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Ich reise zu wenig und habe etwas verpasst?

  • Starter*in Starter*in Gelöscht 79003
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Interessanterweise ist lt. Psychologie das beste Mittel um "Selbstvertrauen" aufzubauen:
Tapetenwechsel 🙂
Als kleines kind zu den Großeltern, als Erwachsener in andere Länder.
Ich gebe Dir da recht, es ist ein Mittel, um Selbstvertrauen aufzubauen.
Aber es ist nicht unbedingt notwendig.
Ich denke, dass ich über ein gesundes Selbstvertrauen verfüge, ohne in der Weltgeschichte herumgereist zu sein.
Andererseits habe ich im näheren Umfeld eine Person, die von Südamerika über Afrika und China schon sehr viel von der Welt gesehen hat.
Selbstvertrauen ist hier null, Reisen nur in Gruppen, nach Möglichkeit Aufenthalt in Resorts.
Natürlich kann man hier auch sagen, Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es fällt vielen Menschen schwer, nicht der Norm zu entsprechen.
Die Norm diktiert heute nun mal, wer nicht um die Welt jettet, gehört nicht dazu, ist langweilig usw.

Ich verurteile niemanden, der was von der Welt sehen möchte, aber notwendig ist es nicht und auch nicht nachhaltig oder global betrachtet vernünftig.
Es werden Ressourcen verschwendet, die unseren nachfolgenden Generationen fehlen werden.
 
Hallo @GenerousFly ,
was du beschreibst, klingt ganz klassisch nach FOMO. Auch so eine Erscheinung unserer Zeit, die fast vergessen lässt, dass es nur ein paar Jahrzehnte her ist, in denen man auch in Teilen des heutigen Deutschlands und vor allem in Osteuropa gar nicht oder kaum und, wenn, dann nur sehr eingeschränkt und unfrei, reisen konnte.

Zum schon angesprochenen FOMO-Aspekt (FOMO = Fear of missing out bzw. die Angst, etwas zu verpassen, vor allem im Vergleich mit anderen Menschen) hilft vielleicht der Gedanke, dass die Welt zu groß und das Leben zu vielschichtig ist, während der Mensch zu klein und ein Menschenleben zu kurz ist, um alles, alles, alles mitzunehmen.
Man kann nicht alles erleben. Niemand kann das. Nur ein ganz kleiner Bruchteil der Gesellschaft hat die Möglichkeit, sehr viel mitzunehmen, aber selbst diese Personen schaffen nicht alles. Die meisten Menschen picken sich winzige Teile und Teilchen aus der bunten Vielfalt, die das Leben bietet, heraus. Manche reisen viel. Das ist toll. Andere reisen wenig(er) oder gar nicht, aber haben ihren Fokus dafür auf anderen Dingen. Ich persönlich habe beispielsweise relativ früh eine Familie gegründet und kenne das doofe Gefühl im Hinterkopf, ein wenig um verpasste Gelegenheiten zu trauern und zu denken: "Ach, ein Auslandsjahr wäre schon schön gewesen." oder "Ein halbes Jahr durch Kontinent/Land X tingeln: geil!" Von manchen Freund*innen, die machen konnten, was ich verpasst habe, weiß ich aber, dass die genau andersrum denken. Die sind zwar mehr und weiter gereist als ich, vermissen teilweise aber Aspekte in ihrem Leben, die in meinem Alltag sind. Ich glaube, dass es in unserer privilegierten Wohlstandsgesellschaft ein Stück weit normal ist, solche Gedanken und Gefühle zu haben, solange sie nicht zu einnehmend und übermächtig werden.

Reisen halte ich selbst für etwas sehr, sehr kostbares und wertvolles, aber für mich steht Qualität weit über Quantität.
Es geht - finde ich - nicht darum, möglichst oft pro Jahr zu verreisen und Städte und Länder wie Punkte auf einer To Do-Liste abzuhaken (- gerade auch vor dem Hintergrund des Klimawandels). Ich finde es schön, andere Orte kennenzulernen. Mir gibt die Natur beispielsweise sehr viel. Ich finde es sehr spanennd durch einen Supermarkt im Ausland zu streunen oder öffentliche Verkehrsmittel in anderen Ländern zu nutzen. Besonders toll ist es natürlich, wenn man auf authentische Weise mit einheimischen Menschen in Kontakt kommt, aber meiner Erfahrung nach klappt das nur dann, wenn man entweder längere Zeit in einem Land lebt (und selbst da bewegt man sich meist in einer Bubble, zum Beispiel als Erasmusstudent*in) oder Menschen (Familie, Freund*innen) besucht, die in dem Land leben.
Ein Aspekt, den ich manchmal etwas merkwürdig finde ist dabei: viele Reisende bzw. Tourist*innen möchten auf ihren Reisen in andere Kulturen hinein schnuppern und freuen sich auf einen Austausch mit Einheimischen. Wenn aber hierzulande jemand lebt, der ursprünglich aus dem Ausland kommt, wird ein Kontakt oft (nicht immer!) weitaus weniger wertvoll empfunden. Schade eigentlich, denn auch der kann den eigenen Horizont erweitern.
 
