Mal wieder eine Geschichte...
Tanzendes Herz
Der Nachmittag wollte einfach nicht vergehen und ich hatte mir fest vorgenommen, nicht einfach da zu sitzen und Däumchen zu drehen. Aber was mache ich nicht alles für diese eine Frau. Vorsätze ade. Wie immer eigentlich. Ich fühle mich wohl in meiner Gewohnheit, der Dinge zu harren, die auf mich zukommen werden. Ein langer Weg ist eben erst dann zu Ende, wenn er von Neuem beginnt. Natürlich drehe ich mich im Kreis. Nur erschreckt mich diese Feststellung nicht mehr, denn das ist alles, was ich habe. Die Kraft meiner Gedanken ist stark. Stärker als alles Andere in meinem Leben. Jetzt werfe ich mich in Schale. Wie werde ich auf sie wirken? Eigentlich mag ich dieses Szene-Outfit nicht, doch mir wird an ein oder anderer Stelle immer wieder gesagt, dass mir eine Krawatte steht. Mein Anspruch ist nur, dass sie schwarz sein muss. Ja, sie soll einen Anhaltspunkt haben. Ich stehe auf Frauen. Ich stehe auf sie. Im nächsten Moment binde ich mir die Krawatte wieder ab. Meine Unsicherheit zu überwinden, bedarf wohl einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein. Wie wirkt eine Frau, die eine Krawatte trägt? K.d. Lang sieht damit umwerfend aus. Und ich? In wenigen Minuten wird mein Handy klingeln und mir ist es noch so fern, eine Wahl bezüglich meines Outfits zu treffen. Die Krawatte wird es werden. Ich bin mir sicher, denn sie passt zu meinem weißen Hemd und der schwarzen Nadelstreifenhose. Es klingelt und ich starre auf mein Handy. Tatsächlich. Sie holt mich ab. Einerseits ist die Freude riesig und andererseits stehe ich vor einem Abgrund. Der freie Fall kann tief sein und die Landung schmerzhaft. Dessen bin ich mir bewusst. Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Noch nie bin ich so schnell die Treppe hinunter gelaufen. Meine Eltern sind mir wohl gesonnen und fragen nicht weiter nach, als ich ein „Tschüss, ich komme nicht so spät wieder“ in das Wohnzimmer rufe. „Vergiss den Hausschlüssel nicht und viel Spaß mit Marina“ und ein „Putz die Knie ab an der Eingangstür, wenn du betrunken nach Hause gekrabbelt kommst“ begleiten meinen Weg nach draußen. Ich laufe einen Häuserblock weiter und sehe ihr Auto. Gegenwärtig empfinde ich alles sehr unbeschwert. Hoffentlich bewahre ich dieses schöne Gefühl den ganzen Abend. „Na du“ werde ich begrüßt, als ich die Autotür öffne. „Ja, Hallo“ entgegne ich vorsichtig und steige ein, um sie leicht zu umarmen, was schon zu unserem Ritual gehört, wenn wir uns außerhalb der Schule verabreden. „Wo soll’s denn hin gehen heute Abend? Hast du dir schon etwas einfallen lassen oder ist noch alles offen?“.
„Tja, ich stell dich mal vor eine Entscheidung. Entweder ich entführ dich zu meinem Lieblingsplatz, einem kleinen See, oder wir verbringen den Abend in einer Lokalität deiner Wahl“ ist meine Antwort. „Da fällt mir die Entscheidung wirklich sehr leicht. Wo bitte geht’s zu deinem Lieblingsplatz?“ Während der Fahrt zum See unterhalten wir uns sehr locker und entspannt. Bis jetzt ist es einfach. Ich fühle mich wohl in ihrer Nähe und ihre bloße Anwesenheit wirkt kleine Wunder, die sich in einem Lächeln niederschlagen. Verstohlen versuche ich während der Fahrt einen Blick in ihre wunderschönen blauen Augen zu erhaschen. Traumhaft. Alles ist traumhaft. Bis jetzt! Nach meiner endlos verwirrenden Wegbeschreibung sind wir an einem Parkplatz angelangt und sie stellt fest, dass ich nicht als Navigationssystem zu gebrauchen bin. „Bist wohl ein wenig nervös, was?“ Mit einem Zwinkern werfe ich den Ball zurück. „Ach, wie kommst du darauf?“ Und sie geht noch tiefer. „Wie ich darauf komme? Das hat mir dein Blick verraten.“ Aber ich beherrsche dieses Ballspielen auch. „So? Sagt er dir also so etwas! Vielleicht verrät er dir ja noch mehr, wenn du lange genug hinsiehst.“ Bis zum See ist es nur noch ein kurzer Weg zu Fuß, der von uns beiden überaus langsam bestritten wird.
