Ich glaube, für dich ist es ganz wichtig, die einzelnen Rollen klarzuhaben:
Du bist Auszubildende im ersten Lehrjahr. Du lernst. Du bist weder die Urlaubsvertretung des Chefs noch Disponent noch die Anleiterin des Praktikanten. Deine Position wird mit diesen Aufgaben völlig überfrachtet. Dafür wirst du mit Deinem Ausbildungsgehalt auch gar nicht adäquat bezahlt. Du bist eben keine ausgelernte Fachkraft. Das ist Ausnutzerei, wenn man Dir solche Aufgaben zuweist. Und Anmaßung, wenn Du selbst Dir diese Aufgaben nimmst. Du bist Auszubildende und es geht ausschließlich darum, daß Du das Rüstzeug für die Berufsausübung lernst.
Der Praktikant ist kein Auszubildender. Ausbildung beginnt, wenn überhaupt erst in ein paar Monaten. Der Praktikant muß sich nicht auf dem Niveau des Auszubildenden bewegen. Und er muß sich schon gar nicht auf dem Niveau der fertig ausgebildeten Fachkräfte bewegen. Er ist ja gerade deshalb Praktikant, daß er überhaupt erstmal die Voraussetzungen für eine Ausbildung erlernt. zum Beispiel den Mut zu fassen ans Telefon zu gehen, einen geregelten Arbeitsalltag zu erlernen, zu lernen, wie man sich etwas merkt... Aber das soll er nicht von Dir lernen. Du bist Auszubildende und nicht Ausbilderin.
Ich würde mich an Deiner Stelle zwar grundsätzlich hilfsbereit zeigen und auch mal was kollegial mit ihm üben, aber mich ansonsten auf meine Ausbildung konzentrieren. Es kann eigentlich nicht sein, daß er Dich in Deiner Arbeit behindert. Zum einen hast Du als Auszubildende noch nicht eigenverantwortlich zu arbeiten. Deswegen bist du ja noch in der Ausbildung. Und zum anderen müßte seine Tätigkeit unabhängig von Deiner organisiert werden. Er muß ja noch ganz andere Dinge lernen als Du.
Aber das ist Sache des Ausbilders, das ordentlich zu organisieren. Ich würde das schon beim Ausbilder - vermutlich dem Chef - thematisieren. Zumindest würde ich deine Rolle bei ihm hinterfragen. Aufgrund Deiner Schilderung vermute ich schon, daß dem Chef klar ist, daß der Praktikant erst mal anderes lernen muß, um ausbildungsfähig zu sein. Dein Chef wird schon eine gewisse Menschenkenntnis und Lebenserfahrung haben. Es ist von daher auch nicht abwegig, den Praktikanten Dir gegenüber zu setzen, damit er sich was abgucken kann und eine Idee bekommt, was in der Ausbildung von ihm erwartet wird. Aber das darf nicht verwechselt werden damit, daß Du ihn anlernst und unterweist. Das ist nämlich eindeutig nicht Deine Aufgabe.
Und wenn er es nicht schafft, sich im Praktikum bis zur Ausbildungsreife zu entwickeln, dann ist das eben so, dann braucht er noch etwas länger Unterstützung. Dann ist aber auch keinem damit gedient, daß Du versuchst ihn zwanghaft auf Dein Niveau im ersten Lehrjahr zu bringen. Ihr unterscheidet Euch. Das ist auch gut so. Es ist Sache des Chefs zu entscheiden, ob er das Risiko eingehen möchte, den Praktikanten als Auszubildenden zu übernehmen. Es ist sein unternehmerisches Risiko und er wird seine Gründe haben, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.
Ich würde an Deiner Stelle sehr genau darauf achten, wer welche Position im Unternehmen hat und wo Deine Grenzen sind. Wenn du nämlich weit darüber hinaus gehst, fällt Dir das irgendwann in Deinem Berufsleben auf die Füße. Wichtig ist, Defizite anderer zu akzeptieren, Du hast sicher auch welche, immer freundlich und kollegial zu bleiben, aber nicht die Defizite eines anderen aufzufangen und nach außen zu decken. Damit ist keinem geholfen.
Versuche dich innerlich immer wieder darauf auszurichten, daß Du Auszubildende im ersten Lehrjahr bist und weder Chef, Ausbilder noch ausgelernte Fachkraft. Und damit auch icht deren Verantwortung hast.