Ich möchte hier mal als Erstes noch einmal darauf aufmerksam machen, es geht hier nicht um ein inneres Kind schlechthin, es geht um traumatisierte Kinder, die verdrängt und/oder abgespalten wurden. Aus den traumatisierenden Erfahrungen sind oft Posttraumatische Belastungsstörungen entstanden, die es verhindern, dass man heute als erwachsener Mensch adäquat leben kann. Und man fängt erst an, daran zu arbeiten, wenn das Leid schwer überwiegt. Solange man sagen kann, es geht schon, wird man nicht viel tun (müssen).
Worüber wir hier reden (ich zumindest) ist eine Möglichkeit der Traumatherapie. Ein Kind wird nicht umprogrammiert. Aber die Situationen, die einen festhalten und sich nicht entwickeln lassen, jedenfalls nicht positiv wachsen lassen, werden neu angesehen, neu bewertet. Es wird daran gearbeitet, sich bei Triggern nicht mehr völlig hilflos zu fühlen und/oder zu dissoziieren. Dafür müssen Trigger erst mal erkannt werden. Und man muss seelisch so weit sein, dass man sich das überhaupt ansehen kann. Nicht umsonst ist das alles ins Unterbewusstsein gerutscht, diese Art von Verdrängung passiert nicht absichtlich.
Das Kind wird nicht umprogrammiert, es wird nur aus seiner Verletzung und Angst und Hilflosigkeit erlöst. Es wird in die Lage versetzt, nicht mehr im Trauma festzuhängen. Der Verstand allein kann das nicht leisten. Der Verstand hilft dabei, erst mal zu begreifen, um was es überhaupt geht. Gearbeitet muss aber an der Gefühlssituation.
Manche Menschen fühlen sich immer wieder verletzt in Situationen, wo andere Menschen sagen, wo ist das Problem?
Das ist eine Traumafolgestörung. Daran wird gearbeitet.
Manche Menschen haben sich in der Dunkelheit aufgelöst und finden nicht raus, wo andere Menschen sagen, hey, die Sonne scheint, es müsste Dir doch gut gehen.
Manche Menschen haben in den Augen anderer Menschen alles. Familie, Job, Geld, was man so denkt, was man zum Leben braucht und trotzdem kann dieser Mensch nicht leben und nicht sterben. Ganz oft, wenn man zu lange so lebt, übernimmt der Körper den seelischen Schmerz.
Manche Menschen haben entsetzliche Schuldgefühle, die es ihnen nicht erlauben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sich nie erlauben, Liebe anzunehmen, die kein Recht fühlen auf ihr Leben, keine Existenzberechtigung, die anfangen für andere zu ackern bis zum Zusammenbruch und weiter hinaus, weil sie glauben, nur so eine Existenzberechtigung zu haben.
Manche Menschen haben Angst in Situationen, die anderen überhaupt kein Gefühl entlocken.
Die Ursachen sind fast immer im Trauma zu finden. Und ja, diese muss man aufdecken, damit man überhaupt arbeiten kann. Die Möglichkeit, mit dem Inneren Kind zu arbeiten ist ja noch nicht so lange da. Ich habe selbst auch erst mit der Schematherapie angefangen. Aus einer Verhaltenstherapie, die mir helfen sollte, mit meinen sehr belastenden und sehr behindernden Schmerzen umgehen zu können und mal wieder überhaupt mich raus zu trauen, wurde über die Schematherapie eine Traumatherapie.
Traumatherapie ist kein Spaß. Die meisten machen das in der Klinik. Es ist nicht ohne, wenn der Körper versagt, weil die Seele nicht mehr kann. Das kann sehr gefährlich bis lebensgefährlich werden, je nach Resilienz des Traumatisierten. Traumatherapie dauert sehr lange und es kann sein, dass eine Therapie nicht reicht.
Es geht darum, dem verlassenen, traumatisierten Kind, das da voller Schuldgefühle und Ängsten hockt, Hilfe zu geben. Denn es wurde auch von uns verlassen, meist schon im Kindesalter. Es ist festgetackert in seinen Nöten und je weniger wir davon sehen wollen, desto mehr lenkt es uns in unserem Leben und es hält uns fest in dem, was uns so weh tut.
