Liebe Ella,
ich hatte in meinem Leben bisher das Glück, dass eigentlich immer in den dunkelsten Zeiten Menschen in mein Leben getreten sind, die mich erstaunlich gut verstanden haben. Dieses Gefühl, dass einen jemand so versteht und annimmt, wie das bis dahin noch niemand tat, kann glaub ich sehr leicht mit Verliebtheit verwechselt werden, oder auch tatsächlich zu Verliebtheit führen.
Bei mir kamen diese Menschen (zum Glück?) nie für eine Beziehung in Frage (zu alt, weiblich, etc.). Aber die Gefühle waren trotzdem sehr ähnlich, wie du sie auch beschreibst. Ich möchte das, bei der Person, wo es am intensivsten war, näher beschreiben. Vielleicht findest du dich darin wider.
Ich litt zu diesem Zeitpunkt sehr unter einer gerade in die Brüche gehenden Beziehung. Und ich konnte irgendwie mit niemandem reden. Ich hatte anscheinend nie gelernt, mit meiner Familie oder mit Freunden wirklich über meine Gefühle und Probleme zu sprechen. Und fraß alles nur in mich rein. Bei diesem Menschen (50 Jahre älter als ich!) konnte ich plötzlich reden. Erstmal tat das einfach nur gut. Ich fühlte mich so verstanden, so angenommen, wie nie zuvor im Leben. Die Entfernung zwischen uns ist recht groß, deshalb hielten wir hauptsächlich über E-Mail, Handy, Telefon Kontakt. Aber ich merkte schon bald, wie sich bei jedem Piepen meines Handys der Pulsschlag erhöhte, in der Hoffnung, es ist eine SMS von ihm. Ich sehnte mich so unglaublich nach ihm. Es tat so gut, zu wissen, dass er an mich denkt, dass er mir zuhört und mich versteht. Wenn wir uns trafen fühlte ich mich so wohl, wie mit niemandem sonst. Wenn er mich zur Begrüßung umarmte, war ich selig und nachdem er zum ersten mal (auf freundschaftlich mitfühlende Art), meine Hand gedrückt hatte, merkte ich wie ich mich danach sehnte häufiger so von ihm berührt zu werden.
Als ich schließlich diese extrem starke Sehnsucht nach seiner Nähe und seiner Fürsorge vor mir selber nicht mehr leugnen konnte, hat mich das total verwirrt. Diese Gefühle waren viel stärker und intensiver als alles, was ich bis dahin für Verliebtheit oder Liebe gehalten hatte. Ich war mir zwar (im Gegensatz zu dir) absolut sicher, dass ich mir keine Partnerschaft, keinen sexuellen Kontakt, kein Küssen und Kuscheln mit im wünsche (was wohl vor allem am extrem Altersunterschied lag), aber trotzdem waren die Gefühle und die Sehnsucht nach seiner Nähe, ganz und gar nichts, was man mit Freundschaft bezeichnen hätte können.
Irgendwann wurde mir klar, dass das Ganze schon einer Abhängigkeit glich. Ich brauchte ihn so sehr. Ich brauchte seinen Rat, sein Verständnis, die Gespräche mit ihm... Und die Vorstellung, dass das nachlassen könnte, dass er sich vielleicht irgendwann nicht mehr so viel Zeit für mich nimmt, war schrecklich... unerträglich! Aber tief im Inneren wusste ich auch, dass es nicht gut ist, wenn ich mich so von seiner Zuwendung abhängig mache. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Außer ihm hatte ich ja niemanden zum Reden und genau von dieser Abhängigkeit konnte ich eben auch ihm nicht erzählen. Ich hatte Angst, dass er sich sofort zurückzieht, wenn ich ihm das gestehe. Ich hatte so große Angst, dass er mich allein lässt. Aber schließlich hielt ich es nicht mehr aus und rang mich dazu durch, mit ihm darüber zu sprechen. Ich versuchte zwar, es harmloser darzustellen, als es sich für mich anfühlte (sprach davon, dass ich befürchte, irgendwie Abhängig von ihm zu "werden"), aber endlich war es mal raus. Er versuchte mich zu beruhigen, dass er schon aufpassen würde, dass das nicht passiert. Logischerweise beruhigte mich das nicht wirklich, dafür war es ja schon zu spät! Aber ich gab mich damit zufrieden...
Na ja, was soll ich sagen. Er hat es geschafft! Er hat es geschafft, mich so von innen heraus zu stärken, dass ich ihn immer weniger brauchte und so konnte er sich tatsächlich langsam wieder etwas zurückziehen, ohne dass es mir wehtat.
Wie bereits oben erwähnt, halte ich es für ein großes Glück, dass dieser Mann so undenkbar für eine Beziehung war. Wäre er es gewesen, ich bin sehr sicher, ich hätte mich Hals über Kopf verliebt. Aber ich bezweifle stark, dass daraus eine gute und dauerhafte Beziehung geworden wäre, weil ich mittlerweile sicher bin, dass man aus einer solchen starken Bedürftigkeit heraus besser keine Beziehung eingehen sollte.
Was ich dir aus dieser Erfahrung heraus mit auf den Weg geben möchte, ist Folgendes: Unterschätze diese Gefühle nicht! Auch wenn du, (vermutlich zu Recht!) daran zweifelst, dass diese Gefühle wirklich Liebe sind, halte ich es für gefährlich, wenn du gegen dein Gewissen handelst, und dich "rein freundschaftlich" weiter mit ihm triffst. Auch wenn deine Gefühle hauptsächlich daher kommen, dass du dich mit ihm so gut unterhalten kannst und er dich so gut versteht, steuert ihr m. E. geradewegs auf eine Verliebtheit zu.
Du glaubst, ihn zu lieben, weil er dir das gibt, wonach du dich so sehr sehnst. Aber ich denke, das ist keine Liebe. Du liebst ihn nicht für das, was er ist, sondern für das, was er dir gibt. Das ist keine gute Basis! Aber so ein "Liebe" für das, was der andere einem gibt, führt m. E. sehr häufig und meist sehr schnell auch zu einer körperlichen Anziehung, zu Eifersucht und (wenn die Umstände passen) zu einer Beziehung. Man verliebt sich Hals über Kopf, weil es so schön ist, zusammen zu sein. Man will den anderen am liebsten ganz für sich. Und es klingt sehr danach, als wärst du auf dem besten Weg dazu.
Ich glaube, dass es eine Illusion ist, wenn du hoffst, mit weiteren Treffen, deine Gefühle wieder auf ein normales freundschaftliches Maß zu bringen. Ich bin ziemlich sicher, dass im Gegenteil jedes weitere Treffen dazu führt, dass sich die Gefühle noch weiter intensivieren, bis die Kontrolle deines Gewissens nicht mehr stark genug ist. Deshalb halte ich es für gut, wenn du weggehst von da und bis dahin den Kontakt möglichst unterbindest. Ich glaube, so ein Neuanfang bietet dir sehr gute Chancen, dich wieder zu stabilisieren, deine Trauer zu verarbeiten, dich selber besser kennenzulernen und an deinen Problemen zu wachsen.
Wenn du dann vielleicht in ein paar Jahren gefestigter und mehr in dir selber ruhend zurückkommen solltest, gibt es vielleicht auch nochmal eine ganz neue Chance für euch. Entweder wirklich nur freundschaftlich, oder auch (wenn die Beziehung zu dieser Freundin längst vorbei und gut verarbeitet sein sollte und du auch Single bist) als Paar.
Ganz liebe Grüße
M.