Ja es kommt eine Geschichte...
Bekenntnis einer Selbstwahrnehmung
Nur mühsam setze ich einen Fuß vor mein Bett und öffne auch gleich das Fenster, was meine Mühseligkeit im Keim ersticken soll, denn es ist ein sonniger Morgen, der meinen Elan, Klausuren zu korrigieren, ins Unermessliche treiben wird. Oder doch nicht? Heute ist Samstag. Wieder habe ich eine Schulwoche überstanden. Manchmal frage ich mich, warum ich Lehrerin geworden bin. Vielleicht weil mir die Arbeit mit Kindern einfach nur Spaß macht und ich selbst jung dabei bleibe. Nein, ein Kind ist sie nicht mehr. Dafür strahlt sie zuviel Selbstsicherheit aus. Warum muss sie ausgerechnet in meinem Deutschkurs sitzen? Aber jetzt steht mir der Sinn nach einem genüsslichem Kaffee, den ich im Bett genießen werde. Zu gerne hätte ich jemanden bei mir, mit dem ich den Morgen zusammen hier im Bett verbringen könnte. Jemanden? Okay, ich habe einen Freund, der glücklicherweise noch nicht bei mir eingezogen ist, obwohl wir schon einige Jahre zusammen sind. Die überstürzte Bindung an den Alltag konnte ich noch nie ertragen. Trotzdem schleicht sich auch in solch einer Beziehung ein gewisser Alltag ein, obwohl wir nicht die Wohnung teilen. Warum habe ich es nie gewollt und er hingegen so sehr? Bin ich glücklich? Das frage ich mich immer wieder. Die Vollkommenheit des Glücks konnte ich nie einhundertprozentig erleben. Eine gewisse Anfälligkeit weißt unsere Beziehung schon auf und dann diese Frau. Das Unbekannte reizt mich, obgleich ich dieses Faktum aus meiner Gefühlswelt so gut es nur geht verbanne. Dabei stoße ich immer wieder an meine Grenzen und ich hasse mich dafür. Es ist eben nicht leicht zu akzeptieren, dass ich in letzter Zeit nur noch eine Beziehung aus Gewohnheit führe. Was kann ich verlieren? Er spürt es genau. Dafür kenne ich ihn zu gut. Nein, er weiß nichts von Nicola’s Gefühlen und meinen Abgründen. Niemand kennt in dieser Hinsicht mein Inneres und ich werde auch niemanden finden, dem ich solch einen Brocken Wahrheit anvertrauen könnte. Das würde mich wahrscheinlich den Job kosten. Rausgesucht habe ich mir diese Unsicherheit auch nicht. Selbst er findet sie reizend. Das sagte er, als ich ihm vor ein paar Monaten Nicola vorstellte und danach mit ihr ins Kunstmuseum gefahren bin. Nichts denkt er sich dabei. Rein gar nichts. Andererseits spürt er, dass sich etwas ändern wird. Eher würde er einen anderen Mann vermuten, als dass er jemals eine andere Frau dahinter erahnt. Warum ist er so feige und fragt nicht ein einziges Mal nach? Über Gefühle zu reden, war noch nie seine Stärke und ich vermisse es so sehr. Mittlerweile bohrt die Illusion so tief in die Wunde, dass ich die Frage nach dem Glück beantworten kann. Der Kuss mit ihr hat sein Übriges dazu getan. Soeben steigt der Duft von frischem Kaffee in meine Nase und erlöst mich eine gefühlte Minuten vom Gedankensumpf. Ich gönne mir eine Auszeit im Bett. Das Radio begleitet meine geistige Arbeit harmonisch und im Kopf schmiedet sich ein Plan, wie ich das Wochenende verbringen werde. Doch hartnäckig holt mich das Prozedere wieder ein. Warum denke ich soviel nach? Es ist einfach wahnsinnig schwer. Doch ich widerstehe der Versuchung nicht, ihr eine SMS zu schreiben. Völlig belanglos wie eben schon die ganze letzte Woche. Unsere Kommunikation findet auf irgendeiner Metaebene statt. Nicht das Wahre, Reale und doch keine Lüge. So etwas lässt viel Spielraum für Interpretation. Ja, Deutsch habe ich studiert. Viel mehr würde mir Psychologie helfen. Vielleicht ergibt sich ja am Wochenende ein Gespräch unter vier Augen, wonach sie sich bestimmt schon die ganze Zeit sehnt. Ähnlich empfinde ich ja auch. Wobei ich keinerlei Vorstellung davon habe, was ich ihr sagen werde. Noch nie war es ein Problem für uns, ehrlich miteinander zu reden. Unser Umgang war schon immer durch Respekt und einer gewissen Vertrautheit bestimmt. Weshalb soll ich mir also Gedanken machen. Sportlich nehme ich diese Herausforderung an. Nur hoffe ich, dass ich keine Anzeichen von Schwäche zeige, wenn ich es einmal so benennen darf. Ein Traum bleibt ein Traum. Die letzte Woche knüpfte an unsere ehemalige Gewohnheit an. Wir liefen uns im Schulgebäude über den Weg und redeten belanglos über unsere Wochenendvorhaben. Kleine, alltägliche Anekdoten rundeten unsere Gespräche ab. Weiteres kam nicht zur Sprache und war total ausgeblendet. Dagegen verwirrte mich meine Phantasie umso mehr, je normaler unser Gesprächsverlauf war. Der Grad meiner Distanziertheit hindert mich an einem gewissen Maß der Ehrlichkeit, die sie eigentlich verdient hätte. Ihr Blick, ihr Lächeln. Ich bin die Liebe einfach nicht mehr gewöhnt und diese Erkenntnis ist traurig. Ein Armutszeugnis für meine jetzige Beziehung, doch möchte ich gar nichts mehr daran ändern. Es hat nichts mit ihr zu tun. Nicht direkt. Durch sie habe ich nur gemerkt, was mir wahnsinnig sehr fehlt. Die Verliebtheit, das Feuer in den Augen und das Bemühen, um eine Liebe, die auch noch so aussichtslos erscheint. Ihr jugendlicher und bedingungsloser Optimismus kommt ihr dahingehend sicher zugute. Es ist herzerfrischend anzusehen. Apart zu erwähnen ist noch das große Unbekannte. Eine Frau. Niemals hätte ich es mir erträumen lassen, dass es einmal so sein könnte. Mehr und mehr merke ich, wie ich meinen Gefühlen Ausdruck verleihe, was natürlich alles Andere als gut ist, denn sie ist meine Schülerin. Daran sollte ich wohl zuerst denken, besser noch ausschließlich. Könnte mich auch eine andere Frau, deren Gefühle ich erwidern darf, so tief berühren? Eine durchaus schwere gedankliche Kost zum Samstag Morgen und probieren geht immer noch über studieren. Doch werde ich diesen Schritt wohl nie wagen und es ist beängstigend, dass ich schon derartig unwirkliche Vorstellungen hege.
Lieben Gruß an alle,
*.*Gast*.*