bird on the wire
Aktives Mitglied
Liebe Lerche,
unser Lebens- und Leidensweg ist ähnlich. Auch unsere berufliche Situation ist vergleichbar.
Ich hatte immer gespürt, daß ich Hilfe brauche, aber das gleichzeitig für mich auch immer ausgeschlossen. Ich habe auch vor allem beruflich immer versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten und dafür alle Kraft verbraucht, so daß für mein Privatleben nichts mehr übrig blieb. Kontakte vernachlässigt bis zur völligen Einsamkeit. Keine Kraft mehr für Bewegung oder kreative Hobbies. Betäubung durch ungesunde und viel zu viel Ernährung, manchmal auch Alkohol.
Letztendlich auch auf der Arbeit kaum noch Kraft, Konzentrationsschwächen, Antriebsschwäche, Dünnhäutigkeit, Überempfindlichkeit, Angst vor Fehlern und Versäumnissen... Ständige Bandscheibenprobleme, Panikattacken.
Seit 3 Jahren - ich bin jetzt 46 - bin ich in psychotherapeutischer Behandlung. Zum Glück habe ich auf Anhieb einen Therapeuten gefunden, der gut zu mir paßt und mit dem ich gut vorankomme.
Hingegangen bin ich ursprünglich, um wieder besser funktionieren zu können. Vor allem beruflich wieder besser funktionieren zu können. Meine Entwicklung ist jedoch in eine ganz andere Richtung gegangen. Innerhalb weniger Monate verloren die Probleme auf der Arbeit an Bedeutung und ich habe erkannt, daß sie lediglich Ausdruck anderer viel tiefer gehender Themen sind. So intensiv und schwierig die Begegnung mit mir in diesen anderen Themen war, so gleichmütig und souverän konnte ich auf der Arbeit wieder agieren. Aber das ist mir gar nicht mehr so wichtig. Die Gewichtung hat sich eindeutig zu meinem Gunsten verschoben. Die Fassade ist mir völlig unwichtig geworden. Ich lebe heute sehr offen und authentisch. Bin viel mehr im Reinen mit mir. Und das ist eine Wohltat!
In meinem Umfeld - auch beruflich - wissen alle über meine Erkrankung und meine Therapie Bescheid. Ich habe sehr gute Erfahrung damit gemacht. Ich erfahre nicht weniger Respekt von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten. Im Gegenteil. Es ist für alle Seiten stimmiger dadurch. Denn natürlich war es auch vorher nicht verborgen geblieben, daß etwas nicht stimmt.
Und dadurch, daß ich vollkommen offen damit umgehe, zeigen sich plötzlich auch andere mit ähnlichen Erkrankungen im Betrieb. Die sind nämlich ganz und gar nicht alle gesund und kräftig und psychisch unangreifbar. Das ist nur die eigene beschränkte Wahrnehmung, während man sich und seine Erkrankung zu verbergen sucht.
Heute fühle ich mich viel ausgewogener, bin wieder gut aufgehoben in meinem Freundeskreis, habe keine körperlichen Symptome mehr. Nachdem ich 15 Jahre sämtliche Situationen, in denen ich mich hilflos ausgeliefert fühlte wie Zahnarzt oder Friseur vermieden habe, ist das für mich wieder möglich geworden. Ich habe imer noch gelegentlich Panikattacken, aber kann das souverän händeln. Vor allem ist es unglaublich entspannend, nicht mehr eine Person vorzuspielen, die ich gar nicht bin. Und trotzdem meine Fähigkeiten, die mich in meine Position gebracht habe, anerkennen und kultivieren zu dürfen. Ich muß nich perfekt und unfehlbar sein, sondern darf einfach ich sein. Mich dafür wertschätzen und auch die Wertschätzung anderer entgegennehmen.
Neben der Psychotherapie haben mir dabei auch die Begleitung von zwei Heilpraktikerinnen geholfen, das Zu-mir-stehen von Freunden, Mitarbeitern und Vorgesetzten, das Erlernen von Entspannungstechniken, die bereits im Beitrag zuvor erwähnten Achtsamkeitsmeditationen, kreativer Ausdruck in Malen und Schreiben, Ernährungsumstellung, viel Bewegung in der Natur, Sinnstiftung durch ehrenamtliches Engagement.
Wie sich die Perspektiven inzwischen verschoben haben, zeigt mir neben viel mehr Lebenszufriedenheit und Ausgeglichenheit auch die Tatsache, daß ich beabsichtige in 2 1/2 Jahren ein Sabbatjahr einzulegen. Und ich bin optimistisch, daß mein Arbeitgeber das mittragen wird und es auch in meiner Position möglich sein wird, obwohl es dafür noch kein Vorbild in unserem Betrieb gibt.
Liebe Lerche, ich möchte Dich von Herzen ermuntern, gut für Dich zu sorgen und ein authentisches Leben zu führen. Das ist Deine Lebensaufgabe.
Eine Therapie hilft nicht immer. Es gibt viele negative Beispiele. Ich weiß das. Aber es kann auch gut laufen. Und auch all die anderen Empfehlungen - gerade auch aus dem Beitrag von Anna_Friederike - sind einen Versuch wert.
Letztendlich mußt Du Deinen Weg finden. Die intellektuellen Voraussetzungen, Fähigkeit zur Selbstreflektion und auch die Einsichtsfähigkeit, daß Hilfe- und Veränderungsbedarf besteht, ist ja bei Dir gegeben.
