Am nächsten Tag kam einer, gleich nach dem Frühstück. Er wollte Frischfleisch und Verkehr ohne Gummi. "Ich hatte panische Angst, weil ich nicht wusste, wie ich reagieren soll." Dann begann er sie zu würgen, ihren Kopf nach hinten zu drehen. Todesangst. Nur zufällig hörte ein anders Mädchen, dass etwas nicht stimmte. Sie kam angerannt, stieß die Tür auf und zerrte den Mann von ihr weg. "Ich war drei Tage lang nicht arbeiten, aus Angst, hatte Würgemale am Hals. Eine Kehlkopfquetschung. Aber am vierten Tag ging ich wieder hin, die Gier, so viel Geld zu verdienen, hatte die Angst verdrängt. Die Gier gewinnt immer."
Sie erzählt mir, als ihr zum ersten Mal (damals noch in Tschechien) mit einem Freier der Gummi platzte. Sie hatte solche Angst bekommen, sich etwas geholt zu haben, dass sie panisch zu den anderen Mädchen lief. "Ich weinte, und sie haben gefragt, was denn los sei? Und ich sagte: Den Gummi hat's z'rissn'. Und sie haben gelacht und meinten: Na geh, Baby, das ist doch kein Grund zum Weinen." Und dann haben sie weitergelacht.
Ihrer Familie hatte Angelika stets erklärt, dass sie in einem Restaurant arbeitete - als Kellnerin. Bis sie die Mutter eines Tages zur Rede stellte, warum sie so viel schwarze Kleidung einkaufe: Miniröcke, Strapse, Netzstrümpfe und so weiter. "Irgendwann war es nicht mehr zu leugnen, ich gab alles zu, und Mutter erzählte es der Familie. Sie waren alle sehr böse. Und der Vater sprach zwei Jahre lang kein Wort mehr mit mir. Wenn ich zu Hause anrief, nahm er manchmal den Telefonhörer ab und rief: Mutter, komm, die H*** ist am Telefon."
Wenn Angelika heute in Wien inseriert, betont sie stets, woher sie stammt, dass sie Tschechin ist - wo doch tschechische Mädchen in der Branche als besonders hübsch gelten. Nur Deutsch muss man schon sprechen, die Kunden wollen schließlich auch reden. Angelika hat die Sprache tatsächlich gelernt - sie bat Stammgäste, ihr Hausaufgaben zu erteilen, die diese wiederum beim nächsten Besuch korrigierten. Und dazwischen lernte sie Vokabeln. "Ich habe Geld verdient und dabei Deutsch gelernt, nicht schlecht oder?"
Dann schaut sie mich länger an und sagt: "Ich habe zwei Gesichter. Wenn ich arbeiten gehe, drehe ich meinen Kopf einfach um, es macht klick, und ich bin jemand anderer." Zwei Leben. Ein Körper. Dazwischen Erinnerungen.
Einmal kam ein Freier, sie sah ihn an: "Bitte kannst Du dich duschen?", schickte ihn dreimal ins Bad, weil er so verdreckt war. Als das alles nichts nützte, wurde sie wütend: "Alter, du bist sechsunddreißig und weißt nicht, wie man sich ordentlich wäscht? Jetzt zieh die Vorhaut zurück, nimm etwas Seife und tue dich ordentlich waschen, Sau du! Er wusch sich natürlich nicht und ging lieber zu einer anderen. Angelika muss sich verabschieden, unsere Zeit ist um, sie muss arbeiten gehen. Geld verdienen. Vor was sie wirklich Angst hat? Sie lacht: "Spinnen, an die darf ich gar nicht denken! Weißt du, was mir gerade einfällt? Als Kind hatte ich oft Albträume, ich hatte Angst zu sterben, ohne diese Welt verstanden zu haben. Also wollte ich ein Heilmittel finden, damit alle Menschen ewig leben und nie mehr sterben müssen. Ich dachte, es sei das Paradies." Experten zufolge "verdienen" Prostituierte im Übrigen 200.000 Euro im Jahr - wenn sie jung sind und gut im Geschäft. Klarerweise sehen sie davon reichlich wenig, egal ob in Wien oder auf der E55. Nur die Kunden ähneln einander: Sie sprechen Deutsch und haben fast immer Familien. (Michael Stavaric, DER STANDARD, Print, 21.12.2007)