@Lili Marleen, du bist in deinem "Glauben" bzw. Nichtglauben zu ähnlichen Ergebnissen gekommen wie ich.
Christas Frage aber zielte auf weit mehr als "nur" Glauben ab, denn ich habe bei Christa schon den Eindruck, daß sie sehr wohl weiß, worauf sie vertraut und was ihr Halt gibt. Was ich in diesem Thread lese ist ein weiterer dieser mühsamen Rechthaber-Dispute, der zweifellos an anderer Stelle auch anregend und inspirierend sein könnte.
ABER: woran Christa und ich und viele andere immer wieder an ihre Grenzen stoßen ist das, was andere im Bemühen, unbedingt ihre klugen Erkenntnisse verteidigen zu müssen, offenbar übersehen. Nämlich, daß ein religiöser Glaube eine unendlich tiefe Dimension haben kann, die weit über das hinaus geht, was hier diskutiert wird. Daß er Halt, Trost und spirituelle Erweiterung des Selbst sein kann, und daß die Erschütterung oder der Verlust dieses Glaubens eine so große Verlassenheit und Leere zur Folge haben kann, die nicht durch "Such dir halt mal Leute, die für dich da sind" aufgefangen werden kann. Glaub mir ruhig, daran sind Menschen schon zerbrochen!
Was willst du Christa eigentlich beweisen, daß ihr Glaube an Jesus Christus Käse ist? Für sie ist er Trost und bietet Beständigkeit und eine Perspektive, die weit über das hinaus geht, was sie bisher in ihrem christlichen Umfeld erfahren durfte. Weil nicht "die Christen" und deren Tun Inhalt des Glaubens sind, sondern die Botschaft von Jesus, die da sagt: verzweifle nicht an den Menschen, verzage nicht, wenn du siehst, daß sie sich nicht so verhalten, wie du dir das von einem guten Menschen wünschst, versuche auf deinem Weg der Nächstenliebe und der Fürsorge und des Vertrauens zu bleiben, weil Gott ist und bleibt und dich auch dann nicht fallen lassen wird, wenn du in dieser Welt leidest.
Auch wenn mir dieses Gottvertrauen schon lange nicht mehr gegeben ist, ich weiß noch sehr gut, was für eine bodenlose Leere ich empfand als ich erkannt habe, daß mir dieses Vertrauen fehlte. Hätte mich damals nicht "mein" Jesuitenpater in vielen seelsorgerlichen Gesprächen aufgefangen und mir vermittelt, daß er auf menschliche und verstehende Weise für mich da war, ich hätte mich vermutlich umgebracht.
Ich verstehe sehr gut, Christa, wie man durch Depressionen und die Erfahrung, wie wenig Menschen im Grunde bereit sind, für einen da zu sein, leidet. Ganz besonders, wenn das, was sie verbinden sollte, nicht wirklich gelebt wird, sondern nur als bloße Klugscheißerei zur Schau getragen wird (entschuldige meine drastische Ausdrucksweise). Diese Haltung ist nicht nur bei Christen präsent, sie ist mir von klein auf begegnet und ich habe von klein auf deshalb darunter gelitten, weil ich als Zögling eines SOS-Kinderdorfs immer vermittelt bekam, wie dankbar ich für Spenden, Wohltätigkeit, Güte und was-weiß-ich sein müßte. Die Menschen dahinter waren selten das, wofür sie sich ausgaben.
Es ist gut, daß du dich in deinem Glauben nicht erschüttern läßt, und ich meine gelesen zu haben, daß es vereinzelt Menschen gibt, die dir immer wieder auch zeigen, daß du als Mensch, der menschlich handelt und fühlt, nicht alleine stehst.