Liebe Primavera!
Ich bin ein (Möchtegern-)Akademiker der ersten Generation - Möchtegern, weil noch Student. Vieles von dem, was du schreibst, würde ich glatt unterzeichnen. Gerade im Jurastudium bleibt einem bei so viel Hochwohlgeborenheit doch manchmal der Mund offen stehen.
Aber du schreibst:
Gesellschaftlich aber stehen sie kaum besser da als ihre Eltern, die auf vieles verzichtet haben, um ihren Kindern eine so gute Ausbildung bieten zu können. Gewisse Kreise bleiben eben nach wie vor am liebsten unter sich, heute vielleicht mehr denn je. Und wenn man noch dazu als Frau unverheiratet bzw. alleinstehend und außerdem etwas zurückhaltend ist, lebt man selbst als hochqualifizierte Akademikerin am Rande der Gesellschaft und wird von gewissen Leuten bestenfalls mal aus Mitleid zum Nachmittagskaffee eingeladen, nicht aber, wenn die eigentlichen Renommier-Bekannten zum Abendessen oder zur mehr oder weniger festlichen "runden" Geburtstagsfeier mit Sektempfang, Buffet oder 6-Gänge-Menü, selbstdarstellerischen Tischreden in wohlgesetzten Worten, Musik und Tanz gebeten werden .... die Leute nämlich, die der Gastgeber als ebenbürtig betrachtet, für voll nimmt, mit denen sich mehr Staat machen und die eigene Karriere pushen lässt. Selbstverständlich nur mit "adäquatem" Partner. :mad:
Ich nehm jetzt mal kein Blatt vor den Mund. Als Kind von Arbeitern kann ich das ja auf meine "Bodenständigkeit" *hust* schieben... Ich versteh nicht ganz, was dich daran stört. Ist das wirklich diese Gesellschaft, an die du Anbindung willst? Willst du mit denen befreundet sein, deren Anerkennung haben? Leute, bei denen du nicht weißt, ob du beim nächsten Stimmungswechsel nicht mega-out bist?
Ich hätte da keine Lust drauf, das wär mir zu anstrengend...
😀 Ich bin kein Mensch fürs Schaulaufen. Was soll ich mit nem Rock, der 500 € kostet? Was soll ich auf einem etepetete-Buffet, wenn ich viel lieber Pizza esse? Warum sollte ich mich in schicken Fummel zwängen, nur um mit belanglosen, verbildeten Idioten über noch belanglosere sterbenslangweilige Themen zu quatschen?
Mich interessiert viel mehr das Leben "hier unten". Hier ist doch das Leben. Ich hab "hier unten" in meinem Leben Dinge erlebt, die entsetzlich waren, aber sie haben mich gestärkt, meinen Mut auf die Probe gestellt, mich nachdenklich gemacht und meine Blickweise für so vieles geöffnet, das anderen verborgen geblieben ist. Ich habe erlebt, was es heißt, wenn der Rechtsstaat versagt, wenn der Sozialstaat versagt.
Hätte ich das nicht erlebt, wäre ich ein sehr dummer, kalter Mensch geworden - vielleicht gebildeter, vielleicht selbstbewusster und besser vernetzt in die Bereiche der Ach-so-Schönen und Reichen und Klugen. Klar, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden - aber was ist das schon? Ich habe Leute in meinem Kurs, die reisen an Wochenenden nach Paris, nach Mailand, nach sonstwo. Und sie sind so unglücklich und ihrer selbst überdrüssig! Ihnen bedeutet das Leben gar nichts.
Ich sehe Mädchen in der Bib, die immer bemüht sind, nicht mehr Punkte zu schreiben als ihr "adäquaten" Juristen-Partner. Ist das das Leben, das du vermisst? Ich nicht.
Das, was du schreibst, erinnert mich an meine Professorin, die verbittert war, dass sie - anders als die männlichen Kollegen - nicht mit Handschlag begrüßt worden war, als sie an die Uni kam.
Ich hab dich als eine scharf denkende und kämpferische Frau erlebt, die ich niemals bei einem Trödelö-Kaffeenachmittag unter Trudchen und Agathe vermutet hätte
😉
Menschen wie du sind sehr viel "wertvoller" für das Rechtssystem als gelangweilte "Oberschichtler", die in ihrem Leben noch nicht "hier unten" waren. Leute, die nicht mehr wissen, wie viel ein Brötchen kostet. Das sind nicht die, die uns und unser Land voranbringen. Die guttenbergen dann rum und sind dann noch erschüttert drüber, wenn sie abgesägt werden... lügen und betrügen.
Es sind Leute wie du, die wissen, wie man kämpft, die wissen, was echtes Leben ist, die etwas bewegen können.
Liebe Grüße,
Joey