Erstmal: Schuldgefühle entstehen nicht aus dem Nichts.
Wenn man nun mal Schuldgefühle hat, dann sollte man lernen, damit umzugehen. Schuldgefühle extra entstehen zu lassen, ist total unlogisch, weil es ein unangenehmes Gefühl ist.
Der Mann/Sohn sollte seinen Frieden mit sich machen/finden. Und dazu bedarf es maßgeblich seiner selbst.
Ich denke in diesem Fall wie Du, Tsunami, dass Schuldgefühle nicht "aus dem Nichts" entstehen. Sie haben eine Vorgeschichte.
Okay, du
denkst in diesem Falle wie ich, aber aller Wahrscheinlichkeit nach
siehst du es nicht wie ich.
Ich sehe es nämlich so, dass Gefühle (nicht nur Schuldgefühle) nicht nur eine Vorgeschichte haben, sondern einen Präsenzfaktor, welcher nicht durch Vergangenheit oder Zukunft bedingt ist. Ähnlich einem Baby, welches kaum etwas über seine Vergangenheit oder Zukunft weiß, aber mit einem Gefühlsspektrum ausgestattet ist, welches sich in seiner Essenz kaum vom Gefühlsspektrum eines Erwachsenen unterscheidet.
Nach meiner Beobachtung tun Menschen nicht, was sie selbst als richtig erkannt haben.. und daraus entstehen Schuldgefühle.
Ich widerspreche dir nicht, aber ich sehe es anders. Vielleicht solltest du dich mal mehr mit Gefühlen beschäftigen. Nicht nur mit Schuldgefühlen, worin du sicher ein Experte bist, sondern ganz allgemein. Aus meiner Sicht sind Gefühle essentiell und gar nicht so chaotisch wie manche vermeinen, sondern höchst klar strukturiert.
Schau' mal. Wir kommen jetzt auf einen kleinen Punkt zurück, den du mal in einem anderen Faden angerissen hattest. Du fragtest danach, warum Menschen im dritten Reich das taten, was sie taten. Und das kann man natürlich aus verschiedensten Perspektiven betrachten. Nehmen wir einen einfachen Mann, der mindestens einen anderen Mann oder eine ganze Familie verraten und damit in den Tod oder in Folter geschickt hat. Vielleicht fühlte sich dieser Mann, der Staatsideologie vertrauend, sogar gut darin, den "Abschaum" zu vernichten. Was aber, wenn dieser Mann es im höchsten Unwillen und im Verstoß gegen seinen Ehrenkodex tat, weil er es als einzige Möglichkeit sah, nicht sich, aber seine Frau und seine Kinder vor Unheil zu bewahren?
Ein Kompromiss, sicherlich. Wo aber ist da die Schuld zu sehen?
Und ja, es ist nicht nur so, dass Menschen damals "nach bestem Gefühl" ihre richtige Entscheidung getroffen haben. Es ist auch heute noch so. Auch heute noch ist "das Gefühl" der Träger der besten und richtigen Entscheidung. Eine Alternative gibt es nicht, oder?
Und da, Tsunami, hast Du Recht. Es ist eigentlich unlogisch entgegen der eigenen Erkenntnis (von gut oder böse) zu handeln. Der Sohn, um den es in diesem Fall geht, erweckt bei mir den Eindruck, daß er seine nachfolgenden Schuldgefühle nicht bedacht bzw. billigend in Kauf genommen hat. Folgendes könnte die Entscheidungssituation im Fall 1 gewesen sein:
Gedankenschritt 1: ich tue, was ich mir als "richtig" überlegt habe.
Gedankenschritt 2: Wenn ich Schritt 1 tue, hat es Nachteile für meine Eltern.
Gedankenschritt 3: So zu handeln, dass es für meine Eltern Nachteile bringt, ist aber falsch.
Gedankenschritt 4: Wenn ich so handel, dass meinen Eltern keine Nachteile entstehen, handel ich entgegen meiner Überzeugung im Gedankenschritt 1.
