Ergibt sich nicht sogar ein Sachzwang, weil Eltern Dank dieser Einrichtungen keine Wahl mehr haben, ihre Kinder zu Hause zu erziehen?
Ist es zynischer Weise nicht sogar so, dass man ihnen grundsätzlich diese Qualifikation abspricht, wenn sie ihre Kinder nicht dem Leistungsdruck dieser Einrichtungen aussetzen wollen?
Wo bleibt da der Kinderschutz, wenn Kinder nicht mehr Kinder sein dürfen und das Lernen und ihre Beurteilung, ihrer diesbezüglichen Leistung, immer früher beginnen?
Meine und meines Bruders Kindheit war eine schöne Kindheit.
Dank der Kraft und der Liebe meiner Eltern, die es uns ermöglicht haben Kind zu sein.
Gut versorgt und wohl behütet, aber dennoch frei und wild und gefährlich.
Die Basis dafür war der Arbeitsplatz meines Vaters und der von meiner Mutter und meinen Großeltern bewirtschaftete Lebensraum, eine knapp geschnittene vier Zimmer Wohnung mit großem Garten, einem kleinen Vorhof und ein paar Schuppen in einer Arbeitersiedlung am Rande des Ruhrgebietes.
Meine Erziehung war kein großes Thema - die erfolgte nebenher.
Das Geld das Vater nach Hause brachte reichte aus um uns alle am Kacken zu halten, regelmäßig kleinere Urlaube und Verwandtenbesuche zu machen, die anfallenden Familienfeste zu feiern und ab und zu mal Sonntags eine Gaststätte zu besuchen. Doch dies funktionierte nur deshalb, weil die Arbeit daheim mit dem Haushalt und den Kindern und dem großen Nutzgarten von meiner Mutter und meinen Großeltern zum Wohle der ganzen Familie bewältigt wurde.
Und obwohl Daheim stets ein Ansprechpartner verfügbar war, bestand doch nicht all zu viel Raum für eine besonders intensive Beschäftigung mit uns Kindern.
Und das war gut so!
Ganze Tage durfte ich verspielen, Sandburgen und Luftschlösser bauen, oft stundenlang allein, oft auch mit den Nachbarskindern - zunächst begrenzt auf Haus und Hof und Garten, dann in Rufweite rund um unser Haus in unmittelbarer Nachbarschaft, später dann in ferneren Gefilden, den verwilderten Grundstücken zwischen Abraumhalden und Werksgeländen, entlang des Kanals und auf zerfallenen Bunkeranlagen und in den etwas weiter weg liegenden Waldstücken.
Erziehung fand großteils in der Gruppenerfahrung statt, im Spiel mit anderen wilden Gesellen unterschiedlichen Alters, beim Bunkerfangen, Räuber - und Gendarm Spielen, Verstecken, Knickern, Seilspringen, Gummitwist, Indianer Spielen, Hinkeln, Straßenhockey, Buden bauen, Banden bilden etc., in der direkten Begegnung mit dem Leben.
Und der Dreh und Angelpunkt für all das war unser Zuhause, die eigene Mutter oder die Mütter anderer Kinder, vertraute Menschen die einfach immer da waren wenn man mit aufgerissenem Knie oder wegen einer erlittenen Ungerechtigkeit oder der Erfahrung von Ablehnung oder was auch immer mit von Tränen getrübtem Blick nach Hause kam um Trost und Zuwendung zu empfangen.
Und während man sich dann auf dem Schoß von Mutter oder Opa langsam beruhigte, wurde Anteil genommen an dem Erlebten und es wurde durch Geschichten von ähnlichen Erlebnissen der Eltern oder von Verwandten ein Bezug zu dem gerade Erlebten hergestellt und darüber gesprochen wie mit diesen Erlebnissen umgegangen worden war und wie man sie eventuell hätte vermeiden können.
Und dann gab es vielleicht noch ein Butterbrot oder ein Stück Kohlrabi auf die Hand und man wurde wieder in die Welt entlassen - auf zu neuen Abenteuern und hinein in die Selbstfindung.
Und das war gut so.
Und so wie ich es erfahren und für gut befunden habe, so habe ich es fortgeführt mit meiner Familie und mein Bruder tat es eben so mit seiner Familie und unsere Kinder führen es genau so weiter, wie es in unserer Familie schon immer gehandhabt wurde - ganz einfach weil es gut tut es so zu tun.
Das ist unsere Familienkultur, die über Jahrhunderte hinweg eine große Anzahl selbstbewusster, gesunder, äußerst lebensfroher, streitbarer, verlässlicher und kreativer Zeitgenossen produziert hat.
Wie andere Menschen ihr Leben gestalten und mit ihrem Nachwuchs umgehen, das ist mitunter bedauerlich, doch letztlich ist es deren Angelegenheit.
Wir jedenfalls würden eher in Armut am Rande dieser Gesellschaft leben, als die Entwicklung unserer Kinder in die Hände fremder Leute zu legen.