Wenn dieses bewusst wird, dann ist das eine Chance. Eine Chance, die unglaublich viel Mut erfordert, Kraft, diese Schmerzen auszuhalten, Vertrauen, sich zu zeigen, Vertrauen auch in sich, dieses Kind nun endlich zuzulassen.
Ja, die Meisten, die solche Traumata erlebt haben und soooo oft viele Jahre lang, haben das Kind abgespalten. Es geht darum, es wieder zu integrieren, den Schmerz und die Trauer zu durchleben, alles zuzulassen, was so weh tut und behindert, bis zur Arbeitsunfähigkeit und auch Lebensunfähigkeit. Und dann frei zu werden. Frei von diesem Trauma, von diesen schwersten Verletzungen, Schuldgefühlen, die nie angebracht waren, aber gebraucht wurden, denn für die Seele eines Kindes ist es einfacher, bei sich selbst die Schuld zu suchen, als die Eltern, von denen es abhängig ist, in Frage zu stellen. Und das tut auch noch als Erwachsener sehr weh, wenn man dann mal da hin schaut.
Wenn ich Dich richtig verstehe, dann willst Du sagen: Wenn Du jetzt Angst hast etwas zu tun, weil früher erlebte Angst jetzt wieder lebendig wird, dann tue genau das, wovor Dich Deine Angst (Dein inneres Kind) abhalten möchte. Habe ich Dich da richtig verstanden?
Nicht ganz. Es geht hier vor allem um Angst, die durch schlimmste Erlebnisse entstanden sind. Dann kann man sicher einfach das tun, wovor man Angst hat. Sie wird aber nie verschwinden dadurch. Ich habe das jahrelang immer wieder gemacht. Die Angst blieb. Es geht darum, erst mal den Grund zu erkennen, zu erkennen, wo diese Angst überhaupt sitzt und dann eben dieses verletzte Kind mitzunehmen. Dieses Kind aus der Verletzung, aus der Angst holen.
Bei mir ging es aber sehr viel mehr um Schuldgefühle, keine Existenzberechtigung, immer währenden Selbstmordabsichten und Wünschen, Verletzung in Person und es so anzunehmen. Ich konnte gut für andere leben, weil sie mich brauchten. Aber nicht für mich. Liebe geben konnte ich immer gut, so war ich schon auf die Welt gekommen. Liebe annehmen – nie. Damit ist mir auch viel zerbrochen. Ich habe damit gelebt, weil ich immer glaubte, ich habe auch kein anderes Recht, ich bin selbst schuld. Ich habe mich bis vor zwei Jahren so geschämt für meine Existenz, dafür, ein Kind gewesen zu sein, das anscheinend so schlecht war, dass man es so behandelt hat, dass ich nie reden konnte über meine Kindheit, ich konnte nicht mal die Worte Kind oder Kindheit mit mir im Zusammenhang sagen oder schreiben. Auch meinen Namen konnte ich kaum sagen und schrieb ihn nie aus.
Ich konnte eine gute Mutter sein, weil ich all diese Erfahrungen abgespalten habe, weil ich das auch konnte. Ich wusste, anders wird mir das mir Wichtigste nicht gelingen, nämlich mein Kind stark zu machen und selbstbewusst, mit Selbstvertrauen, mit dem „kleinen Öfchen“ (wie ich das immer nenne, wenn es eine Kindheit mit Liebe gab), ein Kind, das glücklich ist und geborgen, das keine Angst hat, die durch mich verursacht wird, durch meine Unfähigkeiten. Ich habe mit Sicherheit nicht alles richtig gemacht, das ist aber letztlich auch gut so, perfekte Eltern braucht kein Kind, damit geht es ihm auch nicht gut.
Heute – meine Tochter ist seit Jahren erwachsen und führt ihr eigenes Leben – ist Zeit für mich. Jetzt fühlte ich immer mehr, so kann ich nicht weiter machen, mein Leben war ausschließlich ein Warten auf den Tod und darauf, wann eine Situation eintritt, dass meine Tochter mich braucht auf ihrem Weg in ihr Leben.
Ja und heute geht es mir gut. Ich bin glücklich, selbst wenn ich auch traurig bin, es gibt so viel, das noch verarbeitet werden möchte und es gibt so viel Neues zu lernen, manches nachzuholen, noch Trauer zu durchleben, mich zu verstehen und zu schauen, wo geht mein Weg lang. Ich weiß, ich bin stark genug dafür.