-„Was hast du denn Schönes in deinem Rucksack? Der scheint ja gewichtig zu sein.“
-„Nur gute Sachen. Eine Decke, falls dir kalt wird. Ein paar Kerzen, die uns den Weg leuchten. Zutaten für einen alkoholfreien Cocktail und ich hoffe, du hast noch nicht allzu viel gegessen heute Abend, denn ich habe einen Kuchen gebacken. Du bekommst heute Verwöhnprogramm a la Nicola. Und da wäre noch etwas: ich habe Massageöl dabei.“
Ihre Augen werden ganz groß und die Worte, die ihr gerade durch den Kopf schießen, verfehlen den Ausgang und springen wahrscheinlich wie Ping-Pong-Bälle im Kopf umher.
-„War ein Scherz. Ich weiß, ich weiß, ein Schlechter. So waghalsig bin ich dann doch nicht“
-„Du beliebst also zu scherzen. Ich muss dich enttäuschen. Zutrauen würde ich dir das auf jeden Fall“
Und wie sie mich dabei ansieht und wie sicher meine Wortwahl doch ist. Erwartet hätte ich es nicht. Keiner verschwendet den Gedanken an die vergangenen Wochen. Keiner denkt daran. Wir genießen den Augenblick. Sie lächelt verlegen. Wer darf bitte schön diese wundervolle Frau ansonsten verwöhnen? Ist es noch ihr Freund, von dem sie schon lange nichts mehr erzählt hat? Nein, ich frage nicht nach. Das wäre mehr als deprimierend. Die heutige Nacht gehört uns. Das Terrain wird vorsichtig abgesteckt und es besteht auf jeden Fall die Option, es auszuweiten. Am See angekommen, breite ich die Decke im Gras aus und lege mich darauf. Ich verspüre ein leichtes Zögern ihrerseits und frage „Hast Du Angst?“ Ihr Blick wirkt sehr weich, als sie mir antwortet „Nein, ich habe keine Angst“ und im selben Moment lässt sie sich auf die Decke nieder, stellt ihre Beine im Sitzen an und legt den Kopf darauf ab. Wunderschön sieht sie dabei aus. Meine Wortwahl wäre zu weit entfernt davon, diesen Anblick nur einiger Maßen beschreibend darzustellen. „Bitte erlöse mich“ schreit mein Innerstes. Einige Sekunden kehrt sie in sich. Absolute Ruhe. Unangenehme Ruhe. Ihre Augen schweifen über den See und verfangen sich an den Seerosen, wo auch ich am Vormittag hängen geblieben bin. Ich kann es nachfühlen. Ich empfinde genau so, doch sagen kann ich gerade nichts. Plötzlich durchbricht sie die Mauer des Schweigens. „Wie lange schon?“ Ich weiß genau, was sie meint und überlege kurz, ob ich mich einfach nur dumm stellen sollte. Jedoch entscheide ich mich für eine kurze, direkte Antwort, so kurz und direkt wie ihre Frage. „Schon länger.“ Stille. Ein Hauch ihrer Seele streichelt mich, wenn sie unauffällig zu mir sieht. Immer von der Seite und ich bemerke es jedes Mal. Ein Tunnelblick nach vorn rettet mich aus der Verlegenheit auch nicht. Doch am Ende ist ein Licht. Das Panorama wird umwerfend sein und es sitzt direkt neben mir. Außerhalb des endlos langen Tunnels. „Möchtest Du von dem Kuchen probieren, bevor du mich völlig mit deinen Fragen in die Verlegenheit abschießt?“. Felsenfest sehe ich sie dabei an.
