Ich kann mir gut vorstellen, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen und auch, was eigentlich der Stein des Anstoßes für diesen Franzke (ich glaube er hieß so) war, diese Texte zu verfassen.
In den letzten beiden Bänden wird eine (fiktive!) Praxis der "Seelenteilung" beschrieben, bei der der Zaubernde seine Seele in zwei Teile spaltet und einen Teil in einen Gegenstand "sperrt". Dabei wird die Persönlichkeit des Zaubernden bei jeder erneuten Teilung bis zur "dämonischen" Boshaftigkeit "verstümmelt". Da sich die Religion vom Grundsatz her als Seelenheil und Rettung der Seele versteht, liegt es für sie nahe, hier eine Anleitung für dämonische Magiepraktiken zu vermuten.
Hinzu kommt, dass die (fiktive!) Teilung der Seele der Erzählung nach durch einen Mord sozusagen als Katalysator zustande kommt. Wenn man den Text nun nicht als Unterhaltungslektüre verstehen will, sondern als Anleitung zu irgendwelchen satanischen Ritualen, kann man das durchaus auch als Aufforderung zum Kapitalverbrechen verstehen.
Der Zaubernde erlangt durch diese "Seelenteilung" quasi eine Art Unsterblichkeit, da er sich durch Erhalt der eingesperrten "Seelenteile" am Leben erhalten kann. Die Religion aber nimmt für sich in Anspruch der einzige Weg zu sein, der Seele Unsterblichkeit zu erlangen, wenn man sich an die religiös vorgegebenen Dogmen hält.
Soviel zu dem Mißverständnis, das ich hier sehe. Ein Mißverständnis deshalb, weil tatsächliche "magische" Praktiken erstens völlig anders funktionieren und zweitens auf einer anderen Wahrnehmung der Umgebung und des Selbst beruhen. Eine magische Handlung ist naturgemäß weder gut noch böse, weil die Natur selbst weder gut noch böse ist. Ein Vorgang, der für den einen etwas Positives bewirkt, verursacht bei einem anderen etwas Negatives. Das ist sozusagen die natürliche Balance. Zum Beispiel löscht eine Raubkatze ein Leben aus, um das Leben ihrer Junge damit zu erhalten.
Ich persönlich habe alle Harry Potter Bücher mit Begeisterung gelesen. Es ist schöne, leicht zu lesende Unhaltungslektüre - mehr nicht. Weiterhin gibt es darin deutliche Kritik am gegenwärtigen und vergangenen sozialen Gesellschaftssystem. Rowling greift hier die (schwierige) Thematik der faschistischen Rassentrennung und den Umgang in der Gesellschaft damit auf. Sowie sehr nette, fast schon philosophische Ansichten über das unbekümmerte Kindsein als Erwachsener trotz aller Sorgen und Repressalien.
In einem Punkt muss ich trotzdem recht geben... ich bin ebenfalls der Meinung, dass gerade zu den letzten Büchern hin, diese eigentlich nicht mehr in Kinderhand gehören. Das sind keine Kinderbücher mehr. Ich kann von einem zehn- oder zwölfjährigen Kind nicht verlangen, dass es sich in vollem Umfang mit den von mir im letzten Absatz angesprochenen Themen auseinander setzt. Da es gerade in Band 6 und Band 7 aber hauptsächlich darum geht und die Ereignisse nur dadurch richtig begriffen und verarbeitet werden können, denke ich, dass Kinder damit ein wenig überfordert sein könnten. Da ich keine Psychologin bin, mag ich mich natürlich hier auch irren - ist nur meine persönliche Meinung.
Was die Bibel als "Wort Gottes" betrifft, so denke ich, dass einige Leute einem Irrglauben aufsitzen. Die Urschriften der Bibel waren für die damalige Bevölkerung so eine Art Gesetzesbuch, wie für uns das GG. Sie sollte grundlegende Gesellschaftliche Wertenormen festschreiben. Damit aber die Bevölkerung diese auch akzeptiert wurden die Texte mit anschaulichen, mündlich überlieferten Erzählungen und Anekdoten versehen, die leicht zu verstehen waren.
Wer beim Lesen dieser Texte das Gefühl erfährt, erleuchtet zu werden, hat vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben über den Sinn dieser Wertenormen nachgedacht und ihn verstanden. Im Grunde genommen ist das nichts Negatives. In dem Sinne mag derjenige diese Erfahrung auch nennen wie er lustig ist. Wenn er meint "Gott" hätte zu ihm gesprochen, darf er doch ruhig dieser Meinung sein. Bedenklich finde ich daran nur die Ableitung dieser Erfahrung auf das geschriebene Wort. Auch wenn die persönliche Erfahrung in dem Moment sehr beeindruckend ist, sollte man soviel Vernunft besitzen, das nicht auf die paar bedruckten Seiten zu übertragen. Vor allem sollte man Abstand dazu nehmen, alles was sich direkt oder indirekt darauf bezieht für bare Münze zu nehmen. Das ist nämlich sehr gefährlich für die eigene Wahrnehmung und den eigenen Verstand. Vom Glauben zum Fanatismus ist nur ein kleiner Schritt - und Fanatismus hat noch niemandem etwas gebracht!