Selbstvertrauen ist hier null, Reisen nur in Gruppen, nach Möglichkeit Aufenthalt in Resorts.
Das ist für mich nicht "Reisen" (für mich! nach allgemeiner Definition natürlich schon). Das sind i.a.R. genau diese Leute, die im Ausland das suchen, was sie im heimischen Wohnzimmer im TV gesehen haben. Aber bitte dann auch in deutscher Sprache, mit deutschem Essen und deutschem Filterkaffee. Diese Menschen wollen m.E. nur Klischees konsumieren und haben Null Interesse daran, das Land und dessen Menschen wirklich kennen zu lernen. Der einzige Kontakt mit Einheimischen besteht dann aus der Folklore-Tanzgruppe am abendlichen Resort-Pool.
 
Das ist für mich nicht "Reisen" (für mich! nach allgemeiner Definition natürlich schon). Das sind i.a.R. genau diese Leute, die im Ausland das suchen, was sie im heimischen Wohnzimmer im TV gesehen haben. Aber bitte dann auch in deutscher Sprache, mit deutschem Essen und deutschem Filterkaffee. Diese Menschen wollen m.E. nur Klischees konsumieren und haben Null Interesse daran, das Land und dessen Menschen wirklich kennen zu lernen. Der einzige Kontakt mit Einheimischen besteht dann aus der Folklore-Tanzgruppe am abendlichen Resort-Pool.

Pauschalurlaub ist zwar verpönt (meins ist es auch nicht), aber teilweise für Einheimische und Natur besser als ganz viele Individualtourist:innen, welche die abgelegensten Orte erkundigen, in den einheimischen Lokalen die Preise hochtreiben und überall dann doch irgendwie Spuren hinterlassen und ursprüngliches verdrängen und vor allem auch verteuern..

Ich finde das ganze Thema ultra komplex.
Afrikanische Länder sind unter jüngeren Menschen übrigens auch sehr beliebt, grade weil die großen Ziele ja gar nicht mehr so "in" sind. Irgendwo stand das Gegenteil. Auch diese ganzen "Entwicklungshilfe-Trips" im Sinne von "weit weg & gutes Tun" waren und sind beliebt und inzwischen auch ein Thema, zu dem es viele kritische Beiträge gibt.

Reisen ist ein mega komplexes Thema, umso komplexer, umso fremder die Umgebung, in der man sich bewegt.
 
@Zaphod, leider ist es der weitaus größte Anteil der Reisenden.
Ja. Und aus wirklich reinem Egoismus bin ich sogar froh darüber: solange sich die Pauschaltouristen in ihren Ghettos aufeinander stapeln, solange sind die schönen Ecken noch (relativ) gut bereisbar. Leider hat v.A. Instagram da sehr viel zerstört in den letzten Jahren, einige Spots sogar wortwörtlich. Das alte Backpacker-Gesetz gilt leider nicht mehr ("Gute Plätze nur an andere Backpacker weiter geben").


Auch diese ganzen "Entwicklungshilfe-Trips" im Sinne von "weit weg & gutes Tun" waren und sind beliebt und inzwischen auch ein Thema, zu dem es viele kritische Beiträge gibt.
Oh, ja. Leider. Da werden m.E. die Menschen armer Länder regelrecht ausgenutzt, damit deutsche Wohlstandskinder einen weiteren Pluspunkt auf dem Lebenslauf haben und sich auf Insta & Co toll darstellen können.
Eine guterBericht darüber, die m.E. gut den Irrsinn dieses "Helfens" verdeutlicht:
(btw: diese Agentur, die weiter vorne verlinkt war, kommt auch drin vor, nicht gerade positiv 😉)
 
In meinem Leben ist es eher "ungewöhnlich" verlaufen.
Als Kind war ich oft mit dem Eltern in Bayern, was dazu geführt hat, dass ich, kaum dass ich den Führerschein hatte, auf eine der früher besuchten Almen gefahren bin.
Allerdings habe ich da nicht auf der Veranda gesessen und mir Schnitzel kochen lassen, sondern ich hab Kühe gemolgen, Käse gemacht und mit dem Trecker Gras für Heu am Hang geschnitten.
Der Kümmel für den Käse wuchs da, wo man nicht hinfahren konnte, also musste ich klettern.
Das war eine ganz andere Sicht "auf Berge".

