Liebe Heidi,
hab Dank für Deine Nachricht. Gerade heute, als ich aus dem Krankenhaus kam, habe ich sie gesehen. es war wieder mal, wie ein Fingerzeig des Schicksals. Gerade, wo ich selbst so hin- und hergerissen bin in der Entscheidung für oder gegen das Leben, aber aus ganz anderen Gründen als Du, kann ich Dich doch doppelt gut verstehen. Den eines ist unserem Wunsch gemeinsam, wir würden gerne in Würde weiterleben und wenn das nicht geht dann wenigstens in Würde abtreten. Nur Dir wurde Deine Würde auf absolut grausame Weise genommen, mir will sie nur zum x-ten mal unser Scheiss Staat vom grünen Tisch aus nehmen und meine verdammte "Gesundheit".
Als ich heute im Anschluss beim Hausarzt war und ihm schonungslos meine Gedanken vortrug, da sagte er etwas, was mich nachdenklich machte. Er erzählte, dass ein früherer Studienkollege von ihm ganz plötzlich gestorben sei, und er habe erst jetzt in Erfahrung gebracht, dass er einfach eines morgens nicht mehr erwachte. Hirnblutung mit Todesfolge, und er wusste nichts von der tickenden Zeitbombe in seinem Kopf.
Und da sagte mein Arzt zu mir: "Sie sind einer der ganz glücklichen Menschen, die durch einen Zufallsbefund, die Chance haben, das Ruder herumzureissen, wollen sie dieses Glück wirklich einfach über Board werfen? Andere würden Sie um diese Chance brennend beneiden und sie sicher anders verwerten als Sie es tun wollen."
Ich antwortete ihm: Nicht mal im Traum würde ich daran denken zu kämpfen aufzuhören, wenn ich nur einen Lichtschimmer sehen könnte in diesem lebenslangen Schmerzchaos und nur noch mit der Aussicht, entweder mit diesen höllischen Schmerzen weiter zu leben, ohne Hoffnung auf Heilung und am absoluten Existenzminimum, oder es der göttlichen Vorsehung zu überlassen und einfach einmal die Hände in den Schoß legen und sehen, wie es weitergeht. Mich so zu verhalten, wie der kleine Fisch in der Messiasgeschichte, die ich Euch zum Lesen ins Forum stellte, der kleine Fisch ließ den Felsen loß und ließ sich vom Strom vorwärtstreiben, in vollem Vertrauen, dass er nicht verletzt würde, sondern er sein Leben einer höheren Macht anvertrauen kann.
Und ich tendiere mehr dazu, wie der kleine Fisch zu handeln und einmal alle Kontrolle aus meinen Händen abzugeben im Vertrauen darauf, dass jetzt auch meine Zeit gekommen ist, einfach vertrauen in mein Schicksal zu haben.
Siehst Du Heidi, ich habe die Wahl zwischen bewusstem Leben und Verlängerung meiner Pein, bzw. sogar Verschlechterung aller Lebensumstände bis zur totalen Behinderung, oder es zum ersten Mal ohne wenn und aber dem Schicksal zu überlassen, das meine Seele ja bereits kennt, aber ich nicht. Ich denke meine Seele wird schon gewusst haben, wie lange ihre Lernzeit in diesem Leben sein soll.
Vielleicht lebe ich auf diese Weise noch viele viele Jahre, muss eben die Schmerzen und das würdelose Leben in Kauf nehmen (vielleicht finde ich ja doch noch einen weg, unter diesen Umständen Geld zu verdienen), aber ich kann mich gegen ein eventuelles Leben in Behinderung aussprechen.
Natürlich kann es auch so ausgehen, dass ich bei einer Gehirnblutung nicht sterbe, sondern behindert aufwache, aber dann musste es wohl so sein, ohne dass ich forciert dieses Risiko eingegangen wäre.
Deine Ungewissheit ist auch die, ob Du es jemals schaffen wirst, Deine Würde und Selbstachtung zurückzubekommen. Aber ich glaube, Du hast zumindest eine bessere Chance, irgendwann, wenn auch noch in ferner Zukunft, wieder ein einigermaßen normales und vielleicht sogar glückliches Leben zu führen. Was wir dazu tun können, Dich darin zu uterstützen, das werden wir mit Sicherheit tun.
Ich denke zurzeit sehr viel an Dich, Angel und all die anderen, die so tapfer versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.
Wäre ich heut nochmal Dreißig, und hätte meine Arbeit noch, glaubt mir, ich würde kämpfen wie eine Löwin. Aus heutiger Sicht, würde ich auf manches, was Geld kostet verzichten, um mir eine gesicherte Arbeitlosigkeit aufzubauen. Dazu hätte ich damals noch die Chance gehabt. Aber wer rechnete damals schon mit solcher Wirtschaftsflaute.
Ich kann nur jedem jungen Menschen ganz ernsthaft ins Gewissen reden, sich und seine Familie dagegen abzusichern. Heute weiß ich, welche tollen Möglichkeiten es dafür gibt. 15 Jahre bis zur Rente, können eine wahnsinnig lange Zeit sein, die es zu überbrücken gilt. Und zwar so, dass Papa Staat in die Röhre kuckt. Mit 50 hätte es sich noch gelohnt, diesen Schritt zu gehen, dann wäre ich im Rentenalter noch erheblich besser abgesichert. Aber mit 50 ist halt das Risiko zu groß, dass man den Arbeitsmarkt so lange überlebt. Außerdem fällt ab nächstem Jahr die Steuerfreiheit weg, so dass sich der Auszahlungsbetrag erheblich verringert, das kann, je nachdem wofür man sich entscheidet ab 01.01.05 eine Unterschied von 30-60.000 Eure ausmachen, die man dann nach 15 Jahren weniger ausgezahlt bekommt.
Der Schweinestaat weiß schon, wie er seine Bürger ab nächstem Jahr lahm legt. Wenigstens da sollte er einen Rückzieher machen, wenn er es dem Durchschnittsverdiener sowieso fast unmöglich macht, nebenher noch Geld zu sparen und anzulegen. An nächstem Jahr muss ja nahezu das Doppelte monatlich angelegt werden, um zum gleichen Ergebnis zu kommen, wie wenn man es noch in diesem Jahr macht.
Aber das Thema hat jetzt hier gar nichts zu suchen, bin nur mal wieder drauf gekommen, weil ich einfach nicht mehr verstehen kann, was sich die Deppen da oben zusammenbraun.
Liebe Heidi, und auch Micky, den ich doch wieder mal richtig beurteilt habe in meinem Geschichten-für-Inge-Thread, wir werden alle noch viel zu grübeln haben, bevor wir den jeweils für uns richtigen Weg finden werden. Aber wir werden ihn finden, früher oder später, mit großen oder kleinen Blessuren, die wir uns unterwegs einhandeln, ABER FINDEN WERDEN WIR IHN!!!!
Euer Luiserl.