Typisch erzkatholisch. Der Familienpatriarch, vor dem alle kuschen. Und das bei einem Mann, der meiner Generation angehört. Ich fasse es nicht! Ich finde es auch nicht richtig, dass die Kirche Männer mit einer solchen Einstellung auch heute noch zu Diakonen weiht. Aber das ist vielleicht auch eher dem Priestermangel geschuldet. Das kommt davon, wenn man Frauen von Priesteramt ausschließt...Meine Mutter versucht immer, es allen recht zu machen. Und knickt dann ein. Sie hat keinerlei Rückgrat und möchte sich Ärger mit meinem Vater denke ich ersparen.
Ich glaube mein Vater hat mir meinen Austritt aus der katholischen Kirche nicht verziehen. Ich bin zwar Mitglied in einer Freikirche, aber das ist für ihn nur eine Sekte...
Versteh' mich bitte nicht falsch: Mir ist der Glaube an Gott und auch an Jesus Christus sehr wichtig. Er kommt für mich an erster Stelle, vor allem anderen. Ich merke auch gerade jetzt wieder, dass mir der Glaube dabei hilft, den plötzlichen und zu frühen Tod meines Partners zu bewältigen.
Aber dieses Erzkatholische, das mehr an Dogmen und von der Kirche erdachten Regeln klebt als an den Inhalten, wie Jesus sie verkündigt hat, war mir schon immer suspekt. Menschen, die so ticken, habe ich schon als junger Mensch als heuchlerisch empfunden. Meine Mutter bezeichnete solche Typen übrigens auch als Pharisäer, obwohl auch ihr der katholische Glaube viel bedeutete und sie Jahrgang 1925 war. Meine Eltern waren beide katholisch, ich bin es auch. Mein Vater (Jahrgang 1922) war auch in der Gemeinde engagiert (Kirchenchor, Kolpingsfamilie, Pfarrgemeinderat), meine Mutter war Mitglied der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands. Meine Eltern sahen dennoch einiges, was die Amtskirche machte, kritisch. Sie mochten es überhaupt nicht, wenn angeblich fromme Katholiken sich für die Besten hielten und über Christinnen und Christen anderer Konfessionen herzogen. Oder wenn sie sich nur an typisch katholische Formen und Rituale hielten, sich um christliche Inhalte aber keine Gedanken machten, sondern nur mit dem Pfarrer herumschleimten. Mein Opa väterlicherseits war Jahrgang 1895, als gebürtiger Sauerländer ebenfalls "gut katholisch", aber hatte sich das selbstständige Denken nicht abgewöhnt, obwohl er "nur" Volksschulbildung besaß und - aus einer Familie mit zehn Kindern stammend, Eltern früh verstorben - nur ungelernter Arbeiter war. Er war gegen den Zölibat und hatte einen sehr guten Freund (die beiden musizierten zusammen), der Mitglied der Neuapostolischen Kirche war. Und als bei den evangelischen Nachbarn (ebenfalls einfache Leute) mal eine Tauffeier war, wurde mein Opa extra zum Kaffeetrinken eingeladen, weil man ihm am ehesten zutraute, sich mit dem evangelischen Pfarrer vernünftig unterhalten zu können. Selbstverständlich hat mein Opa dieser Einladung auch Folge geleistet und sich mit dem evangelischen Pastor angeregt unterhalten.
So etwas Bigottes, wie du es von deiner Herkunftsfamilie schilderst, kenne ich also von zu Hause gar nicht. Mein Vater eckte - auch in kirchlichen Vereinen und Gremien - lieber an, als dass er geschleimt hätte. Dabei hätte er vom Alter her locker der Vater deines Vaters und somit dein Großvater sein können.
Das ganze Verhalten deiner Eltern - unterstellt, es ist tatsächlich so, wie du es schilderst - finde ich abstoßend, übrigens auch die Rückgratlosigkeit deiner Mutter. Meine Mutter war seit meiner Geburt "nur" Hausfrau, ließ sich aber längst nicht alles von meinem Vater gefallen. Sie gab ihm Zunder, wenn ihr etwas nicht passte. Ist deine Mutter eigentlich berufstätig?
Stammst du von einem Dorf im tiefsten Sauerland oder im Bayerischen Wald, oder wie muss ich mir das vorstellen? Oder vielleicht aus der Paderborner Ecke? Wo gibt es so etwas Erzkonservatives sonst heute noch?!
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