Hallo
@GenerousFly ,
was du beschreibst, klingt ganz klassisch nach FOMO. Auch so eine Erscheinung unserer Zeit, die fast vergessen lässt, dass es nur ein paar Jahrzehnte her ist, in denen man auch in Teilen des heutigen Deutschlands und vor allem in Osteuropa gar nicht oder kaum und, wenn, dann nur sehr eingeschränkt und unfrei, reisen konnte.
Zum schon angesprochenen FOMO-Aspekt (FOMO = Fear of missing out bzw. die Angst, etwas zu verpassen, vor allem im Vergleich mit anderen Menschen) hilft vielleicht der Gedanke, dass die Welt zu groß und das Leben zu vielschichtig ist, während der Mensch zu klein und ein Menschenleben zu kurz ist, um alles, alles, alles mitzunehmen.
Man kann nicht alles erleben. Niemand kann das. Nur ein ganz kleiner Bruchteil der Gesellschaft hat die Möglichkeit, sehr viel mitzunehmen, aber selbst diese Personen schaffen nicht alles. Die meisten Menschen picken sich winzige Teile und Teilchen aus der bunten Vielfalt, die das Leben bietet, heraus. Manche reisen viel. Das ist toll. Andere reisen wenig(er) oder gar nicht, aber haben ihren Fokus dafür auf anderen Dingen. Ich persönlich habe beispielsweise relativ früh eine Familie gegründet und kenne das doofe Gefühl im Hinterkopf, ein wenig um verpasste Gelegenheiten zu trauern und zu denken: "Ach, ein Auslandsjahr wäre schon schön gewesen." oder "Ein halbes Jahr durch Kontinent/Land X tingeln: geil!" Von manchen Freund*innen, die machen konnten, was ich verpasst habe, weiß ich aber, dass die genau andersrum denken. Die sind zwar mehr und weiter gereist als ich, vermissen teilweise aber Aspekte in ihrem Leben, die in meinem Alltag sind. Ich glaube, dass es in unserer privilegierten Wohlstandsgesellschaft ein Stück weit normal ist, solche Gedanken und Gefühle zu haben, solange sie nicht zu einnehmend und übermächtig werden.
Reisen halte ich selbst für etwas sehr, sehr kostbares und wertvolles, aber für mich steht Qualität weit über Quantität.
Es geht - finde ich - nicht darum, möglichst oft pro Jahr zu verreisen und Städte und Länder wie Punkte auf einer To Do-Liste abzuhaken (- gerade auch vor dem Hintergrund des Klimawandels). Ich finde es schön, andere Orte kennenzulernen. Mir gibt die Natur beispielsweise sehr viel. Ich finde es sehr spanennd durch einen Supermarkt im Ausland zu streunen oder öffentliche Verkehrsmittel in anderen Ländern zu nutzen. Besonders toll ist es natürlich, wenn man auf authentische Weise mit einheimischen Menschen in Kontakt kommt, aber meiner Erfahrung nach klappt das nur dann, wenn man entweder längere Zeit in einem Land lebt (und selbst da bewegt man sich meist in einer Bubble, zum Beispiel als Erasmusstudent*in) oder Menschen (Familie, Freund*innen) besucht, die in dem Land leben.
Ein Aspekt, den ich manchmal etwas merkwürdig finde ist dabei: viele Reisende bzw. Tourist*innen möchten auf ihren Reisen in andere Kulturen hinein schnuppern und freuen sich auf einen Austausch mit Einheimischen. Wenn aber hierzulande jemand lebt, der ursprünglich aus dem Ausland kommt, wird ein Kontakt oft (nicht immer!) weitaus weniger wertvoll empfunden. Schade eigentlich, denn auch der kann den eigenen Horizont erweitern.