Viele Optionen, die man befürworten, verschieben, abwägen und ablehnen kann. Am Ende des Tages wird die Frage durch ein Gefühl entschieden. Etwa eine "Gefühlsentscheidung", wie wenn man seinen besten Freund trifft, seine große Liebe, einen Menschen nicht mag oder die Welt hasst.
Der Sohn hat im Fall 1 den Gedankenschritt 1 in die Praxis umgesetzt. Ob es eine nachvollziehbare Begründung gibt, eine Vorgeschichte die nur eine Handlungsoption hat, wissen wir nicht. Lediglich die Tatsache, dass der Sohn nach Jahren Schuldgefühle hat, lässt mich nachdenklich werden.
Die Situation, ohne weitere Tiefe, lässt nicht verständlich werden, warum es eine allgemeine Schuld sein sollte oder warum sich der Sohn so fühlt, wie er sich fühlt.
Eigentlich bringt uns das Leben manchmal in ein Dilemma. Das Leben ist unfair. Es bietet zwei Stühle an und platziert "mich" in die Mitte. Und wenn jetzt noch Schuldgefühle entstehen, macht mir das meine Situation "zwischen den Stühlen" nur deutlich.
Das ist für das Leben nicht ungewöhnlich, denke ich. Es prüft unsere Entscheidungsfähigkeit, ohne dabei jemals eine perfekte Entscheidung treffen zu können. Was ist schon perfekt und was ist Schuld? Der Mangel an Perfektion?
Im Fall 1 versucht sich der Sohn mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sich seine Schwester um die Eltern kümmert.
Nur klappt das nicht so richtig, was durch bleibende Schuldgefühle signalisiert wird.
Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu der Frage: Gibt es wirklich keine alternative Handlungsoption, die sowohl dem Sohn erlaubt, das zu tun, was er für richtig hält - als auch vermeidet, was den Eltern Nachteile bringt?
Die Schuldgefühle sind für mich ein Aufruf, genau über diese Frage nachdenken zu wollen. Schuldgefühle verstehe ich wie das Gefühl der Angst als einen Hinweis, mich mit einem speziellen Thema näher und ausgiebig zu beschäftigen und zwar solange, bis ich meinen Frieden gefunden habe.
Es gibt Handlungsoptionen. Aus meiner Sicht, unendlich viele sogar, nur keine perfekte. Frieden verlangt aber nicht nach Perfektion, sondern nur nach persönlicher Einstellung, die man verstehen und annehmen kann.
Verdrängung der Schuldgefühle halte ich nicht in jedem Fall für falsch. Nur führen sie nicht zu einem nachhaltigen Frieden, zu einer nachhaltigen Lösung. Im positiven Fall ist Verdrängung lediglich pragmatisch, weil mir im Moment keine Lösung einfällt. Mich "jetzt" damit zu beschäftigen, würde zu keiner positiven Lösung führen - aber mich "verrückt" machen.
Ja, die Frage nach Frieden ist nicht kleiner als die Frage nach Schuld, wobei das eine nicht zwingend mit dem anderen in Zusammenhang steht.
Aber spätestens dann, wenn Schuldgefühle wieder auftauchen, bin ich auch wieder gefordert, das Suchen nach einer Lösung wieder aufzunehmen.
Ja, das kann man so sehen. Wie so oft, ich sehe es anders.
Aber wie kann "heute" eine Lösung für das Dilemma gefunden werden? Wie heisst es so schön? Nur wer redet, dem kann geholfen werden.
Da ist ein großes Stück Wahrheit dran.
Daher finde ich dieses Forum einfach klasse. Hier ist doch eine wirklich gute Basis, über "ungelöste" Fälle zu reden. Und wenn auch nicht alle Lösungsvorschläge umsetzbar sind, so ist doch der eine oder andere Leser bereit, sich zu "mir" zwischen die Stühle zu setzen und mit nachzudenken. Ich bin nicht mehr alleine. Schuld macht auch einsam, denke ich. Und das muß nicht so bleiben.
LG, Nordrheiner
Akte X. ;-)