Nein, hättest du nicht. Sie hätte das auch selbst melden können. Bei jeder Mahlzeit, die ihr gebracht wurde und auf die sie keinen Appetit hatte, bestand Gelegenheit dazu, ebenso bei der Visite, Blutdruckkontrolle etc. Sie hat es aber offensichtlich nicht getan. Dazu war sie doch im KH, dass sie Beschwerden sofort ÄrztInnen und PflegerInnen mitteilen konnte. Wahrscheinlich hat sie dieser Appetitlosigkeit oder Übelkeit auch selber keine so große Bedeutung beigemessen, also wirf dir nicht vor, dass du es auch nicht getan hast. Kein normaler Mensch rechnet bei einem Menschen, der über Übelkeit klagt, sofort mit dem Schlimmsten. Zwar kann man das Schlimmste nie 100 %ig ausschließen, aber wenn man immer gleich vom Schlimmsten ausgehen würde, wäre man komplett handlungsunfähig und könnte das Leben in keiner Sekunde genießen. Jeder Mensch auf der Welt kann von jetzt auf gleich tot zusammenbrechen. Wer ist dann daran "schuld"? Niemand.
Im KH sind Ärzte und Pfleger überdies so überlastet, dass man dort oft über Stunden ohnehin niemanden erreicht. Viele von ihnen sind zudem selber ausgebrannt von den ganzen Corona-Fällen und anderem. Da könntest du ebenso gut dem Bundes- und Landesgesundheitsminister die Schuld geben, dem Finanzminister, dem Krankenhausträger, dem Krankenhausmanager oder der -managerin, dass die Personalausstattung in dem Krankenhaus so unzureichend ist, wie sie ist.
Und wie das KH auf eine solche Meldung reagiert hätte, kann man auch nicht wissen. Übelkeit kann vielerlei Ursachen haben. Man kann es einem Menschen auch nicht immer ansehen, wenn es ihm übel ist. Insofern trifft auch das KH keine Schuld. Solche Erwartungen kann niemand erfüllen, dann müssten die das Zehnfache an qualifiziertem Personal haben.
Der Tod deiner Frau war tragisch. Ein relativ geringes Risiko hat sich bei ihr leider verwirklicht. Aber daran ist niemand schuld. Die einen sterben nach einer an sich harmlosen Blinddarm-OP, die anderen überleben die riskantesten Herz- oder Lungentransplantationen.
Im Falle meines Partners kamen auch so viele unglückliche Zufälle zusammen (auch solche, auf die ich keinen Einfluss hatte), dass ich fast schon denke, sein Tod war zu diesem Zeitpunkt Gottes Wille. Nicht wir bestimmen normalerweise, wann wir abberufen werden, sondern Gott. Wir verstehen nicht, warum, aber wahrscheinlich ist es besser, wenn wir das dennoch als Gottes Willen akzeptieren. Und mein Partner hat ja auch dadurch, dass er jahrelang nie zum Arzt ging und auch zum Schluss außer zu meiner Ärztin zu keinem anderen Arzt kurzfristig wollte, ganz erheblich dazu beigetragen, dass er zu diesem Zeitpunkt verstorben ist. Nur er steckte doch in seinem Körper, nur er konnte doch wissen, wie schlecht er sich im Vergleich zu vorher wirklich fühlte. Man kann als medizinischer Laie nicht von sich erwarten, dass man das Befinden und die Gefahr besser einschätzen kann als der Betroffene selbst, jedenfalls , solange dieser noch bei Bewusstsein und bei klarem Verstand ist.
Kein Mensch muss damit rechnen, dass jemand, dem es nach einer OP übel ist bzw. der keinen Appetit hat, innerhalb von wenigen Stunden verstirbt. Und es hätte auch niemand an deiner Stelle anders gehandelt, als du es getan hast, jedenfalls kein medizinischer Laie.