Erstmal: Schuldgefühle entstehen nicht aus dem Nichts.
Wenn man nun mal Schuldgefühle hat, dann sollte man lernen, damit umzugehen. Schuldgefühle extra entstehen zu lassen, ist total unlogisch, weil es ein unangenehmes Gefühl ist.
Der Mann/Sohn sollte seinen Frieden mit sich machen/finden. Und dazu bedarf es maßgeblich seiner selbst.
Ich denke in diesem Fall wie Du, Tsunami, dass Schuldgefühle nicht "aus dem Nichts" entstehen. Sie haben eine Vorgeschichte.
Nach meiner Beobachtung
tun Menschen nicht, was sie selbst als richtig erkannt haben.. und daraus entstehen Schuldgefühle.
Und da, Tsunami, hast Du Recht. Es ist eigentlich unlogisch entgegen der eigenen Erkenntnis (von gut oder böse) zu handeln. Der Sohn, um den es in diesem Fall geht, erweckt bei mir den Eindruck, daß er seine nachfolgenden Schuldgefühle nicht bedacht bzw. billigend in Kauf genommen hat. Folgendes könnte die Entscheidungssituation im Fall 1 gewesen sein:
Gedankenschritt 1: ich tue, was ich mir als "richtig" überlegt habe.
Gedankenschritt 2: Wenn ich Schritt 1 tue, hat es Nachteile für meine Eltern.
Gedankenschritt 3: So zu handeln, dass es für meine Eltern Nachteile bringt, ist aber falsch.
Gedankenschritt 4: Wenn ich so handel, dass meinen Eltern keine Nachteile entstehen, handel ich entgegen meiner Überzeugung im Gedankenschritt 1.
Der Sohn hat im Fall 1 den Gedankenschritt 1 in die Praxis umgesetzt. Ob es eine nachvollziehbare Begründung gibt, eine Vorgeschichte die nur eine Handlungsoption hat, wissen wir nicht. Lediglich die Tatsache, dass der Sohn nach Jahren Schuldgefühle hat, lässt mich nachdenklich werden.
Eigentlich bringt uns das Leben manchmal in ein Dilemma. Das Leben ist unfair. Es bietet zwei Stühle an und platziert "mich" in die Mitte. Und wenn jetzt noch Schuldgefühle entstehen, macht mir das meine Situation "zwischen den Stühlen" nur deutlich.
Im Fall 1 versucht sich der Sohn mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sich seine Schwester um die Eltern kümmert.
Nur klappt das nicht so richtig, was durch bleibende Schuldgefühle signalisiert wird.
Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu der Frage:
Gibt es wirklich keine alternative Handlungsoption, die sowohl dem Sohn erlaubt, das zu tun, was er für richtig hält - als auch vermeidet, was den Eltern Nachteile bringt?
Die Schuldgefühle sind für mich ein Aufruf, genau über diese Frage nachdenken zu wollen. Schuldgefühle verstehe ich wie das Gefühl der Angst als einen Hinweis, mich mit einem speziellen Thema näher und ausgiebig zu beschäftigen und zwar solange, bis ich meinen Frieden gefunden habe.
Verdrängung der Schuldgefühle halte ich nicht in jedem Fall für falsch. Nur führen sie nicht zu einem nachhaltigen Frieden, zu einer nachhaltigen Lösung. Im positiven Fall ist Verdrängung lediglich pragmatisch, weil mir im Moment keine Lösung einfällt. Mich "jetzt" damit zu beschäftigen, würde zu keiner positiven Lösung führen - aber mich "verrückt" machen.
Aber spätestens dann, wenn Schuldgefühle wieder auftauchen, bin ich auch wieder gefordert, das Suchen nach einer Lösung wieder aufzunehmen.
Aber wie kann "heute" eine Lösung für das Dilemma gefunden werden? Wie heisst es so schön?
Nur wer redet, dem kann geholfen werden.
Daher finde ich dieses Forum einfach klasse. Hier ist doch eine wirklich gute Basis, über "ungelöste" Fälle zu reden. Und wenn auch nicht alle Lösungsvorschläge umsetzbar sind, so ist doch der eine oder andere Leser bereit, sich zu "mir" zwischen die Stühle zu setzen und mit nachzudenken. Ich bin nicht mehr alleine. Schuld macht auch einsam, denke ich. Und das muß nicht so bleiben.
LG, Nordrheiner