Also, ich denke, daß die Zeiten sich ändern.
Bei uns im Unternehmen ist Teilzeit inzwischen überhaupt nicht mehr unüblich. Da braucht man sich auch keine Begründungen auszudenken, sondern kann einfach sagen, was Sache ist. Viele haben Teilzeit wegen ihrer Kinder. Meist noch Frauen, aber inzwischen auch immer mehr Männer, die ein oder zwei Tage in der Woche bei den Kindern zuhause sind, während die Frau arbeitet. Mein Lieblingskollege pflegt seine Mutter. Meine 26jährige Mitarbeiterin wird ab nächstem Monat für 2 Jahre 8 Stunden in der Woche reduzieren, weil sie eine Yogalehrer-Ausbildung macht. Zwei andere junge Mitarbeiter haben Stunden reduziert, weil sie nebenberuflich studieren. Ich arbeite seit mehreren Jahren Teilzeit zu 2/3, weil ich mir so die Sabatjahre ermögliche - immer 2 Jahre Vollzeit arbeiten und dann ein Jahr frei. Es gibt einige Altersteilzeitler sowohl im Blockmodell als auch halbtags bis zum regulären Renteneintritt. Mein Kollege arbeitet seit er 50 ist halbtags. Einer unserer Mitarbeiter in der IT-Abteilung hat z.B. seine Stunden reduziert, weil er für den Ironman trainiert. Ich kenne auch einen jungen Mann in einem anderen Unternehmen, der immer nach dem Modell arbeitet 6 Monate in Deutschland im Unternehmen, 6 Monate im Homeoffice in Spanien in seinem zweitwohnsitz. Und als ich im Sabatjahr unterwegs war, hab ich einige Leute getroffen, die während ihrer Reisen Teilzeit weiterarbeiten. Die sitzen dann in Kroatin im Wohnwagen oder in Portugal vorm Wohnmobil und machen vormittags ihre Arbeit.
Das geht in großen Unternehmen alles. Und bevor der Arbeitgeber seine guten eingearbeiteten Mitarbeiter verliert, genehmigt er doch lieber die Teilzeit. Natürlich heißt das auch immer wieder umorganisieren, Arbeiten umverteilen. Meine eine Mitarbeiterin reduziert die Stunden, meine andere will wieder Vollzeit arbeiten, nachdem ihr Kind groß ist. Das klappt nicht ein zu eins, daß die eine die Arbeit der anderen übernimmt. Da muß man quasi über die die Bande spielen noch ein paar andere Mitarbeiter einbeziehen und Aufgaben umverteilen. Aber irgendwie klappt das am Ende immer. Ist eine Herausforderung für Führungskräfte, macht aber auch Spaß. Und so bleibt der Betrieb auch in Bewegung. Das tut uns allen gut.
Aber man muß als Teilzeitler halt kalkulieren, sich einschränken, vielleicht auch auf den ein oder anderen Karriereschritt verzichten. Obwohl - bei uns sind auch viele höher Positionen in Teilzeit möglich. Bei mir hat auch jeder gesagt, das geht so nicht in meiner Position mit den Sabatjahren. Und was war? Zwei junge Frauen sind für mich befristet eingestellt worden, beide zwischenzeitlich entfristet und bleiben dauerhaft im Unternehmen (eine davon ist die Mitarbeiterin, die jetzt die Yoga-Ausbildung macht) und ich habe nach der Rückkehr eine höhere Position als vorher und trotzdem die Genehmigung, nach 2 Jahren wieder für ein Jahr auszusetzen.
Ich mache die Erfahrung, daß das bei entsprechend gut ausgebildeten Mitarbeitern in großen Unternehmen alles möglich ist. Heute fragen die jungen Leute schon direkt im Vorstellungsgespräch, wie ein Unternehmen mit solchen Wünschen umgeht, z.B. um ein weiteres Studium zu ermöglichen. Und wenn man gute Kräfte gewinnen und halten will...
Ich würde sagen, erstmal planen und kalkulieren, wie man sich das finanziert. Wenn man dann sicher ist, daß man das finanziell gestemmt bekommt, ein Konzept machen, wie die Arbeit, die man dann nicht mehr leisten wird im Betrieb organisiert werden könnte. Bei uns wirkt das sehr überzeugend, wenn der Mitarbeiter gleich mit dem Antrag schon Ideen vorbringt, wie seine Arbeit umverteilt werden kann. Ich hab z.B. das alles im Vorfeld meiner Teilzeitbeschäftigung mit meinen Mitarbeitern durchgesprochen und mit ihnen zusammen überlegt, wer was aus meinem Bereich übernehmen kann und möchte, welche Arbeiten dann aus ihren Bereichen wie umverteilt werden können und welche Arbeiten aus dem ganzen Team letztendlich für die neue Anfängerstelle in Frage kommen.
Und dann mutig das Gespräch suchen, Antrag schriftlich stellen und für seine Interessen eintreten, anstatt zu sagen "klappt sowieso nicht". Kein Unternehmen hat Interesse an dauerhaft unmotivierten Mitarbeitern. Gerade in den gut qualifizierten, höheren Bereichen kann ein Unternehmen sich das gar nicht erlauben.
Und wir alle spüren den Fachkräftemangel schon eklatant. Heutzutage kommen kaum noch gute Bewerbungen rein. Jeder Mitarbeiter in höherer Position oder spezialisierte Fachkraft, der uns dauerhaft verläßt, weil er mit unseren Arbeitsbedingungen nicht zufrieden ist, kostet enorme Mühe, Ersatz zu finden und neu einzuarbeiten. Allein die Kosten und die Zeit des Personalauswahlprozesses... Lieber kleinere Lücken durch reduzierte Stellenanteile ersetzen und durch Veränderungen im Unternehmen, Beförderungen und Nachrücker im unteren Bereich ausgleichen als ständig hochqualifizierte neue Mitarbeiter suchen zu müssen, die auf dem Markt kaum zu finden sind.