Hallo Marie1910,
mit meinen 57 Jahren bin ich meinem Lebensende wesentlich näher als mir lieb ist. Ich war am Anfang meines Lebens gläubiger Christ mit allem drum und dran. Das bin ich nun nicht mehr und damit entfällt wohl auch die Aussicht auf ein "Leben danach". Ja, das macht mir auch Angst. Ich habe eine Tochter etwa in Deinem Alter und der Gedanke lässt mich furchtbar traurig werden, dass ich sie irgendwann nicht mehr in meine Arme schließen kann. Solchen Gedanken kannst Du nachhängen und wirst damit wohl nur eines: trauriger und unglücklicher und ich auch. Was also tun?
Zuerst einmal: hole tief Luft, schau nach draußen, schüttle diese finsteren Gedanken ab, denn sie führen wirklich zu nichts Positivem. Zu Deinen wichtigen und notwendigen Gefühlen wie Angst, Trauer, Wut und Freude hast Du einen Verstand bekommen und den solltest Du jetzt gebrauchen und auch Dir selbst vertrauen.
Dir als jungem Menschen fällt es noch schwer, manche Dinge auf dieser Welt zu akzeptieren. Das ist auch gut so, denn so kannst Du anpacken und zupacken, wo es notwendig und richtig ist. Aber je mehr Du von der Welt und den Menschen kennen lernst, um so mehr wirst Du sehen, dass alles auf dieser Welt Grenzen hat. Einige davon können wir verschieben, sie durchbrechen und sie neu definieren, aber bei anderen geht das nur bis zu einem gewissen Punkt.
Eine dieser unverrückbaren Grenzen scheint mir heute der Tod zu sein. Obwohl Millionen Menschen es anders sehen, aber an ein mystisches Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Und erst recht glaube ich nicht daran, dass uns göttliche Wesen in verschiedene Klassen einteilen, manche von uns im Feuer rösten und anderen einen Dauerurlaub gönnen werden. Und all dies hängt davon ab, ob ich "hier auf Erden brav genug" war? Aus meiner Sicht spricht nichts dafür.
Was aber mach ich mit meiner Angst und der Angst meiner Tochter, die mich nicht verlieren möchte? Ich habe meinen Vater durch einen Unfall verloren, als ich noch recht jung war. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Die Hilflosigkeit aller "Erwachsenen", die Angst war überwältigend. Seither hatte ich einige Male mit dem Tod zu tun und habe einige mir wirklich sehr teure Menschen verloren.
Was kann ich Dir raten? Ich kann Dir nur sagen, was mich hat etwas ruhiger und gelassener werden lassen. Der Tod ist eines der sichersten Dinge auf dieser Welt. Ich kenne niemanden, der ihm entkommen wäre, entgegen anderweitiger Behauptungen. Ist es vernünftig, dann davor Angst zu haben? Angst ist dazu da, um Dich vor etwas zu warnen, um Deine Kräfte zu mobilisieren. Wenn sie Dich dazu antreibt, gesund zu leben, Deine Risiken besser einzuschätzen, dann erhöht das zwar Deine Chancen auf ein längeres Leben, aber schlussendlich? Also: wozu Angst haben?
