Ich habe auch kaum wirkliche Freunde, sondern nur wenige Bekanntschaften. Offenbar ist es heute so üblich, andere auszugrenzen, deren Leben nicht so verläuft wie das der breiten Masse. Alle Freundschaften aus dem Studium sind bei mir eingeschlafen, spätestens, sobald die anderen verheiratet waren bzw. ich schneller einen adäquaten Job fand. Bei den zwei Schulfreundinnen, zu denen noch ein loser Kontakt besteht, bin nahezu immer ich diejenige, die sich meldet. Klar, zwei- bis dreimal im Jahr (öfter wage ich gar nicht, mich zu melden) macht man dann etwas Smalltalk oder wird höchstens mal zur Familiennachfeier des Geburtstags eingeladen. Aber ich könnte da nie alle paar Wochen oder gar Tage spontan anrufen, nur um zu fragen, wie es geht, ohne das Gefühl zu haben, lästig zu fallen und bedürftig zu wirken. Und ich werde auch nie mal spontan von diesen Personen angerufen. Sie interessieren sich nur für ihre eigene Familie und für Freunde und Bekannte, die ähnlich leben wie sie und damit wohl eher salonfähig sind als ich als Alleinstehende ohne Kinder.
Ich bin beruflich sehr beansprucht, habe täglich Stress mit vor Ehrgeiz platzenden Kollegen, die ihre Ellenbogen ausfahren. Außerdem seit Jahren sehr belastende Probleme mit meiner psychisch kranken Schwester, die mit 48 Jahren noch nie gearbeitet hat, jetzt erstmals zum Jobcenter gegangen ist. Unser gemeinsam ererbtes, von ihr allein bewohntes Elternhaus wird bald zwangsversteigert werden, weil sie sich einem Verkauf widersetzt, aber kein Geld hat, um mich auszuzahlen oder die laufenden Kosten und Sanierungsarbeiten zu finanzieren. Mit Selbstmorddrohungen und dergleichen wurde ich von ihr schon unter Druck gesetzt. Vielleicht spitzt sich das Ganze demnächst noch dramatisch zu, falls es zur Zwangsräumung kommt. Den Menschen, der dabei immer fröhlich und unbekümmert ist, möchte ich mal sehen!
Wie soll man dabei für Freunde attraktiv sein? Solche Sorgen anhören zu müssen, nervt auf Dauer jeden. Meines Erachtens kann man nur dann Freunde haben, wenn man einigermaßen Glück im Leben hatte. Hat man das nicht und lebt man folglich anders, wird man geräuschlos fallen gelassen. Dann interessiert sich niemand mehr für einen. Das geht ganz schnell.
Für völlig falsch halte ich es, den anderen dann auch noch nachzulaufen, sich anzustrengen, besonders aufmerksam und gefällig zu ihnen zu sein. Den Fehler habe ich immer gemacht, viel zu lange! Das wird aber nicht wertgeschätzt, im Gegenteil: Man wird ausgenutzt und zumindest hinterm Rücken belächelt. Die anderen wissen sehr genau und lassen einen auch spüren, dass sie aufgrund ihrer ganzen Lebenssituation die Überlegenen und auf Leute wie mich nicht angewiesen sind. Also geht es einem dann am besten, wenn man seine Mitmenschen höflich-unverbindlich auf Distanz hält und versucht, allein das Beste aus seinem Leben und seiner Freizeit zu machen. Schließlich braucht man ja nicht für alle Freizeitaktivitäten eine Begleitung.