Hallo Georg,
einfach entsetzlich, was eure Familie, aber vor allem deine Verlobte gerade durchmachen müssen. Das ist sehr schlimm und sowas sollte niemand durchleiden müssen. Eure Geschichte berührt mich sehr, da ich selbst Opfer von Missbrauch bin und unabhängig davon noch weitere traumatische Erfahrungen durchgemacht habe.
Erst einmal: niemand darf eure Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen, bewerten oder verurteilen. Ich persönlich finde die Entscheidung nachvollziehbar. Leicht ist es nie. Das wichtigste ist, dass deine Frau alles tut, was ihr hilft, über diese Erfahrung hinwegzukommen. Niemand darf von ihr verlangen, das Kind eines Vergewaltigers auszutragen! Das ist eine entsetzliche Qual und kann das Trauma sehr verschlimmern, wenn nicht sogar ein Leben lang immer wieder in Erinnerung rufen - deswegen finde ich, habt ihr das schon richtig entschieden. Aber was zählt, ist wie es euch geht und was ihr für eure Situation als richtig erachtet. Wir hier können euch nur virtuell unterstützen und Beistand geben.
Deine Frau ist wahrscheinlich gerade schlichtweg extrem mit allem überfordert. Wenn sowas furchtbares passiert, bricht erstmal alles in einem und um einen herum zusammen. Bei mir war es so, dass ich mich unwirklich gefühlt habe. Der Alltag ging weiter, ich war abseits. Ich habe mich ganz weit entfernt gefühlt von allen. Ich dachte mir, für andere geht das Leben weiter, sie sind einigermaßen glücklich und ich sitze hier, total zerstört und gezeichnet. Ich hatte furchtbare Angst, dass die Erinnerungen nie wieder verblassen und ich nie wieder einfach eine schöne Zeit haben werde. Deswegen, versuch deiner Frau auch Kleinigkeiten abzunehmen im Alltag, wenn du merkst, sie überfordern sie. Für mich war es oft schon ein Kraftakt, meinen Alltag auf die Reihe zu bekommen. Meistens war es zu viel. Ich habe aber keine Kinder und keine Beziehung, das kommt nochmal dazu bei euch.
Ich fände es ganz wichtig, wenn du deiner Frau immer wieder sagst, dass es okay ist, wenn sie überfordert ist oder nicht weiß, was sie tun soll. Und vor allem, dass du keine Probleme damit hast, dass sie noch nicht Nähe zulassen kann und will. Viele Betroffene von sexueller Gewalt machen sich nämlich noch total viel Druck, was Nähe und Sex mit dem Partner angeht. Das kann echt fertig machen und man hat oft Angst, dass man verlassen wird, weil man nicht so wie vorher Nähe zulassen kann und will. Oder es nicht mehr so einfach geht. Es kann sehr helfen, wenn der Partner dann immer wieder sagt, dass es in Ordnung ist und nicht schlimm.
Deine Frau braucht unbedingt eigenen Raum, um sich auszusprechen. Ihr Schmerz und ihre Angst müssen raus. Die stecken wahrscheinlich immer noch in ihr fest. Ich finde den Vorschlag mit dem Forum sehr gut. Das wäre ein erster Schritt. Bei "Wildwasser" und "Der Weiße Ring" könnt ihr euch kostenlos beraten lassen und aussprechen. Die Leute dort können euch wirklich gut helfen!
Ich denke, für dich ist das nämlich auch wichtig, dich auszusprechen und deine Fragen, Probleme und Sorgen thematisieren zu dürfen. Vielleicht Fragen zu stellen, bei denen du Hemmungen hast, die deiner Frau direkt zu stellen. Darüber zu reden, was dich beschäftigt. Das ist gerade ein riesen Kraftakt auch für dich, das als Partner zu bewältigen und du musst das auch irgendwie aufarbeiten.
Ich würde auch dringend eine auf Missbrauch spezialisierte Therapeutin suchen. Keinen Mann. Die Beratungsstellen wissen da bestimmt auch gute Adressen. Wenn ihr merkt, dass deine Frau schlecht schläft, Albträume hat, immer wieder getriggert wird und das Trauma extrem hochkommt, dann könnt ihr auch überlegen, vorübergehend etwas für sie verschreiben zu lassen. Manchmal kann man Schmerz erst richtig angehen und aufarbeiten, wenn man so eine Hilfe in Anspruch nimmt. Und vielleicht ist es auch für deine Frau jetzt wichtig, erstmal etwas zur Ruhe zu kommen und Kraft zu schöpfen.
Wenn sie dich ablehnt oder sich dir gegenüber ambivalent verhält, kann das auch einfach sein, dass sie ihr Trauma auf dich überträgt. Ich habe bei vielen Betroffenen mitbekommen, dass die dann kollektiv erstmal vor allen Männern Angst hatten oder die ablehnen wollten und mir ging es auch mehr oder weniger so. Ich konnte das in manchen Momenten ganz schwer filtern, dass da jetzt ein Mann bei mir ist, der mir nichts Schlechtes will. Oder dass ich nicht ständig wachsam sein muss und in Alarmbereitschaft. Vielleicht geht es deiner Frau auch so. Deswegen nimm es nicht persönlich, wenn sie sich so verhält.
Natürlich solltest du ihr Zeit geben und sie unterstützen - aber es ist auch wichtig, dass du ein Auge darauf hast, dass sie für sich sorgt. Weil das kann sie vielleicht nicht mehr so, wie sie es davor konnte, weil sie die Gesamtsituation so belastet und fertig macht. Und es kann auch helfen, wenn jemand sagt "Ich sehe, dass es dir gerade so schlecht geht, wir müssen was tun."
Übrigens fände ich es im Moment ganz schlecht, den Kinderwunsch in nächster Zeit umzusetzen. Passt da wirklich auf. Nicht, dass sie denkt, eine neue Schwangerschaft mit einem Kind von dir kittet das alles, was in ihr zerbrochen ist. Das wäre für das zukünftige Kind nicht gut und auch nicht für euch, weil sie damit ihr Trauma und ihre emotionalen Verletzungen kompensiert. So eine wichtige und schöne Lebensentscheidung sollte nicht zum Kompensieren hergenommen werden. Und es könnte auch sein, dass sie sich selbst so Druck macht und denkt, es muss so weiterlaufen, wie sie es vor dem Trauma sich gewünscht hat. Und deswegen dann eine neue Schwangerschaft in nächster Zeit möchte, obwohl sie nicht dafür bereit ist. Oder sie macht sich Druck und will wieder einer gute, "normale" Partnerin sein und deswegen Sex haben. Da solltest auch du notfalls eine Grenze ziehen und sagen, dass du findest, dass das Thema noch zu wenig aufgearbeitet wurde oder dass du selbst das noch nicht möchtest, weil du das Gefühl hast, es tut ihr nicht gut.