Ja, die Ehrlichkeit fehlt mir auch am meisten.
Ich habe im Prinzip eine klare Vorstellung davon wie eine Beziehung sein muss.
Die ganze Welt ist voller Lug und Betrug. Da sollte die nächste Beziehung zu einem anderen Wesen wenigstens nicht genau diese falsche Welt repräsentieren sondern man sollte sich ein Refugium, eine Bastion der Ehrlichkeit schaffen können.
Dazu gehört dann logischerweise auch ausmerzen der eigenen Unzulänglichkeiten was das Thema betrifft.
Gemeinsames reifen und wachsen, aneinander.
Nach meiner Erfahrung dividiert sich eine Beziehung aber immer durch mangelhafte Ehrlichkeit eines der beiden Partner auseinander.
Jede Beziehung, die gut laufen soll, braucht auch die Bereitschaft, zusammen nach einem gemeinsanen Konsens bei Problemen zu suchen. Der andere ist ja eine eigene Persönlichkeit mit eigenen Wünschen und Vorstellungen, absolut deckungsgleich gibtxes nicht.
Will man seine Vorstellungen zu 100 % umsetzen, bliebe nur eine Beziehung mit dem eigenen Spiegelbild.
Eine funktionierende Beziehung ist eben immer wieder Kommunikation, neu aushandeln, da beide sich entwickeln, verändern.
Kurz: das, was man Beziehungsarbeit nennt.
Aber wer nimmt sich dafür Zeit, ruft sich das immer wieder ins Bewusstsein, bleibt am Ball, und lehnt sich nicht bequem zurück?
Die Prios liegen doch meist überall, nur nicht darauf, etwas für die Beziehung tun zu wollen.
So schaufeln die meisten fleißig selbst daran, dass es zu einem Nebeneinander wird oder auseinander geht.
Den inneren (faulen und ängstlichen) Schweinehund zu überwinden, ist halt nicht leicht.
Und dann müssen sich auch noch beide darauf einlassen wollen...einer alleine kann zwar am anderen ziehen, aber nicht wirklich mit ihm in Beziehung treten, wenn der andere nicht mitzieht.
Wenn ich jetzt mal ehrlich reflektiere: Uns ist diese Zeit für tiefgründige Gespräche abhanden gekommen oder es lief immer alles gut auch ohne diese. Und über gewisse Themen hatten wir von Anfang an nicht wirklich tiefgehend geredet. Man entwickelt sich als Mensch ja aber auch weiter, schleichend, langsam und merkt dabei nicht, dass es gerade dann wichtig wäre, mit dem Partner tiefsinnige Gespräche zu führen.
Da spielt dann auch wieder die Angst mit rein - in folgender Steigerungsform: Angst sich zu streiten, Trennnungsangst, Verlustangst (ich z. B. würde mich im schlechtesten Fall nicht nur von meiner Frau trennen müssen) - und deshalb sträubt man sich vor solchen Gesprächen - vor allem dann, wenn man es von Anfang an nicht gewohnt ist.
Ich finde es zimindest für mich schwierig, jetzt auf einmal so ein tiefsinniges Gespräch zu initiieren. Da denkt der Partner: "Oh, oh, da ist was im Busch..."
Diese im letzten Satz befindliche Angst lähmt dich und das ist nicht gut, entspringt sie doch rein dem, was du dir in deinem Kopf zusammenschusterst, aber nicht wirklichem Wissen.
Deine Frau wird nicht glücklicher sein als du. Nur spricht sie ebensowenig wie du. Und damit nehmt ihr euch viel, viele Chancen, gemeinsam zu wachsen und euch neu zu entdecken.
Dass ihr euch verändert habt über die Jahre, jeder für sich Entwicklungen durchlief, genügt doch völlig als Grund für Gespräche.
Beugier auf die Sicht des anderen; wie war das früher, wie siehst du das jetzt?
Was vermisst du, würdest du dir wünschen?
Wie hast du dir Beziehung vorgestellt, was könnte aus deiner Sicht verbessert werden und wo möchtest du jetzt hin?
Und ja, wenn es darum geht jmd. Kennenzulernen, den man aber eigentlich nur möchte z.B. für einen Ones, weil man ihn/sie heiß findet, kann es eben gut sein, wenn man von Anfang an mit offenen Karten spielt (tiefsinnige Gespräche initiert), dass man sofort einen Korb bekommt.
Mensch sein ist schwierig manchmal.
Ich fand nichts besser, cooler, stärker als eben diese Ehrlichkeit! Das ist mutig und fair und das beeindruckt mich.
Und da sind wir eben auch beim Thema Ehrlichkeit...sollte man selbst leben, wenn man sie wünscht und einfordert. Mit Akzeptanz der möglichen Konsequenzen.
Ehrliche Gespräche können auch zu einem Ende der Beziehung führen.
Nicht auf dich bezogen, allgemein:
Wie ehrlich ist man sich selbst und dem anderen gegenüber, wenn man das aus diesem Grund, aus der Angst vor Trennung, aus der Priorisierung der bequemeren Situation, vermeidet?
Ich kann nicht selbst unehrlich sein und mir gleichzeitig Ehrlichkeit wünschen.
Will ich mir diese Unehrlichkeit zugestehen, sollte ich mir selbst das ehrlich eingestehen. Vor mir selbst dazu stehen, dass ich eben doch nicht nach so hohen moralischen Werte lebe.
Und dann auch nicht mit zweierlei Maß messen und andere für ähnliches Verhalten von oben herab betrachten.
Ich bin ziemlich unperfekt, in vielerlei Hinsicht. Und erwarte kein perfektes Gegenüber.
Allerdings mag ich Ehrlichkeit.
Für mich ist ok, wenn es mal einen ONS des Partners gibt. Wenn er ehrlich dazu steht und nicht Treue vorgibt und Treue einfordert.
Unehrlichkeit macht es mir schwer zu respektieren, jemanden auf Augenhöhe wahrzunehmen, da ich das als Feigheit empfinde.
Und da muss ich reflektieren, ob ich mit einem auf Treue pochenden Partner einen Konsens finden könnte, mit einem zu Unehrlichkeit neigendem Partner, oder ob ich jemanden mit ähnlicher Einstellung bräuchte.
Die halbwegs richtige Antwort finde ich mir, wenn ich gnadenlos ehrlich zu mir selbst bin. Und DAS ist manchmal verflixt unangenehm. Manches möchte man über sich selbst gar nicht so genau wissen, mag nicht intensiver hinsehen.
Also vielleicht ist der erste Schritt, sich selbst besser kennenlernen zu wollen? Auch wenn's nicht immer angenehm ist?