Ich erlebe es auch so, dass Männer hier eher nicht so darauf aus sind, eine Jungfrau zu haben. Außer sie sind wirklich verliebt oder es ist ihnen nicht so wichtig. Andersrum kenne ich es aber auch: dass Männer Probleme damit haben, wenn ihre Freundin kein unbeschriebenes Blatt ist, was Sex angeht. Und es da halt schon mehrere Männer gab oder sexuelle Geschichten. Damit kann auch nicht jeder Mann umgehen, wenn eine Frau dann zugibt, in ihrer Sturm und Drang-Zeit sehr viele verschiedene Liebschaften gehabt zu haben oder da sehr offen und probierfreudig gewesen zu sein.
Das größte Problem ist - und sorry, es tut mir wirklich leid! - dass viele Männer Sex als Tauschgeschäft betrachten. Das weiß ich zwar auch von Frauen, dass manche von ihnen mit Männern schlafen, um Vorteile rauszuschlagen oder deren Wohlwollen zu bekommen, aber dieses "Ich habe dir jetzt Cocktails ausgegeben, also muss mindestens Fummeln drin sein" oder "Ich habe so viel für dich getan und dir geholfen, jetzt kannst du auch gerne mal gefügig sein, was Sex angeht und mir was Gutes tun." bekomme ich überwiegend von Männern mit.
Ich habe aus Interesse in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, als wir alle mal zusammensaßen, Männer wie Frauen, gefragt, ob "Netflix-gucken" so ein eindeutiges Codewort für Sex ist. Bis auf eine Frau haben alle Frauen gesagt, Nö, sie würden das wirklich eher als Einladung zum Filmabend verstehen. Und ca. 90% der Männer im Raum haben sofort gesagt "Ja, das ist total eindeutig! Mensch seid ihr naiv, dass ihr das mit Netflix nicht so deutet!". Da bin ich sehr nachdenklich geworden. Auf meine Frage, wie man dann das ehrlich gemeinte "Wollen wir bei Netflix Serien gucken?" und "Wollen wir Netflix gucken? Ich meine damit aber Sex!" unterscheiden kann, bzw. das klar unterscheidbar anspricht, wusste keiner so eine richtige Antwort.
Ich denke, viele Männer nehmen sich mehr heraus, dass Sex ihnen zusteht. Und wenn sie eine Botschaft (Netflix gucken, "Kommst du noch mit zu mir nach oben auf einen Kaffee?") eindeutig finden, ist es dabei erstmal sekundär, ob diese Botschaft auch so gemeint war. Das ist ja auch oft bei Victim blaming ein riesen Problem. Da heißt es dann "Wenn die so doof war und nicht kapiert hat, dass man nur zum Sex jemand neu Kennengelerntes mit nach oben nimmt und der Kaffee nur ein Codewort für Sex ist, dann ist sie selbst schuld".
Sex wird zu oft konsumiert wie eine Sache. Zu oft als etwas betrachtet, das einem zusteht. Oder wo man sich brisante Situationen schön redet und die Verantwortung auf das Opfer abschiebt, um weitermachen und sich befriedigen zu können. Das ist jetzt der absolute Worst Case, von dem ich schreibe. Wenn man einen Part dann vergewaltigt und missbräuchlich behandelt und "selbst Schuld, wenn der/die mich erst heiß macht und dann plötzlich doch nicht will".
In der anderen Ausprägung ist es dann wie Grisou geschildert hat: der nette Familienvater von nebenan, der in einem soliden Job arbeiten geht und mit seiner Frau seit 20, 30, 40 Jahren verheiratet ist. Der geht dann manchmal ins Bordell und behandelt die Prostituierten dort wirklich wie eine Sache, die man kaufen und sich dem entsprechend daran abreagieren kann, wie man will.
Da geht es auch oft um Macht. Und das ist sehr ungesund und krank in Beziehungen. Wenn einer sagt "Ich habe den dicken Geldbeutel und damit kann ich mir alle Frauen nehmen, die ich will und wenn ich der so viel kaufe, soll die gefälligst auch nach meiner Pfeife tanzen."
Dieses Machtgefüge hast du aber auch meiner Meinung nach, wenn Männer sagen, sie finden, ihnen steht Sex zu. Oder als erstes, wenn es um Partnerschaften und die ungerechte Welt geht, sich dann sofort direkt um Sex, Sex, Sex und die vollbusige, hörige, sirenenhafte Schönheit dreht, die gefälligst zu funktionieren hat.
