfahrung sei nützlich, selbst wenn sie nur als schlechtes Beispiel dient. Kurz nach meinem persönlichen Waterloo wollte ich das nicht wahrhaben, habe nur mit diesen langen 9 (!!!) vergeudeten Jahre gehadert. Völlig kurios war übrigens, dass ich diesen Menschen zu Anfang eigentlich gar nicht wollte. Er hatte sich aber so bemüht, war hochgebildet, sehr intelligent, eloquent, konnte sich auch in feiner Gesellschaft vorbildlich bewegen. Musisch hatte er richtig etwas drauf, hatte ein Stipendium für Klavier erhalten, spielte Saxofon, ne sexy Stimme wie Volker Lechtenbrink 😄 etc. etc. - all das waren Eigenschaften, die mich schon von jeher angezogen haben. Und er bemühte sich, war aufmerksam, es war immer etwas los in dieser Beziehung. All das fand ich anfangs toll und ließ mich dann darauf ein, obwohl mein Herz gar nie richtig gebubbert hatte und mein Bauchgefühl sagte, ich solle es lieber lassen. Die schlimme Entwicklung begann dann schleichend, ähnlich wie bei euch.
Und ja, anscheinend war auch diese Erfahrung nützlich: Ich habe darüber nämlich tatsächlich gelernt zu erkennen, was wirklich wichtig ist an einer Beziehung: Ich brauche einen Menschen, der verlässlich ist und dem ich unabdingbar vertrauen kann. Der für mich stark ist, wenn ich es mal nicht bin und bei dem ich mich fallen lassen kann. Ich möchte mit diesem Menschen gemeinsam die Zukunft bauen, gemeinsame Werte und auch Interessen teilen und mich zusammen mit ihm an schönen Dingen erfreuen. Vor allem möchte ich aber dieses gute Gefühl im Bauch haben, dass es richtig ist, dass wir zusammen sind.
Du liebst eine Illusion und jagst ihr hinterher, obwohl so ziemlich alle Fakten dagegensprechen.
Ich möchte dir mit meiner Geschichte Mut machen. Ganz zu Beginn in einem anderen Beitrag dieses Threads schrieb ich mal vom Ende mit Schrecken, der dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen sei. Dazu stehe ich bis heute.
Ach ja - ich war mit meinem heutigen Mann dann schon ca 2 Jahre zusammen als irgendwann das Telefon klingelte. Wir lernten gerade gemeinsam Statistik für mein BWL-Studium, das ich zwischenzeitlich aufgenommen hatte und ich weiß es noch wie heute. Ich nahm den Hörer ab, meldete mich... da war sie wieder, die Stimme von Volker Lechtenbrinks, der nur fragte "Wie geht es dir?" Ich hab einfach aufgelegt.