-„Gern probiere ich ein Stück. Meinst du, mir geht es gerade anders. Ja, es stimmt. Ich habe tausend und eine Frage im Kopf und wenn du verlegen bist, wirkst du immer so hilflos süß.“
-„Falls es jemand schafft, dass ich mit rotem Kopf hier sitze, dann bist du es. Ich bin ganz Ohr, was deine Fragen angeht. Es muss raus. Alles. Bitte hilf mir dabei! Ich halte es sonst nicht mehr aus.“
-„Dir geht es also ähnlich. Was auch immer ‚ähnlich’ bedeuten mag. Alles ist so kopflastig in letzter Zeit. Es holt mich jeden Tag wieder ein.“
Okay, ich revidiere meine Aussagen. Die Gedanken der letzten Wochen überrennen uns nun doch. Allerdings ist es fast schon eine Wohltat zu wissen, dass sie genauso empfindet wie ich. Heute Abend würde ich ihr alles erzählen. Würde ich das? Meine Befangenheit nimmt mich früher oder später bestimmt gefangen. Alles, wirklich alles, könnte so einfach sein, wenn ich nicht in diese Schule gehen würde. Warum konnte ich diese Frau nicht einfach irgendwo anders kennen lernen? Es würde die Sache um einige Pfund erleichtern.
-„Was macht es für dich am schwersten? Ich glaube, es liegt daran, weil ich deine Schülerin bin und manchmal bereue ich es sehr.“
-„Du bereust also, was du getan hast?“
-„Nein, das nicht. Versteh mich nicht falsch, wenn ich dir sage, dass ich dich gerne außerhalb des schulischen Rahmens kennen gelernt hätte. Dann wäre ich weniger befangen und mein Kopf um einige Hemmnisse leichter. Ich weiß noch nicht einmal, auf welches Ufer ich gehöre. Durch dich habe ich erfahren, dass es da draußen mehr gibt, als ich mir jemals zugestehen würde.“
-„Du bist so verdammt anders. Das macht mir Angst. Deine Unbefangenheit ist größer, als du selbst überhaupt wahrnehmen kannst. Glaube mir. Deine Worte, deine Gedichte… all das verwirrt mich vollkommen und ich bin selbst überrascht, dass ich es aussprechen kann. Zumal es nicht meine Stärke ist, jemanden blind zu vertrauen. Es könnte mich den Job kosten, wenn du verstehst, was ich meine.“
-„Falls du deswegen Angst hast, kann ich dich beruhigen. Nie würde ich mit jemanden darüber sprechen. Ich konnte es bis jetzt ja nicht einmal mit dir. Nur die Gedichte an dich sind mir geblieben. Darin lebte ich auf, war unbefangen und schrieb es von der Seele weg.“
-„Du hast eine sehr einfühlsame Art, die mich um so manche Nacht gebracht hat. Aber es stimmt. Du bist meine Schülerin und von diesem Gedanken kann ich mich nicht befreien.“
-„Ich weiß.“
Traurig starre ich wieder die Seerosen an. Eine Kullerträne rennt über meine Wangen, so als könnte sie etwas verpassen, wenn sie zu langsam ist. Was bleibt mir nach diesem Gespräch? Woran kann ich mich nach dieser Nacht klammern? Träume sind Schäume und ganz klein wird mein Mut, um diese Frau zu kämpfen. Im Grunde ist alles gesagt. Im Körbe werfen war ich bis jetzt die Nummer eins, doch zum ersten Mal bekomme ich selbst einen, der mich zu Boden schmettert. Ich benötige eine Auszeit. „Beam me up, Scotty” schreit mein Unterbewusstsein.
