Hallo, OddThomas,
entschuldige die Pause, ich konnte nicht früher. Was hast Du am Wochenende gemacht? Wenn Du genauso schönes Wetter hattest, wie hier bei mir, dann hättest Du eigentlich spazieren gehen müssen. Warst Du draußen?
Deine Infos habe ich mit großem Interesse gelesen. Sag mal, kannst Du eigentlich rückwärts nachvollziehen, warum Deine Depression so früh angefangen hat. Führst Du das auf eine Kindheit mit schlechten Erfahrungen zurück oder hast Du menschliche Verluste erlitten, Tod der Eltern oder Geschwister oder anderer nahestehender Menschen? Oder hast Du in der Kinder-, Jugend- oder frühen Erwachsenenzeit Misserfolge sonstiger Art erlitten, die Dich so verzweifeln ließen?
Hast Du Angst vor Menschen? Ich kann das eigentlich gar nicht so richtig nachvollziehen. Wenn Du um Dich schaust, und dies mit "offenen Augen", kannst Du ganz klar erkennen, daß jeder, und sei er noch so selbstbewusst und in Deinen Augen vielleicht beneidenswert, die gleichen Anforderungen im Leben durchlaufen muss, mit allen Selbstzweifeln und Rückschlägen! Natürlich gibt es Menschen, die das einfach so "wegstecken" und innerlich schneller wieder auf den Beinen sind, als Du, der Du mir sehr sensibel erscheinst, zu sensibel!
Du willst niemanden belasten, wie Du schreibst. Aber warum denn nicht? Wahrscheinlich liegt es daran, daß Du schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht hast. Ich meine jetzt nicht Deine S., das ist eine andere Sache. Es gibt natürlich Partner, aber das ist der sehr seltene Idealfall, der vielleicht auch altersabhängig ist, die bereit sind, dem anderen (wie ein Therapeut) bei seinen Schwierigkeiten zur Seite zu stehen, aber normalerweise funktioniert eine Beziehung natürlich leichter ohne Belastungen dieser Art. Manche Partner wollen sich diese Mühe nun mal einfach nicht antun. Aber es gibt sie trotzdem. Genau deswegen solltest Du "die Flinte nicht ins Korn werfen" und einfach abwarten (aber bitte nicht untätig!), wen das Schicksal Dir als nächstes zuführt.
Ich weiß nun leider nicht, welcher Art Deine Depression ist, hat sie einen Auslöser gehabt, oder ist sie sog. systemischer Natur. Wenn Du diese Beeinträchtigung, für die man wirklich niemanden beneiden kann, schon so lange ertragen musst, wie hast Du das denn so lange alleine ausgehalten? Ich nehme an, daß Du Dich selbst in der Zeit mit S. " alleine" gefühlt hast. Wäre es nicht besser, wenn Du die Nähe oder Gesellschaft einer gleichermaßen betroffenen Frau suchen würdest, mit der Du reden und etwas unternehmen kannst? Ihr hättet doch eine ideale Basis, was das gegenseitige Verständnis und auch gegenseitige Unterstützungsmöglichkeiten anbelangt.
Mir drängt sich der Eindruck auf, daß Du Dich wegen Deiner Beeinträchtigung schämst, daß Du sie quasi zudecken, d.h. verstecken willst, damit sie niemand erkennt und Dir deswegen u.U. wehtut. Du suchst deshalb, und niemand kann Dir das natürlich verwehren, die Anbindung an sog. "gesunde" Menschen. Aber da man Dir von dieser Seite in den seltensten Fällen das nötige Verständnis entgegenbringen kann, kommt es zwangsläufig doch wieder dazu, daß man Dir wehtut, aus Ungeduld und Unverständnis heraus, wie es Dir wahrscheinlich (und leider) mit S. passiert ist.
Du schreibst, daß Du im Moment keiner Berufstätigkeit nachgehst. Kann Dir Deine Berufsausbildung über Lesen, o.ä. denn noch etwas für Deine Privatzeit geben? Hältst Du Dich in irgendeiner Form auf dem Laufenden? Hörst Du Nachrichten? Interessiert Dich das, was in der Welt passiert? Soviel Schönes ist es zwar nicht, aber auf dem Laufenden sollte man sich trotzdem halten.
Ich würde Dir vorschlagen, komm raus aus Deinem selbst gebauten Gefängnis, wage einen Blick "über den Tellerrand", weg von Deinen Krankheitsgefühlen. Das geht nicht von jetzt auf nachher, schon gar nicht, wo das schon so lange dauert bei Dir. Deine Therapie wird bald wieder beginnen, aber verlaß Dich nicht ausschließlich auf Deinen Therapeuten. Der kann Dich nicht ein Leben lang an der Hand führen und Dir "den rechten Weg weisen". Du selbst bist gefragt! Du selbst musst aus Deiner Isolation raus, die sich Depression nennt. Raus und hin zu den andern, und wenn Du dort (und dessen bin ich sicher) Ähnliches feststelltst wie bei Dir, dann versuche, zu helfen. Das positive Echo ist gewiss und es wird Dir Freude machen und Dich aufbauen. Warte nicht auf Deinen Therapeuten, tu selbst etwas - für Dich!
Wie wäre es z.B., wenn Du Dich einer Selbsthilfegruppe für Depressionen anschließt, die gibt es sicher auch in Deiner Nähe. Such mal über Google, o.ä.
Hast Du irgendeine sportliche Vorliebe? Ich fände es gut, wenn Du einfach mal Joggen gehst. Erschöpf Dich richtig und verausgabe Dich, daß Du nur so nach Luft schnappst und Dir "alle Knochen wehtun". Auf diese Weise kommst Du weg von Deinem gegenwärtigen "Mittelpunkt", der Depression. Versuch dann mal in Dich hineinzulauschen, wie es Dir dann geht? Ich möchte annehmen, blendend, weit entfernt von einer Depression! Selbst wenn es nur für einen Augenblick ist, aber diese Erfahrung ist so wertvoll, daß Du sie wiederholen wollen wirst.
Vergiß auch nicht, daß Du durch die mangelnde Berufstätigkeit ebenfalls eine "Leere" in Dir, wie ein Loch, empfindest. Vielleicht ist Dir das gar nicht bewusst, aber auch in diesem Zusammenhang wirst Du durch körperliche Anstrengung wieder zu einer gewissen Kondition finden.
Tu mir den Gefallen und überwinde Dich, setze irgendwo an, ohne Hektik, einfach, um etwas zu tun! Willsts Du?
Ich bin sehr gespannt,
liebe Grüße
Barnici