Der "böse Wille" untersellt eine "böse Absicht". Man könnte meinen, hätte jeder Mensch ein soziales Gewissen, hätten wir diese Probleme nicht.
Ich denke, dass die Umverteilung des Vermögens von unten nach oben systemimmanent ist. Es gibt einige interessante Studien darüber, dass die sog. "Arm-Reich-Schere" dem Potenzgesetz folgt und somit eine mathematische Zwangsläufigkeit besitzt dadurch wie u.a. Investitionen funktionieren, nämlich multiplikativ und nicht kumulativ. Die Logik dahinter ist einfach. Idealtypisch nehmen wir an, dass jeder Mensch das gleiche Investitionsgeschick und das gleiche Startkapital besitzt. Nun fangen die Menschen an, mit ihrem Kapital zu handeln, es zu investieren. Einige werden ihr Kapital verlieren, andere werden ihr Kapital vervielfachen, allein durch Zufall. Menschen, die wenig Kapital besitzen, hören auf es zu investieren, da sie ihre Existenzsicherung auf's Spiel setzen. Jemand, der gerade so über die Runden kommt, hat einfach kein Kapital übrig, um es zu investieren und es zu mehren. Seine Risikobereitschaft nimmt ab. Diejenigen, die - durch Zufall - mehr Kapital generiert haben, können auch mehr Kapital wieder investieren. Einige davon werden wieder ihr Kapital verlieren, einige werden wieder ihr Kapital verfielfachen. Es entsteht ein exponentielles Wachstum, an dessen Ende einige wenige den Großteil des Kapitals besitzen. Je mehr Kapital ich besitze, desto geringer wird meine Verlustaversion und desto höher meine Risikobereitschaft. Einem Milliardär schmerzt ein Millionenverlust, aber er verliert nicht seine Existenzgrundlage oder gar sein relativen Reichtum.
Das ist eine sehr vereinfachte Betrachtungsweise von Finanzmärkten, aber ich finde sie charmant, da Märkte, insbesondere Finanzmärkte in ihrer vollen Gänze nicht erklärbar, bzw. vorhersagbar sind. Dazu gibt es zu viele Variablen. Es gibt diverse Studien, die den Schluss nahe legen, dass Aktienhandel sehr viel mehr gemein hat mit Roulette, als mit Poker. Das gleiche Problem des exponentiellen Wachstums findet sich bei Zinsen und vorallem Zinseszinsen.
Ganz gleich, ob man dem jetzt zustimmt oder nicht, stellt sich die Frage des sozialen Gewissens derer, die das Kapital besitzen.
Ich würde zwar zustimmen, dass Geld oder kapitalistische Indoktrination unsolidarisch macht, aber ich glaube, dass die Menschen "oben" keineswegs die schlechteren oder besseren Menschen sind. Ich glaube vielmehr, dass die rasante Entwicklung, die wir im Zuge der industriellen Revolution, des technischen Fortschritts und der Globalisierung unserer Wirtschaftswelt erfahren haben, unserer gesellschaftlichen Entwicklung und vorallem unserer evolutionären Entwicklung davon zieht.
Wir haben keinen emotionalen Bezug zu den Populationsgrößen, in denen wir leben. Die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte haben wir in kleinen Normadenverbänden verbacht, in denen soziale Sanktionen und das gesellschaftsmoralische Korrektiv funktionieren.
Der Obdachlose beneidet nicht den Millionär im Fernsehen, sondern den Obdachlosen neben ihm, der mehr hat als er. Wir sind Relativisten. Der Millionär vergleicht sich emotional nicht dem Bauarbeiter auf der Straße, sondern mit seinen Millionärsfreunden. Unser soziales Gewissen, dass die ganze Breite unserer Gesellschaft mit einschließen sollte, erfasst, zumindest auf gefühlter Ebene, eben nur den eigenen Erfahrungshorizont und diesen bestimmt unsere soziale Umgebung. Wir identifizieren uns nicht unbedingt mit unserem Staat und dessen gesamte gesellschaftliche Schichten, sondern mit unseren sozialen Enflussgruppen.
Deswegen würde ich "gierigen" Managern keine Absicht unterstellen. Mein Gefühl für Gerechtigkeit sagt mir, dass diese Menschen bestraft werden sollten, aber mein Verstand glaubt, dass wir das einfach als natürliches Verhaltensspektrum des Menschen akzeptieren sollten. Und da, wo der Markt nicht funktioniert, z.B. weil der Mensch seine Verantwortung an dieser Stelle nicht wahrnimmt, müssen wir ihn regulieren.
Wie genau das gehen soll? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es auch gar nicht nötig. Vielleicht müssen wir den Kollaps des Systems oder den Untergang der Menschheit einfach abwarten. Wüsste ich eine Alternative zum Kapitalismus, die nicht auf einer idealtypischen Vorstellung des Menschen basiert, dann wäre es immernoch fraglich, ob diese je umgesetzt werden würde.
so long..