Ich denke, dass mit zunehmender Zeitdauer das Ungelöste auch bei dir immer mehr in den Hintergrund treten, wenn auch nicht völlig verschwinden wird. Deine Frau ist ja noch kein halbes Jahr tot.
Wir können noch so viel grübeln, unsere Partner werden davon nicht wieder lebendig.
Klar - wäre ich beruflich nicht so gestresst gewesen und wäre meine damalige Putzfrau nicht auch noch über Monate ausgefallen, hätte ich vielleicht aufmerksamer registriert, was mit meinem Partner los war, und weniger gereizt reagiert. Aber ob er dann eher zum Arzt gegangen wäre und ob ich bei mehr innerer Gelassenheit und einem geringeren eigenen Stresslevel eher auf die Idee gekommen wäre, einfach gegen seinen Willen den RTW oder ärztlichen Bereitschaftsdienst zu rufen, kann ich nicht mit Gewissheit sagen.
Wenn mein Partner in all den Jahren sich mal hätte ärztlich durchchecken lassen, wenigstens alle zwei Jahre, und wenn er nicht so häufig über Wehwehchen wie Verstopfung oder Rückenschmerzen geklagt hätte, ohne dass je was Schlimmes daraus entstanden wäre, hätte ich das alles auch viel ernster genommen.Mir ist unbegreiflich, wie man sich, wenn es einem so schlecht geht, immer noch gegen eine ärztliche Untersuchung sträuben kann. Vom Verstand her weiß ich, dass das Verhalten meines Partners, aber auch meine eigene Stressbelastung, maßgeblich zu meiner Fehleinschätzung und meinem gereizten Verhalten beigetragen haben. Aber auch noch andere Dinge kamen hinzu, wie insbesondere der Umstand, dass meine Hausärztin ausgerechnet da keine neuen Patienten mehr annahm. Es war eine ganz unglückliche und tragische Verkettung extrem ungünstiger Umstände.
Ich habe mir zwar Sorgen gemacht und ihn am 2. Krankheitstag auch zwischendurch von meiner Arbeitsstelle aus angerufen. Aber da bat er mich direkt, den Anruf zu beenden, da er auf den Rückruf von meiner Arztpraxis wartete. Abends erfuhr ich dann, dass sie keine neuen Patienten mehr annahm. Einen Termin mit meinem früheren Arzt zu machen, dazu konnte sich mein Partner auch nicht aufraffen. So ging das von Tag zu Tag. An einem Abend machte er sogar selber eine Andeutung, dass er vielleicht einen Herzinfarkt erlitten hätte, hatte aber immer noch keinen Arzttermin gemacht. Da bin ich dann sehr ärgerlich geworden, habe die Beherrschung verloren und mit ihm geschimpft, zumal ich auch beruflich Probleme hatte und selber schon den ganzen Tag niedergedrückter Stimmung deswegen gewesen war. Ich konnte nicht verstehen, wie man, wenn man selber meint, man ist froh, dass man die Nacht und evtl. einen Herzinfarkt überlebt hat, dann immer noch jede ärztliche Behandlung ablehnt. Da hat doch jeder normale Mensch viel zuviel Angst vor dem Tod! Und so dramatisch wirkte sein Zustand auf mich auch nicht, weil er bei klarem Bewusstsein war und ganz normal wie sonst mit nur sprach. Das passte alles nicht richtig zusammen nach meiner Wahrnehmung.
Jetzt werfe ich mir das aber immer wieder vor.
Auch, dass unser allerletztes Telefonat in einer zwar nicht allzu schlimmen, aber eben doch leichten Missstimmung endete. Es war eine Missstimmung, die ich beim nächsten Telefonat direkt wieder aus dem Weg geräumt hätte, wenn er zu dem Zeitpunkt noch gelebt hätte.
Er hat ja wenige Stunden vor seinem Tod sogar noch hier im Forum geschrieben und nach einem Stück von Bach gesucht. Da hätte sicher von den UnserInnen auch niemand gedacht, dass er so schnell sterben würde. Am Abend vor seinem vermutlichen Todestag hatte er noch mit der Schwester seiner Tante telefoniert, einer netten, älteren Dame, die uns für September zu sich eingeladen hatte. Nach seinem Tod lud diese Dame mich dann auch allein für ein paar Tage zu sich ein. Er hatte ihr zwar in dem Telefonat auch etwas von seinen gesundheitlichen Problemen mitgeteilt, aber auch ihr war das anhand der Beschreibung nicht sooo dramatisch erschienen. Sie hatte ihm noch geraten, es erst mal mit Schmerztabletten zu versuchen. Wenn es dann nicht besser würde, könne er ja immer noch zum Arzt gehen. Sie offenbarte mir dann bei meinem Besuch, dass sie sich nun auch noch mitschuldig fühlte, aber ich sagte ihr: "Das brauchst du nicht, ich habe ihm in der Woche mehrfach Druck gemacht, sich zum Arzt bringen zu lassen, aber er konnte sich trotzdem nicht dazu überwinden."
Klar, rückblickend gesehen, hätte ich mich auf seine Verweigerung nicht einlassen dürfen. Ich habe das total falsch eingeschätzt.
Es ist sehr schwer, sich selbst zu verzeihen, dass man in einer Situation nicht optimal reagiert hat, wenn der Partner kurz danach so plötzlich verstorben ist. Aber mein Partner war intelligent, medizinisch durch seine Heilpraktikerausbildung auch bis zu einem gewissen Grad vorgebildet, selbst kurz vor seinem Tod noch bei klarem Bewusstsein und hatte doch auch eine Verantwortung für sich selbst! Warum nur hat er sich nicht schnellstens in ärztliche Behandlung begeben?! Es gab doch beileibe nicht nur diese eine Möglichkeit bei meiner Hausärztin!
Und was das Schlimmste ist: Er ist jetzt tot und hat alles hinter sich. Ich mache mir immer wieder Vorwürfe und habe Schuldgefühle, mal mehr, mal weniger. Und ich hatte sogar damals angesichts seiner Verweigerung noch zu ihm gesagt: "Ich kann für die Folgen keine Verantwortung übernehmen. Selbst dann nicht, wenn sie tödlich sein sollten." Aber selbst diese Bemerkung führte nicht dazu, dass er bereit war, sich untersuchen zu lassen.