Ich finde das Argument, "Die Natur sortiert halt aus" nicht weit gedacht. Sorry. Das hat sich verändert. Frauen sind nicht mehr wie heute auf Männer angewiesen. Und wenn es um Urinstinkte geht: Studien belegen, dass viele Frauen für eine dauerhafte Bindung und das Kinderkriegen nicht den sexy Muskelprotz bevorzugen, sondern den eher normalen Mann.
Fakt ist auch: die meisten Männer, die jammern, dass sie sexlos bleiben, sind normale Männer. Was gibt es da auszusortieren von der Natur aus? Die haben zwei Beine zum Laufen, zwei Arme zum Zupacken und sind gesund. Und die Natur denkt garantiert nicht "Oh, der sieht nicht aus wie ein sexy Schauspieler und Adonis. Den muss ich gleich mal aussortieren." Ich denke, das ist so ein Argument, wo halt viele die Verantwortung wieder abgeben. An die Natur. Die sie halt aussortiert hat.
Biologisch betrachtet sind die klapperdürren Frauen, die so dünn sind, dass ein Windhauch sie davontragen könnte, auch nur bedingt zum Kinderkriegen geeignet - wenn wir schon bei der Natur sind. Wenn es um Triebe und Urinstinkte geht, dann würde sich ein Mann eher denken "Die kann meinen Nachwuchs aber vermutlich eher nicht gut aufziehen und schützen und übersteht die Geburt vielleicht auch gar nicht. Und wenn es Winter wird, sieht es auch nicht so gut aus.". Fakt ist aber, dass viele dieser dürren Models sehr beliebt sind und schnell neue Partner finden und einige Männer Frauen ab Kleidergröße 40 schon als "fett" bezeichnen.
Es ist für mich so, wie jemand an anderer Stelle geschrieben hat: Sozialkompetenz punktet. Wenn wir wieder meinetwegen mit der Natur argumentieren: Nicht nur der Mann, der meinen Nachwuchs beschützen kann (nochmal, das muss nicht zwangsläufig der Muskelprotz sein, biologisch betrachtet!) punktet, sondern auch der, der sozial mit mir, meinem besagten Nachwuchs und der Gruppe agieren kann. Menschen sind früher wie heute Gruppentiere. Die Gemeinschaft hat sie vor Feinden geschützt. Die Gruppe hat das Überleben mehr garantiert, als wenn man alleine gelebt hat. Mittlerweile hat sich das verändert, weil wir anders leben, sicherer und technisch versierter sind. Aber die Veranlagung ist da. Und das sieht man daran, dass die meisten Menschen soziale Wesen sind. Der eine mehr, der andere weniger. Aber prinzipiell ist Menschen Kontakt wichtig. Freundschaften, Familie. Nicht umsonst werden Menschen, die komplett alleine und isoliert leben, oft verrückt und geisteskrank. Säuglinge, denen man keine körperliche Zuwendung und Ansprache gibt, die sterben. Obwohl sie ausreichend mit Nahrung und Ressourcen versorgt werden.
Was bringt mir biologisch betrachtet ein Adonis, der aber keinerlei Sozialkompetenz hat oder die so verkümmert ist, dass er sich nicht in einer Gruppe einfügen und diese gemeinsam schützen und ernähren kann? Vielleicht sogar durch sein Sozialverhalten andere gefährdet? Vielleicht diverse Nachkommen gefährdet, weil er nicht mit ihnen umgehen kann?
Ich finde es schade, dass Sozialkompetenz so unterschätzt wird von vielen. Da ist es wichtiger, den Sixpack zu haben oder die superschlanke Figur und das bildhübsche Gesicht.
Sozialkompetenz ist super wichtig. Die entscheidet nicht nur oft darüber, welchen Job ich bekomme, sondern ist auch für Freundschaften und Partnerschaften bedeutsam. Ich bekomme das selbst mit: der durchschnittlich aussehende Typ oder der, der weniger attraktiv ist, bekommt trotzdem oft seine netten, attraktiven Frauen ab, einfach weil er so eine tolle Sozialkompetenz hat und mit Charisma punkten kann. Der weiß auch, wie man ein Gespräch am Laufen hält oder jemanden von der Sympathie her für sich einnimmt. Der kann jemanden in einer Beziehung auch das Gefühl geben, verstanden zu werden und dass man über Probleme reden kann. Und diese positiv löst. Der kann Kompromisse finden. Ich würde sogar soweit gehen, dass solche Leute das besser können als die, die denken "Ha, ich bin so attraktiv, das ist ein Selbstläufer!" oder "Ich bin ein richtig guter Versorger, ich habe viel Geld!" und das wars.