Das eigentliche Thema ist die Frage nach der Barmherzigkeit Gottes angesichts der 'Todsünde' von Sarah, die an ihren Depressionen, ihrer schweren Erkrankung (schwere Diabetes hat häufig auch massive Auswirkungen auf die Psyche) und der Last ihres Lebens sich selbst getötet hat.
Die eigentliche Frage, die ich hier herauslese aus all den vielen Antworten und Diskussionen, ist doch, ob die Mitchristen einerseits diese Entscheidung von Sarah verurteilen und den Hinterbliebenen weiteren Kummer damit zufügen dürfen, weil die Vorstellung, daß Sarah mit ihrem Tod einen unwiderruflichen Schritt getan hat, der gegen Gottes Willen gerichtet war - und sich damit der Erlösung und dem ewigen Leben im Himmelreich Gottes entzogen hat. Weitergedacht bedeutet das neben dem Verlust im hiesigen Leben für die Eltern, daß sie auch nach ihrem Tod nicht auf ein Weiterleben in Gottes Liebe für ihre Tochter Sarah hoffen dürfen.
Ich stelle mir dieses Leid als unerträglich vor.
Ein gläubiger Christ wird in den meisten Fällen aber nicht anders können, als diese 'Verdammnis' Sarahs so zu sehen, denn: der Auftrag Gottes ist das Annehmen dieses Lebens, egal wie schwer es ist, und es obliegt seinem Willen zu entscheiden, wann es zu Ende ist. So habe ich das von klein auf gelernt. Es ist nicht entscheidend, ob der Mensch dieses Leben zu ertragen glaubt, sondern ob er genug Vertrauen in die Güte Gottes hat, alles Leid durchzustehen im Wissen, daß das irdische Leben irgendwann zu Ende geht und Gott die leidende Seele in sein Himmelreich einläßt, weil sie genug Vertrauen in seine Weisheit hatte.
Ich las hier in diesem Thread nun alle möglichen Argumente hin und her. Mir leuchtet einerseits ein, daß viele Christen einen Suizid als Todsünde gegen Gottes Gebote verstehen und ablehnen. Tun Nichtchristen (unter anderen Vorzeichen zwar) übrigens auch.
Selbsttötung hinterläßt viele offene Wunden. Auch die Frage danach, was man als Freund, Bekannter, Kollege oder "zufälliger Zeuge" hätte unternehmen können oder müssen, um den selbstgewählten Tod zu verhindern. Ich war in meinem Leben ebenfalls schon mit Suizid konfrontiert, und im Rückblick war neben Betroffenheit und auch der Frage, ob ich etwas hätte tun können, auch Wut dabei. Selbsttötung beinhaltet fast immer auch eine Art Vorwurf an die Hinterbliebenen, so wie mir auch die Hartnäckigkeit von schweren Depressionen auch Aggression, Ablehnung, ein Sich-verweigern zu beinhalten scheinen. Was macht das mit denen, die nicht eingreifen können, die sich hilflos abgewendet haben, die zurückbleiben mit dem Gefühl, sie hätten "eigentlich" etwas unternehmen müssen?
Ich denke, ein Teil wird aus Schuldgefühlen und daraus resultierendem Zorn bestehen - eine ziemlich logische Reaktion, allerdings auch eine Reaktion, die viele wohl auch vor sich selbst nicht eingestehen können. So gesehen scheint es mir zumindest nicht ungewöhnlich, daß die Leute in der von Christaluise genannten Gemeinde diesen Aggressionen unterschwellig Luft machen - "unterschwellig" deshalb, weil sie den Hinterbliebenen damit ihre eigenen Gefühle der Unzulänglichkeit aufbürden und damit auch versuchen, sich als "bessere Christen", weil sie ja "nur" Gottes Willen damit kundtun, aufzuwerten.
Das ist das eine, was mir so durch den Kopf ging.
Das andere betrifft mikenulls wiederholte Hinweise, daß ein gläubiger Christ die Bibel und die Gebote Gottes nicht einfach so hindrehen und uminterpretieren darf wie's ihm in den Kram paßt.
Stimmt und stimmt nicht!
Stimmt deshalb, weil Gottes Gebote unumstößlich sind.
Stimmt deshalb nicht, weil die gesamte Bibel - ob nun unter "Federführung Gottes" oder einfach aus fehlbarer, weil menschlicher Hand, eine Sammlung von Schriften über mehrere Jahrtausende ist, die von Begegnungen mit Gott und seinen Aufträgen an die Menschen (richtiger eigentlich: an das jüdische Volk, welches das Volk Gottes ist) berichtet. Immer wieder gab es Propheten, Offenbarungen, Prüfungen und Gottes direktes Eingreifen in das Schicksal seines Volkes. Das war immer ein dynamischer, lebendiger Prozeß - so kam es immer wieder auch zu scheinbaren Widersprüchen.
Mit Jesus' Wirken - der nicht nur ein frommer Jude war, sondern einer, der in der für schriftgelehrte, gläubige Juden typischer Manier sich mit anderen gelehrten Juden über die Auslegung der Schriften immer wieder auseinandergesetzt, gestritten, andere widerlegt und auch verhöhnt hat (kenne mich in anderen Kulturen nicht so aus, aber wenn es je eine Stammform eines modernen "Debattierclubs" gab, dann waren das ganz sicher jüdische Schriftgelehrte 😀) ist das Christentum entstanden. Das Neue Testament mag nur im Zusammenhang mit dem Alten Testament verstanden werden, genauso und noch mehr wird es aber gerade vor dem Hintergrund des Alten Testaments mißverstanden.
Weil Jesus ganz klar die alten Schriften nicht wörtlich verstanden hat, weil er Nächstenliebe statt Auge um Auge gepredigt hat, weil er Versöhnung und Liebe gepredigt hat statt reine Buchstabentreue, wie sie von den Schriftgelehrten gefordert und gelehrt wurde. Ob das letztlich zu seiner Hinrichtung geführt hat oder ob sein Bekenntnis, er sei der verheißene Messias, Gottes Sohn sei (war vielleicht ein Spürchen zu viel des Guten) kann ich nicht beurteilen, ist im Grunde auch egal. Fakt ist: Jesus selbst hat dazu aufgerufen, das eigene Mitgefühl, Liebe, auch Fehlerhaftigkeit im Leben zuzulassen, zu erkennen und an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten mit dem Versprechen der Erlösung von Schuld.
Was folgt daraus? Ich denke, wer die Botschaft Jesus' ernst nimmt, wird die Gebote ernst nehmen und versuchen, nach ihnen zu leben. Darüber hinaus aber auch erkennen, daß kein Mensch vollkommen ist. Ein gottgefälliges Leben wird nicht darin bestehen, buchstabengetreu und fehlerfrei an jahrtausendealten Schriften zu kleben, sondern die tägliche Arbeit an sich selbst und dem, was das Innerste als richtig und wahr erkennt. Auch wenn das vielleicht nicht dem entspricht, was geschrieben steht: bezugnehmend auf Christaluises Thema also, ohne den Gedanken an "Schuld" im Zusammenhang mit Sarahs Selbsttötung zu erkennen, daß ein Mensch die Last seines Lebens nicht mehr ertragen konnte - Mitgefühl, Trauer, vielleicht auch das Zulassen eigener Hilflosigkeitsgefühle und VOR ALLEM auch Mitgefühl für die Hinterbliebenen. Nicht mehr und nicht weniger. Das Richten über Sarah und alle anderen liegt in Gottes Hand, darüber haben Menschen nicht zu befinden.