Ich denke, diese Methode ist richtig, weil ich einer schlechten Erfahrung von früher eine gute Erfahrung von heute gegenüberstelle.
Ich glaube, so was klappt recht gut bei Phobien und vielleicht auch Ängsten, die relativ offen liegen und nicht abgespalten sind.
Trotzdem ist diese Methode noch verbesserungsfähig.
Nun ja, es ist immer alles verbesserungsfähig.
Aus meiner Sicht sollte dem Sehen und dem Erleben ein Verstehen vorangehen. "wie ist die Angst des inneren Kindes entstanden?" finde ich als sehr wichtig.
Na, sag ich doch.
🙂
Kinder können nur emotional entscheiden und auf emotionaler Basis Lösungen suchen und finden,
Ja, eben. Und deshalb entwickeln Kinder eher Schuldgefühle, als eben per Verstand zu begreifen, dass Eltern und andere Erwachsene nicht immer ihrer Rolle gerecht werden.
Also ist es (für mich) logisch, dass viele Lösungen kind- und siutationsgerecht sind, aber eben nicht zukunftsfähig.
Richtig. Man hat in Notsituationen Verhaltensmuster so tief eingeprägt und diese wirken weiter, immer weiter, auch wenn sie gar nicht mehr gebraucht werden oder sogar schaden und behindern. Ich z. B. habe bereits im Kleinkindalter lernen müssen, meine Gefühle nicht zu zeigen. Und das wirkt noch heute. Seit Jahren versuche ich, meine Körpersprache meinen Gefühlen wieder anzupassen. Das schaffe ich nicht. Mir kann es noch so schlecht gehen, man wird es nicht sehen. Ich wirke seltens adäquat, ganz schlimm für mich. Wenn ich zutiefst verletzt bin oder traurig bin, wirke ich eher abweisend oder arrogant. Dabei bin ich beides nicht.
Kinder können die Probleme Erwachsener nicht lösen
Aber genau das versuchen so viele Kinder und zerbrechen dran.
jedoch können Erwachsene die Probleme der Kinder lösen.
Theoretisch. (und das macht mich gerade tottraurig und ich erkenne, nicht die Erwachsene weint, sondern das noch nicht ganz geheilte Kind)
Fazit: Der Erwachsene sollte das ursächliche Angst auslösende Problem seines inneren Kindes auch verstehen.
Dazu genügt es meiner Meinung nach nicht zu verstehen "mein inneres Kind hat Angst vor X" sondern auch die Warum-Frage sollte zielführend beantwortet werden.
Die Kunst besteht darin, die Warum-Frage richtig zu beantworten.
Bis hierher ja. Aber hatten wir ja schon.
Aufbauend auf der richtigen Antwort kann auch eine Um- oder Neuprogrammierung erfolgen. So denke ich.
Hier sträubt sich gerade alles. Es wird eher aufgelöst als programmiert.
Ich rede hier für mich, für meine Erfahrung, meine Therapie, mein Verständnis. Was für wen passt, wo welche Seele reagiert, fühlt, das muss jeder selbst erfühlen.
edit: Oh, hier kamen noch ein paar dazwischen.
grauer Bär, Dir möchte - ich weiß nicht mal, ob ich danken sagen kann, es ist so traurig, was Du schreibst, ein Stück weit finde ich mich auch wieder bei Dir.
Ich bin mir aber auch zu 1000 % sicher, man muss nicht weiter geben, was man selbst erlebt hat. Es hat lange gedauert, bis ich glauben konnte, dass es aber die meisten wohl so machen. Ich habe die meisten Dinge mit meiner Schwester zusammen erlebt, sie ist auch krank, aber nicht so wie ich, sie ist ganz anders damit umgegangen und hat keine Schuldgefühle mitgenommen. Dafür aber hat sie entschieden, keine Kinder zu haben, weil sie es nicht hätte besser machen können. Das finde ich eine starke Entscheidung.
Und ja, es ist eine entsetzlich schmerzvolle Reise zu seinem Kind, die viel Mut und Kraft und Durchhaltevermögen verlangt. Und auch ich habe große Achtung vor jedem, der sich auf diesen Weg wagt.