AW: Der Tot und der Selbstmord und mein Unvermögen
Liebes Angelchen, liebe Heidi, liebe Cori und Lilly, falls Ihr beiden Letzteren wieder einmal hier reinschaut.
Angel Du schriebst, du weißt nicht, ob du die richtigen Worte finden kannst , um mit ebenfalls Betroffenen zu reden. Ich kann nur für mich sprechen, - natürlich nicht für Dich, Heidi, mag sein dass Du es ganz anders siehst, - aber Angel ich finde, Du hast die richtigen Worte gefunden. Aber sie zeigen mir auch, wieviel Deiner Jugend man Dir genommen hat, denn ich lese immer stärker eine Erwachsene aus Dir heraus, und das tut mir weh.
Nicht das, was Du schreibst, das nicht, denn das finde ich wunderschön und einfühlsam, aber das Wissen, wie jung Du bist und das Reife, schon so Erwachsene in Deinen Beiträgen, das mir zeigt, dass von Deiner Jugend im Moment nicht viel geblieben ist, das tut weh.
Du und Heidi und Cori und Lilly, ihr solltet Euch an den Händen fassen und lachend in den jungen Morgen, dem Sonnenschein entgegen laufen.
Ich habe jahrelang keine echte tiefe Wut mehr verspürt, ich hatte verlernt zu hassen, aber seit ich Euch kenne, tobt die Wut in mir, und der Hass will mir wieder zeigen, wie furchtbar er sich anfühlt. So geht es mir, die ich Eure Geschichten nur gelesen habe, aber ihr, ihr habt sie erleben müssen, nicht einmal, nicht zweimal, inzwischen wohl hunderte von malen, nachts in Euren Alpträumen, tagsüber wenn ihr alleine seid, wenn ihr dabei seid, wunderschöne Gedichte, aus Verzweiflung, Traurigkeit, Hilflosigkeit und Wut geboren, auf diesem Bildschirm zum Leben zu erwecken.
Was mich eben mit ein wenig Hoffnung erfüllt ist die Tatsache dass Du, Angel, inzwischen froh bist, noch einmal den großen Bruder des Schlafes nachhause geschickt zu haben, und weil Du zaghaft anzufangen scheinst zu glauben, dass das Leben auch für Dich noch anderes bereithält, als nur Leid und Schmerz.
Heidi, Cori und Lilly, wie schön wäre es, wenn auch bei Euch dieses Quentchen Zuversicht einkehren würde. Aber vielleicht ist es ja schon da, Euch aber noch nicht wirklich bewusst?
Wer auch immer es ist, die es gut mit Euch meint, ihr geht es genauso wie Euch, und trotzdem habe ich aus dem Gedicht weiter unten zum Schluss das leise Erwachen von Hoffnung und Zuversicht herausgehört. Wenn auch bei Euch anderen, das Erwachen anfängt, dann haltet das winzige Türchen offen, damit es nicht wieder zuschlägt und ihr "versinkt in Grab und Grauen" (Sonnenaufgang von M. Kyber).
Aber noch etwas ist mir bewusst geworden, als ich Eure Zeilen las.
Ich fühle mich plötzlich nicht mehr wohl in meiner Haut, wenn ich daran denke, wie sehr ich mich doch eigentlich in Euern Schmerz eingemischt habe, versucht habe Euch zu ermutigen, nach vorne zu schauen, aber doch nicht die geringste Vorstellungskraft von dem habe, was sich in Euch wirklich abspielt, denn ich selbst habe es ja nie erfahren müssen. Wenn ich daüber nachdenke, kommt es mir ganz ziemlich anmaßend vor, Euch einen Weg zeigen zu wollen, dessen Anfang ich nie selber kennenlernen musste, woher soll ich dann wissen, wie dieser Weg weitergehen mag, und wohin er führt.
Deshalb möchte ich Euch um Verzeihung bitten, wenn ich des Guten zuviel tat, Euch in eine Richtung zu drängen, die vielleicht überhaupt nicht Eure Richtung ist, weil ich ja den Anfang des Weges nicht kenne. Ich werde versuchen, mich zurückzunehmen und Euch nur meine Hände entgegenstrecken, und alle Kraft in mir mit Euch teilen.
Es geht mir immer wieder so, wenn ich in Ruhe nach einer gewissen Zeit, einige der Threads nochmal lese, die mich am meisten aufwühlten, dann hab ich oft das Gefühl, Euch und auch andere einfach zu überrollen. Wenn dem so ist, hüpft über das, was Euch nicht gutut mit einem großen Sprung hinweg, und greift nach dem, was Euch guttut.
Aber drücken tu ich Euch ganz dolle und in einen Mantel voll Wärme und Zuneigung hüll ich Euch auch ein
Euer Luiserl,das manchmal einfach nicht weiß, was richtig ist und was nicht, denn ich kann genausowenig Eure Leben leben, wie ihr das meine.