Ich schrieb:
Das Aussprechen oder Denken der Worte „ich verzeih‘ Dir“ sind nichts wert, wenn Du nicht auch wirklich verzeihst. Genau so, wie die Annahme der Verzeihung ein echtes Bereuen voraussetzt, so setzt auch die Verzeihung eine echte Beteiligung Deines Herzens voraus. So seh‘ ich das.
Dein Beitrag 193
Tja, letzteres sehe ich nicht so. Es gibt den Spruch "Verzeihen tut man in erster Linie für sich selbst." Eine Verzeihung ist lediglich eine (eine!) Möglichkeit eines bewußten psychischen endgültigen Abschlusses einer Angelegenheit, mit der man sich nicht mehr länger seelisch befassen und belasten will oder muß. Der andere, dem man verzeiht, KANN davon profitieren (wenn ihm diese Verzeihung überhaupt wichtig ist, was ja nicht automatisch gesagt ist), muß aber nicht, man kann auch still für sich selbst verzeihen, ohne irgendjemandem was davon zu sagen. Aber das heißt halt nicht, daß man für denjenigen, dem man verziehen hat, plötzlich irgendwelche positiven Gefühle haben oder ihm gegenüber eine rosarote Brille aufsetzen muß, ein Ekel bleibt trotz Verzeihung ein Ekel, und wenn er sich erneut eklig benimmt, dann bekommt er konsequent eins auf die Nase statt einer weiteren Verzeihung. Eine Verzeihung ist kein Liebesbrief und kein Freifahrtschein für zukünftige Übeltaten und eine "Herzensangelegenheit" nur für denjenigen, der verzeiht - ein Schutz für das eigene Herz gegen völlig überflüssige, weil längst ausgestandene psychische Belastungen nämlich. Mehr als das braucht man nicht hineinphantasieren.
Und, ja, Verzeihung kann in einer direkten Konfrontation mit einem Übeltäter durchaus auch als erneute Demütigung verstanden werden, zum Beispiel dann, wenn eine verständnislose Umgebung eine Verzeihung erzwingen will, wo man noch lange nicht verzeihen kann und will.
Lieber Daoga,
aus meiner Sicht ist Verzeihen viel mehr als nur der psychische Abschluß einer Angelegenheit. Ersetze mal das Wort Verzeihung durch Vergebung. Im Wort Vergebung steckt das Wort Geben.
Wenn jemand Dir Unrecht zugefügt hat, kannst Du ihm nur dann vergeben, wenn Du ihm etwas gibst. Was könnte das sein?
Wir Menschen wollen glücklich sein. Trotzdem tun wir etwas, was dem Glück abträglich ist. Insofern unser Tun dem anderen schadet, gefährden wir unser eigenes Glück. Vergebung kann nur zustande kommen, wenn „ich“ das Schlechte meines Tuns erkenne und von Herzen bereue. Der schuldig gewordene Mensch benötigt daraufhin die Zusage, dass sein Gläubiger ihm nichts Böses will, obwohl der Schuldige dies verdient hätte. Diese Zusage muß von Herzen kommen, also echt sein – wie das Bereuen des Schuldners.
Vergebung bedeutet für mich übrigens nicht grundsätzlich Straffreiheit!
Der Gläubiger ist die Person, die ggf. das letzte Puzzleteil des Glücks in den Händen hält, welches der schuldig gewordene Mensch benötigt. Nimmt der schuldig gewordene Mensch die Vergebung, das letzte Puzzleteil für sein Glück, nicht an, sucht er es nicht zu erlangen, so läuft er mit der Last seiner Schuld herum. Man kann sich an Lasten gewöhnen ….
Die Person, der Unrecht geschah, ist in der betreffenden Situation äusserlich die Schwächere von beiden gewesen und vielleicht noch. Für sie bedeutet Vergebung die Erkenntnis in zweierlei Hinsicht: Kein Mensch ist perfekt, schuldfrei. Auch das Opfer benötigt Vergebung, um nicht unnötig mit Lasten herumzulaufen. Nur kannst Du nicht Vergebung haben wollen, heute oder morgen, wenn Du selbst nicht zur Vergebung bereit bist. Auch Dein Puzzleteil für Glück liegt in der Hand derer, denen Du schuldig wurdest, und sei es nur bei dem Menschen, dem Du Hilfe verweigert hattest (bis auf den Tipp sich selbst zu helfen….). Die zweite Erkenntnis ist eben die, dass Du das Puzzleteil in den Händen hältst, welches für den Schuldigen wichtig ist. In dieser Hinsicht bist Du die stärkere Person von Euch beiden. Du entlastest Dich selbst, wenn Du dieses Puzzleteil dem schuldig gewordenen Menschen zur Verfügung stellst – ob er es abholt oder nicht.
Vergebung bedeutet somit Entlastung meiner Verantwortung für den Mitmenschen. Ich mache mich nicht dadurch schuldig, dass ich dem anderen etwas vorenthalte – so dass ich mich nicht beklagen dürfte, wenn mir etwas (Vergebung) vorenthalten wird. Ich möchte Glück für mein Leben – trotz meiner Fehlerhaftigkeit und dies versage ich dem Anderen auch nicht. Und eine von der Umgebung erzwungene Vergebung ist keine.
Jedoch in einem gebe ich Dir Recht: Wenn ich verzeihe, dann benötige ich keine rosarote Brille. Vielmehr sehe ich ganz klar. Schuld ist und bleibt Schuld. Und Ekel bleibt Ekel. Und Verzeihung/Vergebung ist kein Freifahrtschein oder gar einen Einladung zur Wiederholung. Nur besteht halt ein großer Unterschied zwischen wirklich vergebener Schuld und unvergebener Schuld, mit der ich den anderen in "seine Hölle" schicke, in dem Moment sicher nichtsahnend, dass mir das Gleiche drohen könnte.
LG, Nordrheiner