HEUTE würde ich nach deinen Maßstäben wohl gar nicht erzogen - es mir vorleben zu lassen hätte nichts gebracht, ich hab Regeln gebraucht, keine Vorbilder. Kinder sind häufig so.
Nein, ich plädiere keineswegs für eine rein antiautoritäre Erziehung, denn diese halte ich ebenfalls nicht für konstruktiv. Natürlich gibt es Grenzen, die Kinder erst lernen müssen. Wichtig ist mir aber vor allem, WIE ich diese Grenzen einem Kind vermittle. Ob es diese sozialen Regeln später freiwillig akzeptieren kann, oder ob jemand sogar zu krassen Sanktionen greifen muss, um diese Werte unter einem harten Zwang vermitteln zu müssen.
Ich wende mich nur engagiert gegen repressive und mit psychischer Gewalt verbundene Methoden in der Erziehung. Der Klaps auf den Po muss deswegen ja noch längst nicht automatisch dazugehören. Es gibt für mich in der Erziehung ohnehin kein Richtig oder Falsch. Wenn es nicht mehr in der Natur des erziehenden Menschen liegt, dem Kind gegenüber verantwortungsvoll und stimmig aufzutreten, dann ist für mich eh Hopfen und Malz verloren, dann geht es in die Hose.
Meines Erachtens ist ein verantwortungsvolles Verhalten gegenüber dem Kind immer dann nicht mehr gegeben, wenn die Eltern ihre eigene kindliche Seite selbst gar nicht mehr zur Verfügung haben, weil sie ihnen bereits selbst sehr früh ausgetrieben wurde.
Vor allem, woher willst du denn so genau wissen, wie eine andere Erziehung bei dir gewirkt hätte? Diesen Vergleich hast du ja nicht, den hat wohl auch niemand. Wenn Strenge stimmig ist, dann spüren Kinder das nach meiner Erfahrung im Nachhinein auch. Und wenn die Kommunikation nicht unterbrochen wird, dann ist es ja durchaus ok, Grenzen zu ziehen.
Dafür muss ich aber nicht gleich zu einem Tyrannen werden, der quasi gottgleich etwas erlaubt oder verbietet, je nach Wohlgefallen des Kindes. Viele Eltern wissen sich aber anscheinend nicht anders zu helfen. Oder es steht manchmal sogar Eigennutz dahinter. Denn ein gut angepaßtes Kind wurde ja leider auch mal sehr gerne als ein persönlicher Erfolg in der Erziehung verbucht. Das ist dann aber für mich die allerschlimmste Form von Unterdrückung. Und eine solche Instrumentalisierung der eigenen Kinder für das eigene Ego ist vor allem leider keineswegs selten.
Ich finde deinen Standpunkt bei allem Respekt ziemlich überzogen, und wenn ich als Jugendliche, Nicht-Mama und Querkopf das sag will das wohl was heißen... übrigens gelte ich als ziemlich unabhängig, regelunkonforum und individuell, das hat mir also alles nicht geschadet. 😉
Dass der autoritäre Erziehungsstil nicht schadet, das behaupten ja insbesondere immer diejenigen, die überwiegend autoritär erzogen worden sind. Das ist ja nichts Neues. Das kindliche Verhalten muss wohl auch eine besondere Herausforderung sein, wenn man auch selbst schon sehr früh gemaßregelt wurde. Es gibt nur zwei Wege für ein Kind, einer stark unterdrückenden Erziehung auszuweichen. Der eine führt in die Rebellion gegen die Eltern und der andere führt in die Überanpassung nach außen. Wahrscheinlich findet man oft sogar eine Mischung aus beiden Anteilen.
Zweifelsohne hat sich ja bereits etwas bei der Erziehung getan, so dass sich wohl deswegen der damals gegensätzliche Versuch einer gar völlig abwesenden Erziehung in der 68er Zeit ergeben musste. Aber bestimmt auch nur deswegen, weil es sehr wichtig geworden war, den lange vorherrschenden autoritären Erziehungsstil endlich gründlich zu hinterfragen. Weil dieser stets die Menschen sehr früh gebrochen hat, mit all den schlimmen Folgen, die das gehabt hat.
Nach meinem Eindruck ist es aber auch heute noch längst nicht gegeben, dass eine wirklich kindgerechte Erziehung schon so selbstverständlich geworden wäre. Gerade diejenigen, die meinen, das allein über ihr vermeintliches Wissen über Erziehung regeln zu müssen, die sind mir zutiefst suspekt. Ich denke, auch Erwachsene haben, insofern sie selbst psychisch gesund geblieben sind und eine kindgerechte Erziehung genossen haben, sicherlich noch ein gewisses Verständnis für das kindliche Verhalten. So dass sie es auch nicht gleich völlig verurteilen müssen.
Aber gerade das vermisse ich leider oft, anstatt dieser wichtigen Intuition gibt es bei manchen Eltern oft nur noch die Regeln, mit denen das "abweichende" Verhalten des Kindes unbedingt korrigiert werden muss. Was dann an die Stelle einer echten Kommunikation mit dem Kind tritt. Ich glaube, wenn das tiefere Verständnis für das Verhalten des Kindes einfach dem Erwachsenen fehlt, dann muss er wohl auch sogar zu autoritären Maßnahmen greifen. Weil eben nicht sein darf, was man selbst nicht mehr kennt. Dann wird dem Kind sein Kindsein auch abgesprochen. Und das, finde ich, ist leider auch heute noch weit verbreitet, weil es eine lange Tradition gehabt hat.