Angst kann einem das Leben ganz schön schwer machen. Das merkst Du gerade. Aber Angst ist nur ein Gefühl von Dir. Angst ist nicht unendlich, Angst hat kein wirkliches Eigenleben und sie ist auf keinen Fall stärker als Du. Das weiß ich inzwischen 100% sicher. Ich hatte schon so viel Angst in meinem Leben, wäre fast gestorben, durch einen Unfall umgekommen, auch da weiß ich, wovon ich schreibe. Deine Angst besitzt keine Weisheit, sie ist nur ein Stop-Schild, ein Hinweis, dass Du aufpassen solltest. Wenn aber alle Signale andauernd auf Rot stehen, geht garnichts mehr. Also sag Deiner Angst, dass sie es jetzt auch mal wieder gut sein lassen soll. Sie soll nicht ständig den Spaßverderber spielen und sich trollen und nur kommen, wenn es wirklich wichtig ist. Ja, das kannst Du lernen und es braucht etwas Zeit. Wenn Deine Angst wieder einmal um die Ecke kreischt und rumschreit, dann setz Dich bequem an einen sicheren Platz, hole tief Luft: "Hey Angst, was soll dieser Alarm!? Ja, das sind diese Gedanken über den Tod und dies und das. Na und? Ich atme noch, die Welt geht ihren Gang, was soll das? Drück Dich deutlicher aus oder mach Dich vom Acker! Ich habe keinen Bock mehr auf Dein Gekreische! Das macht mich nur verrückt und ich habe keine Zeit für wirklich wichtigere Dinge."
Übe Deine Gelassenheit durch solche Dialoge. Mit der Zeit klappt es immer besser und Du wirst feststellen, dass Du NICHT Deine Angst bist. Sie ist ein nützlicher Teil von Dir, mit dem Du umgehen kannst und die Du mit Deinem Verstand in ihre Schranken weisen kannst. Du wirst sie noch oft brauchen können, aber sie ist nicht der Bestimmer.
Und was ist nun mit dem Tod? Ich hoffe ganz ehrlich, dass ich in diesem Moment nicht feige sein werde. Und falls doch, nun ja, dann ist es eben so. Sollte sich herausstellen, dass ich mich irre und ich stehe wirklich vor einer Himmelpforte mit der Aufschrift "Du kommst hier net rein!", dann mache ich mir eben dann meine Gedanken. Vielleicht verteilt sich meine Lebensenergie auch im Universum und das Nirwana ist der beste Ort, an dem ich dann nicht bin. Ich weiß es nicht. Ja, das macht mir Angst. Aber doch nicht so viel, als dass nicht mein Verstand mir sagt: "Hey, Du wirst es erleben. Das ist die einzige Veranstaltung, für die Du keine Platzkarten kaufen musst und zu der Du nicht zu spät kommen kannst." Mein Tod wird etwas ganz Neues sein. Nein, ich freue mich nicht darauf, aber etwas neugierig bin ich schon. Ja, ich bin auch traurig und auch etwas wütend, denn wer diesen Plan mit dem Werden und Vergehen entwickelt hat (Falls es so jemanden gibt), hat sich wohl selbst davon ausgenommen und das scheint mir nicht fair. Aber Fairness wird überbewertet und zählt nur zwischen uns Menschen etwas, wenn überhaupt.
Nutze Deinen Verstand. Traue Deinen eigenen Gedanken. Stelle Fragen und vertraue auf Deine Antworten. Wenn Du sie noch nicht hast, dann frage weiter. Ich weiß inzwischen genug darüber, dass ich diesen Moment auf mich zukommen lassen kann. So viele Milliarden von Menschen haben das schon hinbekommen, da kann nichts schief gehen. Setz Deiner Angst eine lustige Mütze auf und schick sie einen Kaffee trinken, oder was immer auch.
Und dann konzentriere Dich darauf, Dein Leben zu leben. Ja, das ist viel wichtiger. Habe keine Angst vor der Angst. Dafür hast Du Deinen Mut und Deinen Verstand. Sei so trotzig, wie Du nur sein kannst und hab Spaß, freue Dich, sei neugierig, plane und lebe. Das macht den Unterschied in Deinen nächsten 70 Jahren und Du wirst garantiert Momente haben, die es wert sind, sie gelebt zu haben. Daran ändert kein Tod etwas und auch keine Angst. Irgendwann wird mein Tag zum Sterben kommen und Deiner auch. Auf sichere Dinge ist gut warten. Schau, dass Du bis dahin einige Gründe zu einem herzerwärmenden Lächeln gefunden hast. Auch die kommen manchmal ganz von allein und manchmal musst Du etwas dazu tun.