Also ich arbeite als Empfangsdame in einer Einrichtung des Gesundheitswesens. Multitasking macht mir nichts aus, wenn ich Aufgaben abarbeiten muss wie Telefon, Auskünfte erteilen, handschriftlich verfasste Texte einfach nur abtippen, usw. das kann ich gut gleichzeitig machen, aber das eigenständige Formulieren von Text erfordert eine ganz andere geistige Konzentration als nur Text abtippen, weil ich beim Text abtippen nicht wirklich mitdenken muss, versteht ihr, was ich meine? Für mich liegt da ein großer Unterschied.
Ich finde nicht, dass ich mich allen äußeren beruflichen Anforderungen immer kompett unterwerfen muss, meine Bedürfnisse unterdrücken, meine seelische und geistige Konstitution ignorieren und zwangsweise anpassen soll, weil der Zeitgeist und der gesellschaftliche Mainstream leider gerade diese fürchterliche brutale Mentaltität, sich an die Arbeitswelt anzupassen, vertritt. Die Leute sind auch noch stolz darauf, sich von den Arbeitgebern total verschleißen und auspressen zu lassen, aber Hauptsache man hat Arbeit. Diese Mentaltität der Härte gegen sich selbst, ist natürlich sehr erfreulich für den Arbeitgeber, der macht noch mehr Geld, wenn einer für zwei arbeitet. Und die Leute tun es auch noch freiwillig, ganz ohne Gegenwehr.
Menschen haben unterschiedliche körperliche und geistige Dispositionen und Anlagen, so dass ihnen bestimmte Berufe leichter bzw. schwerer fallen. Ich wehre mich dagegen, dass ich Arbeitsbedingungen und Aufgaben, die mit meiner Reizfilterschwäche -die eine nicht wegzutrainierende körperliche Gegebenheit darstellt- nicht kompatibel sind, hinnehmen muss.
Das ist so, als wenn man einem Eichhörnchen das Fliegen beibringen will. Selbst wenn das Eichhörnchen sich ganz viel Mühe gibt und den ganzen Tag fleißig trainiert, es wird doch nicht ansatzweise die Flugmanöver eines Spatzen hinbekommen, sondern sich immer nur mit Mühe und Not in der Luft halten und völlig kaputt auf der Erde ankommen. Aber was tun, wenn die soziale Umwelt dem Eichhörnchen immer wieder zuruft „Du schaffst es!“, „Mach weiter!“, „Sei doch kein Weichei“, „Die kleinen Spatzen schaffen es doch auch!“ Da das Eichhörchen unter seinesgleichen nicht für bequem, verwöhnt, faul und willensschwach gelten will, nimmt es alle Kraft zusammen, schwingt sich in den Himmel auf und als ein Windstoß aufkommt, stützt es zu Boden und ist tot. Ich finde, das passiert mit den Menschen im Kapitalismus, zumindest den von Erwerbsarbeit abhängigen.