Später bei der Bundeswehr ging es ähnlich zu. Meinen Urlaub hab ich auf einem Gestüt verbracht und wiederum auf dem Trecker.

Viele Jahre war ich mit den Pfadfindern in Sommerlagern, allerdings ging es dann darum, dort den Kindern einen Urlaub zu ermöglichen.

Einmal war ich bei einer Familie in Marokko; auch dort gab's einen Einblick hinter die Kulissen, wie überhaupt Leute dort leben.
Dort war ein großes massives Eingangstor (ohne Zaun daneben!) für den Familienvater wichtiger als eine funktionierende Waschmaschine, gab es Leute auf dem Friedhof, die gegen Geld für Verstorbene beten ( was dem Besucher Zeit spart), brauchte man in all den Gängen der Altstadt in Oujda ein fotografisches Gedächtnis wer grad was anbot, war ich maßlos erstaunt über kleine Tischchen in hintersten Ecken von Geschäften, auf denen kiloweise Banknoten lagen: " Changé - Wechselstube".
Securyties gab's keine, man stand zwischen Leuten mit Bärten, die alle gleich arm aussahen, aber es eben nicht waren.

So etwas über die dortige ungemein diplomatische und damit herzlich sympathische Mentalität erzählt einem kein Reiseführer, und so tief hinein lässt man Fremde nie schauen.

Auf Mallorca war ich zwei mal. Einmal mit einer Gruppe von insgesamt 18 Leuten zum Feiern.
Fantastisch!

Und einmal mit einem Autohändler, der dort Insider war.
Es gab eine kleine alte Finca auf der wir für die Zeit des Aufenthaltes Schweine füttern mussten. Juppi hat vorgeschlagen, auf die See zu fahren, und aus einem Schweinetrog ein genau 2.00m langes Plastikboot zu angeln.
Der Motor ging erwartungsgemäß gleich beim Rausfahren kaputt, also sind wir zurück gepaddelt und haben ihn an den Strand gelegt, sind dann aber wieder raus. So wussten wir wenigstens, dass bzw wie überhaupt wir wieder zurück kommen konnten.
Wir sind öfters zu einer alten Waffenhändlerin gefahren.
Die hat uns an einen Holztisch im Hinterzimmer gebeten , wo es einen alten wackligen Stuhl zum draufsetzen gab - und ein Sofa mit geschätzt 10 cm Decken drauf.

Der Vermieterbauer hat eine Fete veranstaltet.
Für Eier sind wir in eine Art Hühnerzwinger geklettert, in der gut 3m hohe Kakateen standen. Dazwischen die Hühner, noch tiefer drin dann Eier.
Würste hatte er unter dem Dach in Reihen aufgehängt, gern Jahre alt.
Man musste eine Holzleiter hoch krabbeln. Eine davon hab ich heute noch, die hat bald Geburtstag und dürfte dann 20 werden.
Ich durfte neben dem Bauern sitzen und hab ihm, als ich in einer seiner Plantagen einen Brunnen entdeckt habe beschrieben, warum sich hier bei uns wegen Rheinbraun ( Braunkohleabbau) das Grundwasser absenkt. Das Spanisch dazu musst ich halt im Gespräch lernen, hat aber geklappt.

Wenn Du was von der "Welt" nicht nur sehen sondern erfahren möchtest, würde ich dir dringend empfehlen, Anschluss an die Bevölkerung zu suchen. Wie bei work&travel.
Die Eindrücke werden dich reichlich belohnen.

Keinen solchen Lohn bekommst du, wenn Du schweres Geld in Hotels nach hiesigem Standart investierst.
Man wird Dich bedienen, so wie Du es bezahlt hast, jedoch wirst Du nicht erfahren, was Leute bewegt, und wie sie mit ungerne gezeigten vielseitigen Kleinigkeiten ihr tägliches Leben gestalten und bestreiten.
****************
Reisen übrigens kann Geld kosten, muss es aber nicht.