Nur Mut! Sei es Dir wert!
unser Lebens- und Leidensweg ist ähnlich. Auch unsere berufliche Situation ist vergleichbar.
Ich hatte immer gespürt, daß ich Hilfe brauche, aber das gleichzeitig für mich auch immer ausgeschlossen. Ich habe auch vor allem beruflich immer versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten und dafür alle Kraft verbraucht, so daß für mein Privatleben nichts mehr übrig blieb. Kontakte vernachlässigt bis zur völligen Einsamkeit. Keine Kraft mehr für Bewegung oder kreative Hobbies. Betäubung durch ungesunde und viel zu viel Ernährung, manchmal auch Alkohol.
Letztendlich auch auf der Arbeit kaum noch Kraft, Konzentrationsschwächen, Antriebsschwäche, Dünnhäutigkeit, Überempfindlichkeit, Angst vor Fehlern und Versäumnissen... Ständige Bandscheibenprobleme, Panikattacken.
Seit 3 Jahren - ich bin jetzt 46 - bin ich in psychotherapeutischer Behandlung. Zum Glück habe ich auf Anhieb einen Therapeuten gefunden, der gut zu mir paßt und mit dem ich gut vorankomme.
Hingegangen bin ich ursprünglich, um wieder besser funktionieren zu können. Vor allem beruflich wieder besser funktionieren zu können. Meine Entwicklung ist jedoch in eine ganz andere Richtung gegangen. Innerhalb weniger Monate verloren die Probleme auf der Arbeit an Bedeutung und ich habe erkannt, daß sie lediglich Ausdruck anderer viel tiefer gehender Themen sind. So intensiv und schwierig die Begegnung mit mir in diesen anderen Themen war, so gleichmütig und souverän konnte ich auf der Arbeit wieder agieren. Aber das ist mir gar nicht mehr so wichtig. Die Gewichtung hat sich eindeutig zu meinem Gunsten verschoben. Die Fassade ist mir völlig unwichtig geworden. Ich lebe heute sehr offen und authentisch. Bin viel mehr im Reinen mit mir. Und das ist eine Wohltat!
In meinem Umfeld - auch beruflich - wissen alle über meine Erkrankung und meine Therapie Bescheid. Ich habe sehr gute Erfahrung damit gemacht. Ich erfahre nicht weniger Respekt von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten. Im Gegenteil. Es ist für alle Seiten stimmiger dadurch. Denn natürlich war es auch vorher nicht verborgen geblieben, daß etwas nicht stimmt.
Und dadurch, daß ich vollkommen offen damit umgehe, zeigen sich plötzlich auch andere mit ähnlichen Erkrankungen im Betrieb. Die sind nämlich ganz und gar nicht alle gesund und kräftig und psychisch unangreifbar. Das ist nur die eigene beschränkte Wahrnehmung, während man sich und seine Erkrankung zu verbergen sucht.
Heute fühle ich mich viel ausgewogener, bin wieder gut aufgehoben in meinem Freundeskreis, habe keine körperlichen Symptome mehr. Nachdem ich 15 Jahre sämtliche Situationen, in denen ich mich hilflos ausgeliefert fühlte wie Zahnarzt oder Friseur vermieden habe, ist das für mich wieder möglich geworden. Ich habe imer noch gelegentlich Panikattacken, aber kann das souverän händeln. Vor allem ist es unglaublich entspannend, nicht mehr eine Person vorzuspielen, die ich gar nicht bin. Und trotzdem meine Fähigkeiten, die mich in meine Position gebracht habe, anerkennen und kultivieren zu dürfen. Ich muß nich perfekt und unfehlbar sein, sondern darf einfach ich sein. Mich dafür wertschätzen und auch die Wertschätzung anderer entgegennehmen.
Neben der Psychotherapie haben mir dabei auch die Begleitung von zwei Heilpraktikerinnen geholfen, das Zu-mir-stehen von Freunden, Mitarbeitern und Vorgesetzten, das Erlernen von Entspannungstechniken, die bereits im Beitrag zuvor erwähnten Achtsamkeitsmeditationen, kreativer Ausdruck in Malen und Schreiben, Ernährungsumstellung, viel Bewegung in der Natur, Sinnstiftung durch ehrenamtliches Engagement.
Wie sich die Perspektiven inzwischen verschoben haben, zeigt mir neben viel mehr Lebenszufriedenheit und Ausgeglichenheit auch die Tatsache, daß ich beabsichtige in 2 1/2 Jahren ein Sabbatjahr einzulegen. Und ich bin optimistisch, daß mein Arbeitgeber das mittragen wird und es auch in meiner Position möglich sein wird, obwohl es dafür noch kein Vorbild in unserem Betrieb gibt.
Liebe Lerche, ich möchte Dich von Herzen ermuntern, gut für Dich zu sorgen und ein authentisches Leben zu führen. Das ist Deine Lebensaufgabe.
Eine Therapie hilft nicht immer. Es gibt viele negative Beispiele. Ich weiß das. Aber es kann auch gut laufen. Und auch all die anderen Empfehlungen - gerade auch aus dem Beitrag von Anna_Friederike - sind einen Versuch wert.
Letztendlich mußt Du Deinen Weg finden. Die intellektuellen Voraussetzungen, Fähigkeit zur Selbstreflektion und auch die Einsichtsfähigkeit, daß Hilfe- und Veränderungsbedarf besteht, ist ja bei Dir gegeben.
Nur Mut! Sei es Dir wert!
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