Ich darf mich dann mal mit der Beschreibung meiner Mängel einreihen, ja? Ich habe da auch so Einiges aufzuweisen, das mich anscheinend als extrem unterdurschnittlich aussehenden Menschen einstuft.
Ich wiege bei 1,70 ganze 115kg. Ich bin extrem blass und sobald mir warm ist, werde ich schweinchenrosa bis krebsrot, was heißt, ich laufe den ganzen Sommer wie Miss Piggy durch die Gegend. Ich habe einen starken Damenbart und muss mich praktisch jeden Tag rasieren (Epilieren tut zu weh, von Cremes bekomme ich Ausschlag). Meine Zähne sind von Natur aus leicht gelb. Meine Augen sind winzig und haben dicke lila Ränder drunter - schwaches Bindegewebe halt. Wenn ich lächel, ist mein Mund extrem schief, außerdem steht mein linkes Ohr ab. Wurstfinger habe ich auch noch. Und für eine Frau Riesenfüße.
Ach ja, habe ich übrigens schon erwähnt, dass ich gern in den Spiegel schaue und mich verdammt hübsch finde? 😛
Ernsthaft, auch wenn mich gleich die Hälfte der Leute hier steinigen, Aussehen hat extrem viel mit Ausstrahlung und guter oder eben schlechter Einstellung zu sich selbst zu tun.
Damit will ich garantiert nicht sagen, dass es soetwas wie schön oder hässlich nicht gibt - es ist ja nun doch wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen mit sehr symmetrischen Gesichtszügen als am schönsten empfunden werden, und für alle Abweichungen gibt es Punkteabzug - und dann noch mehr Punkteabzug für Pickel, gelbe Zähne, strähnige Haare, etc. etc. Auch, dass generell erst einmal instinktiv auf schöne Menschen positiver reagiert wird als auf weniger schöne, glaube ich gerne. Tue ich nämlich auch gelegentlich - oberflächlich in der Hinsicht sind wir alle, manche mehr und manche weniger.
Trotzdem ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht, ob jemand, der eben objektiv nicht so ästhetisch ist wie manch andere, sich selbst zum Kotzen findet und nur darauf wartet, wieder gesagt zu bekommen, wie hässlich er doch ist bzw. irgendwie benachteiligt zu werden, oder ob er sich selbst akzeptiert und ihm die Meinung von anderen Leuten Leuten - oder gar von Würstchen, die armselig genug sind, sich über andere lustig machen zu müssen - egal ist.
Ich war früher, sagen wir mal zwischen 16 und 24, der Typ Mensch, der sich selbst nicht ausstehen konnte - eben wegen oben aufgelisteter Mängel (wobei ich damals sogar einiges weniger wog), und weil ich mir viel zu viel draus gemacht habe, wenn mir irgendwer "Fette Sau" oder ähnlich Schmeichelhaftes hinterhergeblökt hat. Wenn ein(e) potentielle(r) Partner(in) sich nicht für mich interessierte, musste das natürlich sein, weil ich zu hässlich war. Dass ich in der Schule gemobbt wurde, lag selbstverständlich an meiner Hässlichkeit. Und so weiter und so weiter. Dass ich damals rumgelaufen bin wir sieben tage Regenwetter, aus Angst vor Ablehnung keinem in die Augen schauen wollte und generell abweisend und völlig unsicher rüberkam, spielte sicherlich überhaupt keine Rolle 😉
Inzwischen hat sich an meinem Aussehen einzig geändert, dass ich gut 20kg zugenommen habe. Ab und an benutze ich jetzt Schminke oder ziehe mal hohe Schuhe an, sonst ist alles beim Alten. Trotzdem fühle ich mich um Welten besser, finde mich viel hübscher. Was juckt es mich, ob mich die Leute hübsch oder hässlich finden? Anpassungsversuche durch Nachmachen von Kleidung, Frisuren oder Schminke hab ich aufgegeben, das war ich nicht. Ich ziehe nur noch das an, was mir gefällt, trage die Frisur, die ich schön finde, etc. Ich bin sicher, das merkt man auch, und ich bekomme überwiegend positive Reaktionen. Es ist Jahre her, dass ich wegen meiens Aussehens irgendwie erkennbar angemacht wurde, und ich kann nirgendwo irgendwelche Nachteile für mich feststellen. Auf freundliche Stimme und freundliches Lächeln bekomme ich dasselbe zurück. Ist das jetzt Magie oder liegt es vielleicht doch zum Großteil an mir?
Übrigens bin ich bei weitem keine Gute-Laune-Kanone, sonst müsste ich nicht zum Psychologen rennen und Antidepressiva nehmen. Aber Die Komplexe wegen des Aussehens habe ich mir abgewöhnt. Ich hab wichtigere Dinge, um die ich mich im Leben kümmern muss.
Zur Partnerwahl: Ich möchte auch hübsche Partner(innen) haben. Allerdings gehen da die Definitionen doch sehr auseinander - all meine Exfreundinnen und Frauen, in die ich bisher verliebt war, waren beispielsweise dick, und nichts macht mich bei Männern so schwach wie eine überdimensionale Nase, am besten mit Knick drin. Narben finde ich total sexy. Es gab da einen Mann, der war extrem dürr, hatte eine schlechte Haltung, war picklig, hatte schiefe, gelbliche Zähne, fettige Haare und eine zu große Nase. Ich habe ihm monatelang hinterhergeschmachtet.
Was ich zum Schluss betonen möchte: Mir ist natürlich klar, dass es durchaus Menschen gibt, die einfach mit ihrem Aussehen sehr aus dem als "normal" definiterten Rahmen fallen. Meine "Mängelliste" wirkt dagegen ziemlich lächerlich, vor allem weil sich davon einiges kaschieren lässt. Ich will niemandem auf die Zehen steigen und sagen: "Nun hör auf zu jammern und sei einfach gut gelaunt, dann finden dich die Leute automatisch schöner" - das wäre albern von mir und würde das problem dieser Leute nicht ernstnehmen. Aber es ist meiner Meinung nach trotzdem verschwendete Energie, sich ständig wegen etwas fertigzumachen, das man nicht wirklich ändern kann.