Ohne zündende Geschäftsidee hat man allerdings nur ein gewisses Lebensarbeitzeit-Einkommen.
Also sollte man sich ausrechnen, was überhaupt man im Leben zu erreichen vermag.
Eine Reise nach Afrika in die Savanne, wo man einen Eingeborenenstamm besucht, der aus Erz auf dem Erdfeuer-Ofen ein Messer aus einem alten Autoteil schmiedet, bringt einen finanziell dann nicht weiter, wenn ein besseres Messer hier für einen halben Stundenlohn kaufen kann.
Für dieselbe Investition könnte man hier einen oder zwei Quadratmeter Eigentum kaufen und diesen lebenslang nutzen.

Damit stünde man sich über Jahrzehnte besser, als das Geld anders wo zu investieren.
Also muss man auch wissen was man erreichen will.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute an dem Thread beteiligen.

Mir ist bewusst, dass W&T sehr viel bringen kann. Ich halt mir trotzdem alle Möglichkeiten offen( ich will nach der Ausbildung meinen Betriebswirt machen und in die Schweiz ziehen).

Australien kann ich auch so bereisen. Von Deutschland nach Sydney und einen Roadtrip oder innerhalb fliegen. Und jede Woche von z.B drei in einer anderen Stadt.

Naja, mal schauen.
 
Ja. Und aus wirklich reinem Egoismus bin ich sogar froh darüber: solange sich die Pauschaltouristen in ihren Ghettos aufeinander stapeln, solange sind die schönen Ecken noch (relativ) gut bereisbar. Leider hat v.A. Instagram da sehr viel zerstört in den letzten Jahren, einige Spots sogar wortwörtlich. Das alte Backpacker-Gesetz gilt leider nicht mehr ("Gute Plätze nur an andere Backpacker weiter geben").


Oh, ja. Leider. Da werden m.E. die Menschen armer Länder regelrecht ausgenutzt, damit deutsche Wohlstandskinder einen weiteren Pluspunkt auf dem Lebenslauf haben und sich auf Insta & Co toll darstellen können.
Eine guterBericht darüber, die m.E. gut den Irrsinn dieses "Helfens" verdeutlicht:
(btw: diese Agentur, die weiter vorne verlinkt war, kommt auch drin vor, nicht gerade positiv 😉)

Also ich hatte auch schon von solchen Sozial-Trips gehört, wo junge westliche Mädels mal ihren verwegenen Altruismus zu fetten Pauschal-Preisen scheinausleben dürfen.
Die gute "Sabrina" am Ende der Doku hat sagenhafte 3.300 Euro für 3 Wochen Ghana "neben dran stehen" ausgegeben... oder besser ihre Eltern.
Der Altruismus vorbei als die Kohle den Besitzer gewechselt hat. Saftig.

Die interviewten jungen Dinger strotzen nur so vor Naivität, selbst noch vor Ort.
Einige von den Mädels erwarten von den schwarzen Kindern "Dankbarkeit" wohl für ihre Anwesenheit.

Da fragt man sich allen Ernstes, wie sich die junge linke Elite eigentlich Entwicklungshilfe so vorstellt.
Krux an der Sache ist nämlich immer, dass man eine Fähigkeit mitbringen muss, die vor Ort gefragt wird.
Und da wird es jenseits der puren Finanzkraft von Daddys Ausbeuter-Portmonaie eher schmal.

Mal ganz nebenbei eine kleine Faustregel:

Für Entwicklungshilfe-Arbeit bewirbt man sich.
Es gibt vor Ort ein ganz konkretes Projekt und für den Bewerber eine ganz konkrete Aufgabe.
Für Entwicklungshilfe wird man in aller Regel bezahlt, wenigstens gibt es freie Kost und Logie.
Man zahlt nicht für Entwicklungshilfe. Letzteres ist eher tatsächlich Pauschal-Urlaub mit garantierter Elends-Insta Story. Kann man genausogut auf Safari gehen...
Entwicklungshilfe hat tatsächlich selten etwas mit der Arbeit direkt am Menschen zu tun wie viele Altruisten es klischeeveranlagt verlagen, meist sind es Infrastruktur-Projekte.

Gott... die Gelddruck-Nummer mit den Waisenhäusern und den schwarzen Kindern ist einfach zu drollig... ich bin echt ein wenig entsetzt.
 

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