-„Hey, zum Weinen wollte ich dich nicht bringen. Verstehst du denn nicht, was ich dir sagen will?“
-„Doch. Ich glaube schon, dass ich dich sehr gut verstehe. Aber es bedrückt mich eben. Für meine Gefühle kann ich nichts. Sie in Grenzen zu weisen, ist eben nicht ganz einfach. Ich habe wahnsinnig viel Herzblut daran verschwendet. Und nun? Ende im Gelände.“
-„Ich staune gerade, wie pragmatisch du sein kannst. Nenn es bitte nicht ‚verschwendet’. Hat es dir gar nichts gegeben?“
-„Zuviel. Einfach zuviel bedeutest du mir. Das sehe ich ein. Zu ändern vermag ich jedoch nichts. Alles in mir wehrt sich gegen diese absurde Vorstellung.“
Sie legt ihren Arm um mich und ich verfalle ihr vollkommen. Ich will mehr, soviel mehr als diesen Trost und vergrabe meinen Kopf in ihren Armen, lege ihn auf ihren Schultern ab und schließe meine Augen. Ihr Parfüm steigt mir in die Nase und kitzelt meine Sinnlichkeit. Ich genieße sie. Schließlich könnte es heute das letzte Mal sein. Weltuntergangsstimmung und sie hält mich ganz fest dabei. Mit ihr würde ich tausend Tode sterben. Aber nur die Kleinen. Wo hänge ich nur in Gedanken fest! Wen wundert es… bei dieser reizenden Lady. „Ich kann nicht mehr“ stolpert traurig über meine Lippen. Ein leises „Ich weiß“ fangen meine Ohren auf und sie drückt mich noch fester an sich. Meine Augen sind schon seit einer halben Ewigkeit geschlossen. Sie atmet tief und ich könnte fast meinen, sie streift ein Hauch von Sehnsucht, eine Welle unbekannten Verlangens, die sich mehr und mehr in ihrem Körper ausbreitet. Ich vertraue den physikalischen Gesetzmäßigkeiten und warte auf Resonanz. Spürt sie mich auch? Wie viel empfindet sie dabei? Nach einer Weile des Verharrens finden wir in das Gespräch zurück, unerwartet, doch überaus willkommen.
-„Hattest du schon einmal eine Freundin?“
-„Naja, Freundin will ich es nicht nennen. Aber es gab eine Frau. Allerdings hab ich null Gefühl dabei entwickelt. Deshalb zählt das auch nicht.“
-„So so, dann bist du mir um Einiges voraus. Kannst mir ja ein Anfänger-Schild umhängen.“
-„Hast du Zettel und Stift dabei? Ich schreibe dir ein großes ‚A’ darauf. Aber mit einem Sternchen, das für das fortgeschrittene Stadium steht. Schließlich hast du schon eine geküsst.“
Und wir lachen herzhaft. Ein Durchbruch. Eine Befreiung und so vergeht der Abend. Mittlerweile ist es spät geworden und ich fange an, die Cocktails zu mixen. Alles Andere als professionell versteht sich. Dazu lenkt mich ihre bloße Anwesenheit zu sehr ab und es kommt, wie es kommen musste. Die geschnittene Ananas nimmt tatsächlich den Umweg von der Hand über meine Hose.
-„Ich fress dir aus der Hand, Süße. Aber von der Hose… ich weiß nicht.“
-„Darf ich das schriftlich bekommen?“
-„Das Schreiben liefere ich nach, wenn ich Zettel und Stift habe.“
-„Dann bekommst du aber auch ein großes ‚A’ von mir, meine Anfängerin.“
-„Ja ja, das ist wieder ein gefundenes Fressen für dich, was!“
-„Tja, es ist mir eine Ehre, dir ein ‚A’ zu überreichen. Einen Darf-Schein hast du ja schon.“
-„Ob ich den auch schriftlich brauche?“
Es macht einfach riesig Spaß, mit ihr zu flirten. „Ganz schön kess, die Dame“ urteilt mein Verstand. Genau mein Typ und die Nacht ist wunderschön, zu schön, um wahr zu sein… Ein langer Weg ist erst dann zu Ende, wenn er von Neuem beginnt und an dieser Stelle würde ich mich zu gern im Kreis drehen.
LG,
*.*Gast*.*